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„Die elf Farben des Vogels“ ist eine zweistündige Dokumentation über die 100-tägigen Dreharbeiten von “The Painted Bird”. Sie liest sich wie ein Produktionstagebuch, das aufwändig für ihre filmische Präsentation nachbearbeitet wurde. Der Aufbau folgt synchron den Kapiteln des Films, auf die im Titel mit den „elf Farben“ auch angespielt wird. Der schiere Umfang der Dreharbeiten sorgt dabei schon automatisch dafür, dass ein Gefühl wie bei einer Abenteuerreise vermittelt wird, von dem die Briefe des Reisenden verkünden, der, wenn auch von Heimweh geplagt, allerhand unglaublicher Dinge erlebt, bevor er in die behütete Heimat zurückkehrt. Auch wenn der insgesamt recht zurückhaltende Score in Schlüsselmomenten (etwa als klar wird, dass der Hauptdarsteller gefunden ist, oder als die Dreharbeiten beendet sind) vielleicht ein wenig zu dick aufträgt, die Bedeutsamkeit des Projektes für die Teilnehmer ist auf Anhieb spürbar.

Ein besonders raffinierter Twist ist dabei, dass der junge Hauptdarsteller, der im Film selbst praktisch keine Dialogzeile sprechen durfte, nun als Off-Erzähler seiner eigenen Geschichte auftritt. Unüberhörbar wurde der gelesene Text natürlich von einem erwachsenen Mitglied der Produktion verfasst. Dem durch den Dreh bereits schwer gebeutelten Petr Kotlár wollte man sicherlich nicht noch eine Hausaufgabe in Form eines Aufsatzes zumuten, ferner geht der Kommentar mit Schnitt und Regie natürlich Hand in Hand. Dadurch wirkt der Ablauf sicherlich etwas geskriptet, aber die Diskrepanz zwischen Sprecher und Gesprochenem ist so offensichtlich, dass man sie umgehend als Kunstgriff akzeptiert.

Inhaltlich bekommt man reichhaltige Einblicke in die Vor-Ort-Produktion und erfährt schon aufgrund des reinen Bildmaterials, das anders als der Hauptfilm hier in Farbe daherkommt, wie bestimmte Szenen realisiert wurden. Wer sich noch einmal mit eigenen Augen vergewissern will, dass keine Tiere zu Schaden kamen, dem sei ebenfalls ein Blick empfohlen, denn viele drastisch wirkende Effekte werden hier mit einfachen Tricks aufgelöst (wenngleich einer Kuh offenbar tatsächlich der Hintern angekokelt wurde, nicht aber ohne ihn vorher mit schützendem Gel einzureiben). Lediglich das Humpeln des Pferdes bleibt ein ungeklärtes Rätsel, auch wenn man sieht, dass der offene Bruch lediglich aufgetragenes Make-Up war.

Ferner darf man Bekanntschaft machen mit Kotlárs Stunt Double, man bekommt mehr von den Hollywood-Stars am Set zu Gesicht und erfährt so manches über die Qualität des Caterings (besonders wichtig, versteht sich). Wer auf Reibungen hofft, könnte ein paar handfeste Konflikte vermissen, insbesondere die bekannteren Darsteller erweisen sich als wahre PR-Profis und haben eigentlich nichts als Bewunderung und Respekt für das Projekt und seine Beteiligung übrig. Etwas lauter wird ausgerechnet der Regisseur selbst in zwei, drei Momenten, in denen der Ablauf eines Takes nicht seinen Vorstellungen entspricht. Das scheinen allerdings Begleiterscheinungen seiner recht heißblütigen und spontanen Natur zu sein, die in den meisten Fällen nicht etwa zu Wutausbrüchen führt, sondern zum Austausch von Herzlichkeiten. So führte Marhoul bei allen männlichen Darstellern nach ihren letzten Szenen ein Ritual ein, indem er sie mit dem Armen umfasste und lachend in die Luft hob – eine Aussicht, auf die vor allem Harvey Keitel höchst amüsant reagiert, indem er die Beine unter seinem Priestergewand in die Hand nimmt und flüchtet.

Dem neunjährigen Kotlár jedenfalls sieht man die Strapazen in vielen Gelegenheiten an, wenn er als am meisten geforderter Darsteller am Set immer und immer wieder unangenehme Situationen über sich ergehen lassen muss und dabei nicht selten auch manche Träne verdrückt. Die gesamte Crew reagiert vorbildlich auf die schwierige Situation für den Jungen, indem sie immer wieder Späße mit ihm macht, mit ihm spielt, sich um ihn kümmert und ihm vor allem fortlaufend klar macht, dass alles nur Fiktion ist – Kinderpsychologie, ausgeführt durch ein familiär auftretendes Patchwork-Ensemble mit dem Herz am rechten Fleck.

Da in „Die elf Farben des Vogels“ lediglich Cast & Crew auftreten, sich also fast alles um die Entstehung des Films dreht, sind keine tiefgehenden Interpretationen von Kritikern oder anderen externen Gruppierungen zu erwarten, zumal es sich um einen noch sehr neuen Film handelt, der noch nicht in das kollektive Bewusstsein der Kinolandschaft einsickern konnte; dennoch gibt die Dokumentation einen nicht allzu oft gebotenen Einblick in die Abläufe einer aufwändigen europäischen Kinoproduktion unter Einbezug wahrhaftig aller Beteiligter, von den Schauspielern bis zum Kabelträger. Im übergeordneten Sinn bietet sie sogar mehr als das, einen zutiefst unschuldigen Blick nämlich auf ein hochprofessionelles, von A bis Z durchgeplantes Gewerbe: Petr Kotlár blickt mit großen Augen auf einen gewichtigen Abschnitt seines jugen Lebens, die Entstehung von “The Painted Bird”.

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