Review

So ein altes Computerspiel aus den Achtzigern ist schon eine feine Sache: monochromer Bildschirm, zweidimensionale Ansicht, einfache Klickgeräusche, simple Midi-Rhythmen und nur wenige Auswahlmöglichkeiten, die einem der blinkende Cursor läßt: das erinnert viele Menschen mittleren Alters an ihre eigene Jugend. Auch Hal, ein biertrinkender Mittfünfziger ist ganz fasziniert, als er das alte Ding zum Laufen bringt, doch das scheinbar uralte Spiel mit dem Namen CURS>R greift in subtiler Weise in den Alltag der Gegenwart ein, indem es Bierflaschen, Speisekarten und andere Dinge in unmittelbarer Umgebung des Spielers verändert, der nach kurzer Zeit dann vor der titelgebenden Frage choose or die steht. Kneifen oder ausweichen gibts nicht, und so trifft der Spieler dann gezwungenermaßen meist eine Entscheidung, die für seine unbeteiligten Mitmenschen sehr blutig ausgeht.
Monate nach diesen Vorfällen taucht das ominöse Spiel dann auch bei dem jungen Paar Kayla (Iola Evans) und Isaac (Asa Butterfield) auf: der Computernerd kauft alten PC-Schrott auf, den seine Freundin Kayla dann wieder herzurichten versucht, denn die Berufsaussichten der beiden Freaks in ihrer ärmlichen Behausung irgendwo in London sehen nicht besonders rosig aus. Kaylas drogensüchtige Mutter vegetiert mehr oder weniger vor sich hin und ist auf die Pflege ihrer Tochter angewiesen, die sich mit Fensterputzen über Wasser hält, während Isaac sich auf das Programmieren alter Computer spezialisiert hat. Das Spiel CURS>R lockt die beiden mit einem offenbar noch nicht gewonnenem Preisgeld, und so läßt sich auch Kayla auf eine erste Runde ein, nicht wissend, daß dieser 24 Stunden später unweigerlich die nächste folgen wird...

Die Grundidee dieser Retro-Horror-Geschichte aus dem Hause Netflix ist durchaus vielversprechend, und weil der Film auch ohne Umschweife gleich in die erste Runde einsteigt, mag man sich auf noch viele weitere für die Spieler unerwartet blutige Szenarien freuen, doch wird diese Hoffnung schon bald enttäuscht, denn choose or die breitet stattdessen erst einmal eine ebenso mitleidheischende wie stinklangweilige Geschichte über Kaylas traurigen sozialen Background (inkl. der alten Zeiten nachtrauernden Mama und Hausmeister-Arschloch) aus und es dauert doch einige Zeit, bis das heimtückische Spiel wieder eine neue Runde einläutet.

Daß manche Folgen einer getroffenen Entscheidung nur im Off stattfinden, mag dem geringen Budget geschuldet sein: auch Robert Englunds werbewirksamer Name auf dem Cover täuscht, denn der Altmeister leiht gerade mal seine Stimme her, für einen Auftritt reicht es nicht. Als eine Ratte bedrohlich auf dem Bildschirm auftaucht, wird deren Jagd nach dem Spieler durch diverse Räume mit Geräuschen aus der Wohnung von Kaylas Mutter synchronisiert, die - so suggeriert es der Film - ebenfalls gerade von einer riesigen Ratte gejagt wird. Was für ein Glück, daß sie noch rechtzeitig aus dem Fenster springen kann: "Ein würdiger Spieler" konstatiert das Killergame, nicht ohne auf die nächste Runde am nächsten Abend hinzuweisen. Von der echten Ratte bekommt man freilich nichts zu sehen außer einer, äh, "aufgenagten" Tür, der Sprung aus dem Fenster geht mit ein paar Schrammen vonstatten...

Dazwischen versucht das junge Pärchen, der Sache auf den Grund zu gehen, gerät dabei aber nur in surreale Traum(?)welten wie einen mit Trockeneisnebel gefüllten Swimmingpool, eine alte Fabrikhalle oder eine Villa mit seltsamen Bewohnern mitten im Wald. Überhaupt ist zu keiner Zeit klar, ob das Spiel tatsächlich die Umgebung verändert oder der/die Spieler etwas zu sehen/erleben glaubt, wobei letzteres wesentlich wahrscheinlicher scheint. Dazu spielt die Regie dann mit künstlich verzerrten Bildern, läßt einen Mitspieler schonmal einen Berg Magnetband auskotzen oder Blut aus dem Arm in denselben wieder zurückfließen.
Doch je länger der Film dauert, desto weniger vermag dieser Interesse am weiteren Schicksal des jungen Pärchens zu wecken, das in seinen schäbigen Klamotten so recht in das schäbige Ambiente passt, in dem es sich ohne auch nur einen einzigen Gedanken an Gegenwehr vom mörderischen Spiel hin- und herschieben läßt. Warum sich das erkennbar in London/England spielende Geschehen laut Film in den Vereinigten Staaten zutragen soll, bleibt ungeklärt, spielt aber auch schon keine Rolle mehr.

Nach diversen bestandenen Levels kommt es dann zum Kampf mit dem Endgegner, doch zu diesem Zeitpunkt ist das Mißverhältnis zwischen der immer verrückter werdenden Handlung und dem nach wie vor träge-passiven Verhalten von Kayla schon derart groß geworden, daß man gar nicht mehr zuschauen mag.
Schade, aus der Grundidee des mörderischen Uralt-Spiels hätte sich durchaus etwas machen lassen (allein durch die Möglichkeit der Beeinflussung durch die Spieler z.B.), aber mit dem schwachen Drehbuch voller Logiklöcher und besonders diesen beiden ausgesprochenen Trantüten in den Hauptrollen ist spannungs- wie unterhaltungstechnisch Hopfen und Malz verloren. 3 Punkte.

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