Der neue Publikumshit (der auch gerne genau so zweideutig gelesen und verstanden werden darf) von Netflix macht im Grunde alles richtig. Zumindest, wenn man den Algorithmus befragen würde, der bei der Entstehung dieses Films zweifellos maßgeblich beteiligt war.
Ryan Gosling spielt einen Charakter, naja, sagen wir lieber: einen Typen, der in jungen Jahren seinen Vater tötete, um seinen Bruder vor dessen Gewaltausbrüchen zu retten. Offenbar hatte er den schlechtesten Anwalt der Welt, denn er sitzt für diese Tat seit vielen Jahren im Gefängnis und zögert auch keinen Augenblick, das Angebot von CIA-Mann Billy Bob Thornton anzunehmen, für ihn als professioneller Killer zu arbeiten. Warum gerade er? Er wäre der Typ dafür.
Wer bereit ist, eine solche in jedem Sinne faule Prämisse hinzunehmen, hat den größten Belastungstest für THE GRAY MAN auch schon überstanden.
Zwar folgen diesem Intro noch unzählige Drehbuchschwachsinnigkeiten und ein Klischee aufs nächste, aber viel dümmer wird’s nimmer.
Die Russo Brüder (AVENGERS & Co.) sind versierte Actionregisseure und liefern hier solide produzierte Ware, eine ausgedehnte Actionsequenz, bei der ein gutes Stück von Prag in Schutt und Asche gelegt wird, kann es sogar mit den besten absurd-atemlosen Over-the-Top-Szenen aus der FAST & FURIOUS Reihe aufnehmen.
Ryan Gosling macht wie immer nicht mehr als nötig und lässt sein Moviestar-Charisma wirken, Ana de Armas darf hier ihre Action-Chops etwas länger ausspielen als in NO TIME TO DIE, nur Chris Evans wirkt immer wie die Karikatur eines Bösewichts, so als habe er vorher erst mal googeln müssen, wie man möglichst fies rüberkommt, und sich dann entschieden, einfach Henry Cavill aus MISSION IMPOSSIBLE nachzumachen.
Im Vergleich zu den letzten „Tentpole-Movies“ SPIDERHEAD und RED NOTICE ist THE GRAY MAN also durchaus ansehbar, es ist nur traurig, für wie dumm Netflix seine Zuschauer hält. Aber wenn hier wirklich Algorithmen mit im Spiel sind, dann ist das vielleicht auch genau die Sorte Film, die der durchschnittliche Netflix-Gucker verdient.