Ong-Bak ist ein Martial-Arts Streifen. Wer hier eine komplexe, durchdachte Story erwartet, wird enttäuscht. Wer hier außergewöhnliche Charaktere und philosophische oder psychologische Raffinesse erwartet, der soll woanders suchen. Hier wird er sicher nicht fündig.
Aber jeder, der sich auch nur annähernd für Martial-Arts begeistern kann, wird diesen Film als ultimatives Machwerk dieses Genres erkennen. Einen besseren Martial-Arts Streifen gibt es nicht, Ong-Bak toppt alles bisher Dagewesene.
Schnell stellt sich die Frage nach dem Hauptdarsteller, entscheidet er doch über die Qualität der gezeigten Stunts und Kämpfe. Auch taucht schnell die Frage bei Kennern des Genres auf, ob Panom Yeerum, dieser Neuling aus Thailand, an alte HongKong Streifen und deren bekannte Darsteller heranreicht: Jackie Chan, Yuen Biao, Sammo Hung. Die mittlerweile doch recht alten Filme dieser Darsteller (die Filme vor ihrer Hollywood-Zeit) stellen immer noch das Maß, mit dem sich neue Martial-Arts Filme und deren Darsteller messen müssen. (Righting Wrongs, Knockabout, Prodigal Son, Pedicab Driver, Eastern Condors, Police Story und Heart of Dragon oder auch Jet Li’s Fist of Legend wären hier zu nennen.)
Nun, die Frage lässt sich schnell beantworten: Panom Yeerum übertrifft alle Darsteller mit Leichtigkeit, ihre besten Filme zusammengenommen werden ohne den geringsten Zweifel von Ong-Bak getoppt.
Was macht Ong-Bak zu etwas Besonderem?
Ong-Bak stammt wie schon erwähnt aus Thailand und dass er aus Thailand stammt, hat fundamentale Auswirkungen: Was man zu sehen kriegt, ist kein KungFu oder irgendeine Variation dessen. Was man sieht, ist Muay Thai - die härteste, brutalste und somit effektivste Kampfsportart der Welt - hier ist nämlich fast alles erlaubt, d.h. die in (fast) jeder anderen Kampfsportart verbotenen Ellenbogen- und Kniestöße sind erlaubt. Hinzu kommen verheerende ‚Lowkicks’, d.h. Tritte mit dem Schienenbeinknochen auf die Oberschenkelmuskulatur des Gegners. Dementsprechend sieht man also im Film zum ersten Mal eine 'neue' Kampfsportart, die nichts mit dem üblichen KungFu gemeinsam hat. Da die Härte in der Natur des Muay Thai liegt, ist auch der Film entsprechend brutal. Aber der Film ist weit davon entfernt stumpfe Prügeleien (oder bloße Turnierkämpfe) abzulichten, denn was Phanom Yeerum an Akrobatik darbietet, übertrifft wie schon gesagt alles bisher Dagewesene. Beschreibungen werden dem nicht mehr gerecht, man muss es sehen. (Zumal ich Spoiler der einzelnen Szenen vermeiden will.)
Um dies zu verdeutlichen: Bei Jackie Chan Filmen gibt es meist ein, wenn man einen besonders guten Film vor sich hat, vielleicht zwei wirklich außergewöhnliche ‚Special Kicks’ oder Stunts, die die Bewertung des Filmes für einen Kenner des Genres anheben. Ein oder zwei ‚Special Kicks’ ist man gewohnt pro Film, vielleicht einen wirklich tollen Stunt. Das ist der Grund, warum Ong-Bak solche Wirkung auf den Zuschauer hat: Panom Yeerum bietet einen ‚Special Kick’ nach dem anderen, unglaubliche Stunts toppen sich gegenseitig bis zum Ende. Die Steigerung der Intensität ist wirklich gelungen – und das, obwohl man bereits am Anfang Dinge zu sehen kriegt, die einen in Erstaunen versetzen.
Panom Yeerums Kicks und Ellenbogenstöße wirken auf den Zuschauer wie Chow Yun Fats Kugeln in Hard Boiled, hier werden Tritte zu Maschinengewehrsalven, Ellenbogenstöße wie aus zwei Berettas abgefeuert, und dann ein Kniestoß von solcher Gewalt wie ein Schuss aus einer Schrotflinte. Zeitlupenästhetik, Adrenalin, unbändige Kraft die ausbricht: Zwei unterschiedliche Darsteller, zwei unterschiedliche Genres, zwei Regisseure, unterschiedliche Waffen: Dieselbe Wirkung.
Da wo Hard Boiled Hollywoodeinheitsbrei wie Die Hard übertrifft und den ultimativen Actionfilm darstellt, da übertrifft Ong-Bak den HongKong KungFu Einheitsbrei (Hollywood Martial-Arts ist der Rede ja gar nicht wert – ich empfehle, sich zuerst Matrix und dann Ong-Bak anzusehen. Sofort wird selbst dem ungeübten Auge auffallen, wie ungelenk und unbeholfen Keanu Reeves und Laurence Fishburne ihre Hacksen versuchen zu heben, während bei Panom Yeerum jede einzelne Bewegung geschmeidig und kraftvoll wirkt.).
Es bleibt zu erwähnen, dass bei dem Film keinerlei Wirework verwendet wurde, wie sonst bei Martial-Arts Movies üblich. Wenn man sich Ong-Bak ansieht und sich darüber im Klaren ist...und auch nur ein wenig mit dem Genre vertraut ist oder man sich mit Kampfsport / Akrobatik an sich auskennt, dann hält man es kaum aus – man ist von dem Dargebotenen überwältigt.
Nach dem nun klar sein sollte, dass die Martial-Arts und die Stunts die Messlatte für alle kommenden Martial-Arts Streifen weit in die Höhe getrieben haben, nun die cineastischen Gesichtspunkte von Ong-Bak:
Charaktere und Story sind (natürlich? Leider!) nur ein Alibi, den Protagonisten in eine Kampfsituation nach der anderen zu bringen. (Allerdings sind Story sowie Charaktere bei weitem besser als bei so manchem HK-Streifen: Was man da teilweise über sich ergehen lassen muss, um ein paar KungFu Kämpfe zu sehen zu kriegen, ist unerträglich.)
Kamera und Schnitt sind auffallend modern, aber keineswegs unerträglicher MTV-Style. Für einen Martial-Arts Streifen, den man mit alten HK-Filmen vergleichen muss, die ohne Frage beste Kamera und der beste Schnitt. Übertrifft auch so manchen Hollywoodstreifen. Zusätzlich muss man den Einsatz von Farbfiltern erwähnen, je nach Location wurde dem Bild ein passender Farbton verliehen. Sehr gut gelungen, fast schon künstlerisch, keinesfalls Effektspielerei.
Sounds, d.h. insbesondere Schlag-, Tritt-, und Fallgeräusche sind die wohl realistischsten und besten die man bis jetzt zu hören gekriegt hat. Die Musik wechselt zwischen technoartigem harten Sound und traditionellen thailändischen Klängen. Ingesamt wird eine überzeugende Atmosphäre mit passendem Soundtrack erzeugt, die im Martial-Arts Genre ihres gleichen sucht.
Weiterhin gibt es einige Szenen des nächtlichen Bankogs, die Farben und das Licht sind hier phantasieanregend – man beginnt das nebensächliche Gerede der Protagonisten zu ignorieren, wenn man diese Stadt, diese Straßen bei Nacht sieht.
Für die Wirkung der Martial-Arts und Stunts müsste man eigentlich gesondert 100 von 10 Punkten verleihen, um die Qualität des noch nie Dagewesenen zu verdeutlichen. Für die Kamera, Schnitt und Farbfilter zusätzlich einen Pluspunkt, aber für die hohle Story und die nicht vorhandenen Charaktere: 9/10