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Staffel 1

Sie ist wohl das, was man eine Helikopter-Mama nennt: Anna Barczyk (Magdalena Boczarska) macht sich viel zu viele Sorgen um ihren Sohn Adam (Draegon Hennessy). Der ist zwar gerade 18 geworden und ein ganz normaler Schüler, der wie seine Altersgenossen gerne auf Parties geht und eine nette Freundin hat, aber die wohlsituierte Ärztin aus Warschau kann nicht aus ihrer Haut und installiert Spyware auf dem Handy ihres Sohnes. Das geht selbst Papa Michal (Leszek Lichota) zu weit, aber der Brandsachverständige akzeptiert diesen Eingriff in des Filius Privatleben dann doch stillschweigend, da er seiner temperamentvollen Frau ungern widerspricht.
Und überhaupt: einige Wochen zuvor war ein Klassenkamerad Adams tot aufgefunden worden, der offiziell an einer Überdosis Drogen gestorben war. Zwar scheint dies nur ein Teil der Wahrheit zu sein und noch mehr dahinterzustecken, doch die jungen Erwachsenen halten gegenüber den Eltern und Lehrern dicht. Dies stößt vor allem Igors Mutter sauer auf, die bei der Trauerfeier an der Schule für ihren Sohn die Anwesenden anklagt, etwas zu verschweigen - besonders Adam scheint mehr zu wissen, als er preisgeben will.
Tatsächlich werden an der Schule in größerem Umfang Drogen verkauft, und die jungen Leute aus dem noblen Warschauer Vorort feiern zum Teil an weit schäbigeren Orten mit höchst zwielichtigen Gestalten. Plötzlich verschwindet Adam, was Annas Sorgen zu rechtfertigen scheint - auch die Spyware bringt sie nicht recht weiter, und die Polizei ist zunächst eher desinteressiert am Verschwinden des jungen Mannes. Da beschließt die Ärztin, selbst in der Partymeile herumzuschnüffeln...

Ein weiterer Harlan-Coben-Roman, in der Reihenfolge der Veröffentlichung der insgesamt siebte und damit neueste aus der Netflix-Reihe (Stand Dezember 2022) präsentiert sich hier unter dem Allerweltstitel Hold tight bzw. auf deutsch Sie sehen Dich. Für Bartosz Konopka vom Regisseursduo Gazda/Konopka ist es nach Das Grab im Wald (2020) schon die zweite Auftragsarbeit für den Streaming-Giganten, doch dieses Mal ist die Verlegung der Handlung nach Polen ziemlich daneben gegangen: von Anfang an wirkt die 6-teilige Produktion wie ein US-Krimi, den man aus welchen Gründen auch immer nach Osteuropa verlegt hat. Bis auf die Darsteller und ihre Filmnamen sowie die Kfz-Nummernschilder gibt es nichts typisch Polnisches in der Serie, nicht einmal das kleinste Lokalkolorit - und das ist schade, wie einige vielversprechende polnische Produktionen der letzten Jahre beweisen. Stattdessen erlebt man US-typische Wohlstandsblagen, die keine Geldsorgen haben und den Schotter ihrer ausnahmslos in SUVs, Vans und Sportwägen herumfahrenden Eltern für Drogen raushauen, kein bißchen Verantwortungsbewußtsein zeigen und ihren erstaunlich verständnisvollen Altvorderen darüber hinaus die ganze Zeit mehr oder weniger auf der Nase herumtanzen.

Gegen diese von der ersten Szene an die ganze Story belastenden Konstellation können auch die durchwegs soliden Darsteller (allen voran Magdalena Boczarska, die sich auch mal mit Hooligans kloppt) nichts ausrichten. Die mäßige Spannung von Sie sehen Dich speist sich zum einen aus dem frühzeitigen Verschwinden von Adam, über dessen Schicksal sich das Drehbuch lange ausschweigt, zum anderen aus dem für Harlan-Coben-Adaptionen typischen Auftauchen diverser Nebenfiguren, von denen ein brutales Killerpärchen besonders hervorsticht: ein (wirklich übler) glatzköpfiger Sadist, der mit einer Lollipop lutschenden, bewußt auf Schlampe getrimmten Blondine Frauen kidnapt und ermordet. Während diese (wichtigen) Handlungsstränge am Ende zumindest halbwegs befriedigend zusammengeführt werden, ist ein anderer Subplot dagegen (über ein mit snapchat-artigen "Bart-Bildern" gemobbtes 12-jähriges Mädchen und dem ursächlich dafür verantwortlichen Lehrer) erzähltechnisch katastrophal schlecht implementiert.

Fazit: konnte die erste polnische Harlan-Coben-Adaption Das Grab im Wald noch mit viel Atmosphäre punkten, ist in diesen schlicht am falschen Ort gedrehten 6 Episoden deutlich mehr Schatten als Licht zu verzeichnen. Mit einem etwas fokussierteren Drehbuch wäre auch ein Punkt mehr drin gewesen, so aber bleibt Sie sehen Dich die bislang schwächste Netflix-Umsetzung eines Krimis des US-Erfolgsautors: 4 Punkte.

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