Review

"Vierzig Prozent von uns gehen schon im ersten Jahr drauf."

In den 30er Jahren wird der durch ein schmetterlingsförmiges Tatoo genannte Papillon (Steve McQueen), wegen Mordes an einem Zuhälter, zu etlichen Jahren Strafgefangenschaft in Französisch-Guyana verurteilt. Zu Unrecht wird der professionelle Safeknacker mit weiteren Gefangenen aus Frankreich deportiert. Bereits auf der Schiffsfahrt dorthin, beschließt er sich mit dem Betrüger Louis Dega (Dustin Hoffman) zusammenzutun, denn der verfügt dank lukrativer Fälschungen über die finanziellen Mittel, um ihm eine Flucht zu ermöglichen. Zunächst ertragen beide die unmenschlichen Haftumstände vor Ort, wobei sich ihr freundschaftliches Band festigt. Ein erster Fluchtversuch geht schließlich schief und Papillon sieht sich einer mehrmonatigen Einzelhaft in einer kleinen Zelle konfrontiert. Aber auch nach dieser Strafe ist sein Wille nach Freiheit nicht gebrochen.

"Papillon" basiert auf dem autobiographischen Roman von Henri Charrière, der in "Papillon" durch Steve McQueen dargestellt wird. Charrière erlebte selbst die harten Zustände der Kriminellen in Französisch-Guyana, schmückte aber offensichtlich seinen Roman in einigen Bereichen aus. Dies schmälert die Intensität der Geschichte aber keinesfalls, denn diese ist durch die famose Regie von Franklin J. Schaffner ("Planet der Affen") enorm realitätsnah.

Das in den 30ern angesiedelte Szenario geht weit über die Standards eines Gefängnisdramas hinaus, zeigt sehr authentisch die damalige Wirklichkeit und verfügt zudem über eine intensive Charakteranalyse. Im Zentrum des Films steht die jahrelange Beziehung zwischen Papillon und Dega und ihre langsame Annäherung bis hin zu einer unausgesprochenen, aber tiefen Freundschaft unter außergewöhnlichen Bedingungen.
Obwohl die vergangenen Ereignisse und sozialen Strukturen von Dega und Papillon nur angerissen werden, entfaltet die Charakterisierung volles Potential. Papillon ist durch seinen Sinn für Gerechtigkeit, dem teils unwirschen Verhalten und seiner Zielsetzung eine immens greifbare Figur und bietet als Hauptprotagonist einen sehr einfachen Bezugspunkt zum Publikum. Der genaue Gegenpol des bedarft handelnden Dega stellt eine perfekt funktionierende Ergänzung zu ihm dar, die nur unterschwellig wahrgenommen wird.

Das Band der beiden wird durch die kompromisslosen Zustände im Gefängnis von Französisch-Guayana gefestigt. Außer Krankheit und Arbeit erwartet die Gefangenen nur der Tod. Dieser kann bereits vorschnell durch eine, auch knallhart visualisierte, Enthauptung eintreten. "Papillon" stellt seine optischen Brutalitäten allerdings nur als Mittel zum Zweck dar, denn die wahre Pein ist die psychologische Zersetzung der Figuren, die in den vielen Jahren der Gefangenschaft sichtbar seine Spuren hinterlässt. Etwas störend wirken dabei unfreiwillig komische Momente, die bei der sonst trostlosen Stimmung nichts verloren haben.

"Papillon" lässt sich bei seiner Inszenierung zunächst viel Zeit. Nur sehr langsam beginnt das Gefängnisdrama damit Spannung und Dramatik aufzubauen. Die Charakterkonstruktion ist dafür relativ vielschichtig geworden. In der zweiten Hälfte passiert das Gegenteil. Die Ereignisse überschlagen sich , die Wendungen sind unvorhersehbar, die Handlung zieht an und das Tempo wird flotter. So flott, dass der Film gegen Ende etwas überladen scheint. Für das Verständnis hinderlich sind dabei insbesonders schwer nachvollziehbare zeitliche Sprünge.
Trotz mitreißender Intensität und toller Landschaftsaufnahmen ist "Papillon" technisch stark gealtert und bekam in den 90ern durch Gefängnisdramen wie "Die Verurteilten" und "The Green Mile" starke Konkurrenz.

Steve McQueen ("Gesprengte Ketten", "Die glorreichen Sieben") liefert hier eindeutig die beste Leistung seiner Karriere ab. Allein sein aus den unmenschlichen Haftbedingungen resultierender, körperlicher Verfall, der schlurfende Schritt, der müde Gesichtsaudruck und der zwischenzeitlich Beinaheverfall in Wahnsinn wird von ihm ungewohnt facettenreich dargestellt. Der zu dem Zeitpunkt noch junge Dustin Hoffman ("Sphere - Die Macht aus dem All") ergänzt ihn durch eine mental gegenteilige und zurückhaltende Verkörperung.

Die Handlung von "Papillon" ist gleichermaßen brisant und anspruchsvoll. Jedoch dauert es ein wenig bis das Gefangenendrama sein volles Potential ausschöpft. Gerade die erste Hälfte kämpft durch seine immense Charakterisierung mit Längen. Dann aber brilliert der Film durch eine erstaunlich greifbare Zersetzung seiner Figuren und hochwertigen Hauptdarstellern. Sperrig dabei ist die veraltete Technik und Präsentation, die nach fast 40 Jahrent deutlich Staub angesetzt hat.

7 / 10

Details