Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mark Greaney schickt Netflix mit „The Gray Men“ seinen bislang teuersten Film ins Rennen um die Gunst der Abonnenten. Dass diese ihn sehen werden ist sicher, denn im Grunde wird er prominent in ihren Top-Listen platziert und schon läuft das Ding. Das, das opulente Budget (von 200 Millionen Dollar ist die Rede) und vielleicht die auf dem Papier überzeugende Besetzungsliste wuppen das schon. Aber irgendwann wird auch Netflix vielleicht mal lernen, dass aus diesen Einzelteilen nicht automatisch ein guter Film wird. Vielleicht.
Für eine spezielle Abteilung innerhalb der CIA tätig, erledigt Agent „Sierra Six“ (Ryan Gosling) diverse Aufträge. Dabei gerät er an einen Ex-Kollegen, der ihm brisantes Material zuspielt, welches für seine Auftraggeber gefährlich werden könnte. Und so versuchen diese, ihn wiederum aus dem Weg zu räumen.
Die Story passt auf einen Bierdeckel, was nicht per se verkehrt sein muss. Nur schafft es der von Anthony und Joe Russo inszenierte Film nicht, andere Stärken aufzubauen, um den Rest ansprechend auszuschmücken. Das Bemühen, hier etwas Größeres zu schaffen, was vielleicht zu einem Franchise taugt, ist spürbar. Gerade schon erzwungen fühlt es sich an. Man betreibt eine gewissen Aufwand, das Ergebnis bleibt aber hinter den Ambitionenen zurück und für das, was er liefert, ist "The Gray Man" auch mal eine ganze Spur zu lang geraten.
Alles wirkt distanziert und kühl, seien es die Figuren, die Action oder der Antrieb der jeweiligen Situation. Der Film flimmert weiter und bleibt stets ein passives Erlebnis. Ein Vertreter der Art von Filmen, bei dem man die Gedanken schweifen lassen kann, ohne etwa Essentielles zu versäumen. Das größte Problem dabei ist, dass er dies so oft zulässt.
Als Actionkracher angepriesen, überzeugt er auch hier nur so semi. Die shoot-outs und Krawalleinlagen sind schnell geschnitten und glatt ob des CGI-Einsatzes. Abschreckendes Beispiel hier eine Sequenz innerhalb und außerhalb eines Flugzeugs. Generell fehlte es mir an der filmischen Haptik. Besser kommen da die Nahkampfeinlagen rüber, überhaupt alles Handgemachte. Der Rest kann meist weg.
Es wird spürbar alles dem Stil untergeordnet. Auch das kann funktionieren, ist hier aber ein weiterer Baustein der erwähnten aufgebauten Distanz.
Denn die Figuren sind dem Skript relativ egal. Jede bekommt einen Aufkleber verpasst und das war's mit der Charakterisierung. Ryan Gosling und später auch Ana de Armas ziehen eben ihren Stiefel durch, Chris Evans wirkt mit seinem Pornobalken etwas parodistisch, hatte aber wohl Spaß an der Rolle. Dafür, dass diese von quasi jedem als ach so irre beworben wird, enttäuscht sie dann aber auf genau diesem Level. Billy Bob Thornton als Onkel wirkt unterfordert, Alfre Woodard hat wenig Screentime. Der Rest ist Beiwerk, schon im Abspann vergessen.
Optisch spielt man gerne mit fliegenden Kameras, ein nettes Gimmick, welches sich aber abnutzt und mitunter nur um seiner selbst Willen zum Einsatz kommt. Die zahlreichen und großformatigen Einblendungen der Schauplätze wirken unfreiwillig komisch, denn diesen Location-Hopping hinterlässt keinerlei Eindruck. Über alles legt sich wieder diese entsättigte Patina der reduzierten Farben, die das Bild oft flach wirken lässt.
Hinzu gibt man sich viel Mühe, hier immer schön "in your face" zu inszenieren. Niemand soll überfordert werden, "The Gray Man" soll wohl auch verkatert und sabbernd auf dem Sofa noch kognitiv erfasst werden können. Vielleicht wurden die als witzig angedachten Dialogzeilen deswegen mit einer solch verpuffenden Beuläufigkeit untergebracht. Gleiches gilt für die deplatzierten Rückblenden, die der Hauptfigur noch etwas Form geben sollen, wenn es gerade gebraucht wird.
Man schielt unverhohlen auf eine Fortsetzung dieser groß angelegten Berieselung, bei der man nie etwas verpasst, wenn man zwischendurch mal der Farbe beim Trocknen zusieht. Dabei hinterlässt "The Gray Man" vor allem ein Gefühl: Gleichgültigkeit. Und die Frage, wo die ganze Kohle eigentlich hin ist. Oder in der Wortwahl des Films zu bleiben: viel Lärm um nicht wirklich viel.