Der Teufel steckt im Detail
„The Medium“ beweist eindrucksvoll, dass auch ausgetretene Pfade und Subgenres noch frisch und aufregend durchgezogen werden können. Hier betrifft das eine auf dem Papier eigentlich richtig öde Kombi: den Exorzismusfilm plus Found Footage. Die aber (ähnlich wie „Der letzte Exorzismus“ 2010) erstaunlich gut funktioniert, gruselt und überrascht. Aus Thailand. Mehr als zwei Stunden lang. Über eine Schamanin und ihr Dorf, in der alsbald seltsame Dinge passieren und vor allem ihre junge Nichte sich eigenartig verhält…
Strombergs The Wailing
Ein ausgeklügeltes Schachspiel zwischen Glaube, Aberglaube, Dämonen, Göttern. Und natürlich Menschen als Spielbälle dazwischen, die gerne mal in Flammen aufgehen oder denen Gliedmaßen verrenkt werden. Mit großem Exotikbonus des Ursprungslandes und für unsere Sehgewohnheiten, sodass jedes noch so klare Klischee seiner Subgenres in neuen Lack getaucht wird. Die Darsteller wirken frisch und authentisch, ihr Zugang und ihre Verbindung zur spirituellen „Geisterseite“ sind eine ganz andere als unsere, dennoch wirken sie nahbar und sehr menschlich. Gerade bevor alles wirklich aus dem höllischen Ruder läuft. In den besten Momenten kommen Erinnerungen an das „VHS“-Segment „Save Hafen“ hoch, natürlich auch an etliche Exorzismusecksteine, von Friedkins Meisterwerk bis zu manch einem der besseren „Paranormal Activities“. Es ist die meiste Zeit eine stetig, aber langsam brennende Spannungskerze, es wird sich Zeit für die Figuren, Riten und Mythen genommen. Bis alles dann im letzten Viertel implodiert, explodiert und schockiert. Im besten Sinne. Das Warten und die Geduld lohnen sich. Der thailändische Regen tröpfelt und höhlt Seelen aus. Der Found Footage-Ansatz ist nur ein Puzzleteil. Die Länge und die Herkunft sollten keinen abschrecken. Definitiv deutlich über den meisten Beiträgen Hollywoods zu dieser Sparte. Na Hong-jins Schreibstil, Herangehensweise, Tempo und Themen sind unverkennbar. Ich habe ihn mit Kopfhörern geguckt - und die Soundkulisse ist mächtig, creepy und baut sich gerade gegen Ende auf ein peitschender Sturm über einer felsigen Klippe. Es werden existenzielle Fragen gestellt, aber nicht überstrapaziert. Es wirkt alles sehr stilvoll und zeitlos, trotz der Handkamera, die übrigens nie zu wackelig wird. Und ich konnte mich immer wieder dabei ertappen, nicht nur an „Cannibal Holocaust“ zu denken, sondern auch an ein mögliches US-Remake von diesem Dschungelspuk - das von Anfang an nur verlieren könnte.
Fazit: exotisch, enigmatisch, exzellent - „The Medium“ ist Found Footage- und Asia-Eleganz, -Furcht, -Kreativität, -Intelligenz. Eine eigene Spezies? Nicht direkt. Aber in jedem Fall ein hochinteressanter Slowburn-Mix. Exorzismus-Edelstein!