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Die Szenerie hat etwas Seltsames an sich - während im Obergeschoss des einen Hauses ausschließlich Frauen ihre Zeit miteinander verbringen, tanzen auf der Terrasse eines Nachbarhauses nur Männer miteinander. Doch Einer von ihnen hat noch etwas anderes vor und schickt zwei Männer mit ihrem Auto los, um eine der Frauen zu entführen, sobald diese die Straße betreten. Der Plan gelingt, obwohl sich die Frauen laut schreiend wehren, und Assunta (Monica Vitti) landet bei Vincenzo Macaluso (Carlo Giuffrè), einem stadtbekannten Verführer.

Während dieser etwas überrascht ist, weil er eigentlich ihre Schwester entführen lassen wollte, ist sie bereit, mit einem Messer ihre Unschuld zu verteidigen. Doch sie lässt die Waffe nach nur kurzem Widerstand fallen und verbringt die Nacht mit dem Schwerenöter, um am nächsten Morgen festzustellen, dass er sich davon geschlichen hat. Es hilft ihr auch nicht, zu behaupten, sie wäre kalt wie ein Stein geblieben - um ihre Ehre wieder zu erlangen, muss sie Vincenzo erschießen, weshalb sie mit einer Pistole und ein wenig Geld nach London geschickt wird, wo dieser in einer Pizzeria arbeiten soll.

Genauso überdreht, wie der Beginn des Films klingt, inszeniert ihn Mario Monicelli auch. Große Emotionen, wilde Gesichtsausdrücke und ausladende Gestik, begleitet von moralischen Vorstellungen, die an Widersprüchlichkeit nur schwer zu überbieten sind, erfüllen das Klischee des heißblütigen Sizilianers, der ständig zwischen Moralkodex und seinen Gefühlen hin und her gerissen wird. Keinen Moment will Assunta alleine mit einem Mann in einem Raum verbringen, um sich – nachdem ihr Widerstand gebrochen wurde - auf den Liebhaber zu stürzen, dieser wiederum hat zwar kein Problem damit, die Unverheiratete zu verführen, würde sie danach aber niemals heiraten, weil sie – nachdem sie mit ihm geschlafen hat - eine Hure ist.

„La ragazza con la pistola“ spielt nur in den ersten Minuten auf Sizilien, denn indem Monicelli die junge sizilianische Frau auf ihren Rachefeldzug nach England schickte, wo der abtrünnige Liebhaber hin geflohen war, erhöhte er noch die Diskrepanz zwischen den archaischen Moralvorstellungen Siziliens und einem Land, das Ende der 60er Jahre als das liberalste der Welt galt. Vor allem in Italien hatte England einen Ruf, der sich in Filmen, wie dem Pseudo-Dokumentarfilm "Inghilterra nuda" (Das nackte England) 1969 von Vittorio de Sisti, die sich durch eine Mischung aus Sensationsgier und Moralkritik auszeichneten, manifestierte, aber Monicellis Film hat damit nichts zu tun. Im Gegenteil ist „La ragazza con la pistola“ ein typischer Monicelli, dessen vordergründiges Komödienspektakel das eigentlich dahinter verborgene Drama nur langsam, dafür aber umso wirksamer offenbart. Das der Film, der 1969 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film zur Wahl stand, heute in Vergessenheit geriet, begründet sich besonders dadurch, dass er sehr auf der Höhe seiner Zeit war, weshalb man sich für die Entwicklung der Figur der „Assunta“ in die 60er Jahre zurück denken muss, um den Film heute nicht nur albern zu empfinden.

Wie deutlich die Handlung auch das damalige Denken in Deutschland noch provozierte, erkennt man an dem deutschen Titel „Mit Pistolen fängt man keine Männer“, der zum Einen das komödiantische Potential noch betonen will, zum Anderen die Idee des Films völlig falsch wiedergibt. Keinen Moment will Assunta einen Mann fangen, sondern nur den Einen mit der Pistole erschießen, während es stattdessen die Männer sind, die sich um die sehr gut aussehende junge Frau bemühen. Diese bringt die unterschiedlichen Kerle mit ihrem scheinbar widersprüchlichen Verhalten regelmäßig um ihren Verstand und auch für den heutigen Zuschauer wirkt Monica Vitti in ihrer Rolle manchmal nervig und unlogisch. Allerdings gilt das auch für ihre gesamte Umgebung, denn Monicelli gelingt es mühelos ein Englandbild aus „Swinging London“, Beatmusik, Discothek, modischen Klamotten, Rugby und Jaguar E mit dem hochnäsigen Verhalten der Engländer zu verbinden, für die Italiener damals vor allem Gastarbeiter waren, die die Pizza mit Arien servierten oder als Hausmädchen fungierten.

Im Grunde geht es in England genauso irre zu, wie am Anfang auf Sizilien, weshalb die eigentliche Entwicklung Assuntas darin verborgen ist, dass sie zur Ruhe und zu Selbstbewusstsein kommt. „La ragazza con la pistola“ ist nichts anderes, als die Beschreibung einer Emanzipation, die damit endet, dass Assunta nochmals mit Vincenzo ins Bett steigt, nachdem sie längst davon abgelassen hatte, ihn noch erschießen zu wollen, um ihn danach zu verlassen, um zu einem anderen Mann zu fahren – dem Einzigen, der sich von Beginn an gleichberechtigt verhielt, ohne das der Film genau benennt, in welche Richtung sich ihre Beziehung entwickeln wird.

Aus heutiger Sicht liegt darin nichts Besonderes mehr, weshalb eher das lange Zeit, von sizilianischen Wertvorstellungen geprägte, mädchenhafte Getue der Assunta in Erinnerung bleibt, aber dahinter verbirgt sich Monicellis Methode, der schon in seinen Komödien aus den 50er Jahren, wie etwa „I soliti ignoti“ (Diebe haben’s schwer), unterhalb des farceartigen Geschehens, den Finger in einer Art in die Wunde legte, die seine Nähe zum Neorealismus verdeutlichten. Trotz des turbulenten Geschehens, dass von einem Mann zum nächsten jagt, ist die Ausgestaltung der Frauenrolle in „La ragazza con la pistola“ auch aus heutiger Sicht wesentlich konsequenter als in den meisten gegenwärtigen Filmen. Assunta braucht am Ende keinen Mann mehr, nicht einmal ihre Herkunft hat noch Einfluss auf ihr Handeln, sondern ist komplett selbst bestimmt.

Mario Monicelli war sich genau bewusst, dass dieses Ende märchenhafte, unrealistische Züge an sich hatte, weshalb er dieses in einen komödiantischen Kontext brachte, der - entsprechend seiner filmischen Tradition – unter dem Deckmäntelchen des Unterhaltungsfilms die Diskrepanz zur damaligen Rolle der Frau auch in der westlichen Gesellschaft offenbarte. Das sich seitdem viel verändert hat, nimmt dem Film heute einiges seines Potentials, aber es sollte nicht den Blick versperren auf eine sehr eigenständige, jeden moralischen Zeigefinger vermeidende Umsetzung dieser Thematik, die bei genauem Hinsehen keineswegs jegliche Brisanz verloren hat (8/10).

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