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„Warum war da dein Kopf im Kleid?“

Das noch junge Bremer „Tatort“-Trio schrumpft für seinen dritten Einsatz auf Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram), denn Mads Andersen (Dar Salim) ist diesmal nicht dabei. Das Psycho-Thrill-Kriminaldrama „Liebeswut“ wurde von Martina Mouchot geschrieben und von Anne Zohra Berrached inszeniert, die im Jahre 2017 mit der Episode „Der Fall Holdt“ innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe debütierte. Ihr zweiter „Tatort“, „Das kalte Haus“, wird erst am 06. Juni 2022 gesendet; vorgezogen wurde ihre dritte „Tatort“-Regiearbeit, die im Herbst 2021 gedreht und am 29. Mai 2022 erstausgestrahlt wurde.

„Loben Sie mich!“

Ein Feuer hat in einer Wohnung gewütet, doch das Schlafzimmer ist unversehrt. Im Bett liegt eine Frau (Ilona Thor), tot, möglicherweise Selbstmord. Am Körper trägt sie ihr knallrotes altes Hochzeitskleid, an die Wände sind dubiose Botschaften von sprechenden Teufeln gekritzelt. Was war hier los? Kommissarin Liv Moormann und BKA-Ermittlerin Linda Selb ermitteln im Umfeld der Toten. Als sich herausstellt, dass beide Töchter der Toten, die sie mit ihrem getrenntlebenden Mann Thomas Kramer (Matthias Matschke, „Pastewka“) hatte, spurlos verschwunden sind, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – der dadurch erschwert wird, dass die Ermittlungen Flashbacks in Moormanns Kindheit auslösen. Der Fall triggert sie, ohne dass sie genau wüsste, weshalb…

„Was ist da unten?“ – „Der Teufel.“

Bilder in knalligem Rot, Moormann aus dem Off sprechend – so beginnt dieser „Tatort“, der kurz darauf Moormann zeigt, wie sie ihren Kopf im knallroten Brautkleid der Toten versenkt und vom ersten von mehreren (visualisierten) Flashbacks mental durchgeschüttelt wird, die sich als wiederkehrendes Element durch den gesamten Fall ziehen werden. Regisseurin Berrached bemüht sich redlich um eine mystisch-düstere Atmosphäre, oder besser: Was zunächst noch etwas bemüht wirken mag, ist lediglich ein wenig gewöhnungsbedürftig und entfaltet sich bald zu einer unheiligen Stimmung, zu der auch die durch die Bank weg unangenehm schrägen Figuren passen: Während Thomas Kramer noch einen recht zurechnungsfähigen Eindruck macht, entpuppt sich seine neue Lebensgefährtin Jaqueline Deppe (Milena Kaltenbach, „Tatort: Die Kalten und die Toten“) als die Ermittlungen behindernde Narzisstin mit peinlich infantilem, der Realität entrücktem Manga-, K-Pop oder Was-auch-immer-Fetisch. Schulhausmeister Joachim Conradi (Dirk Martens, „Die Liebe des Hans Albers“) ist ein Pädophiler, der gern an Mädchenkleidung schnüffelt und sich erhängt, nachdem die Empathie noch übende Autistin Selb ihn dabei beobachtet und harsch konfrontiert hat. Nun hat sie einen Suizid mitzuverantworten. Die Eltern der Toten, Sybille (Ulrike Krumbiegel, „Nächste Ausfahrt Glück“) und Burkhard Dobeleit (Thomas Schendel, „Lammbock – Alles in Handarbeit“), haderten zeitlebens mit ihrem Schwiegersohn und sind ebenfalls keine große Hilfe. Ganz zu schweigen vom Nachbarn Gernot Schaballa (Aljoscha Stadelmann, „Harter Brocken“), einem übergewichtigen, verwahrlosten Speiseeis-Junkie im speckigem Unterhemd, der mit seiner pflegebedürftigen Mutter zusammenlebt und Moormann in ihren Flashbacks verfolgt. War er in ihrer Kindheit ihr gegenüber übergriffig geworden?

Moormanns und Selbs Verdächtigungen gehen zunächst in unterschiedliche Richtungen, bis sie auch ganz ohne männliche Hilfe durch Andersen gemeinsam an einem Strang ziehen, um nach und nach Licht ins Dunkel dieses vertrackten Falls zu bringen – und dabei doch ständig auf der Stelle zu treten scheinen. Ihnen begegnen menschliche Abgründe, Moormann wird zudem mit ihren eigenen konfrontiert, doch von den Kindern weiterhin keine zielführende Spur. „Liebeswut“ kommt ohne einen parallel erzählten Handlungsstrang aus, sein Publikum verfolgt fast ausschließlich die Polizeiarbeit – die dennoch sehr spannend und mit manch Überraschung gespickt ausfällt. Die finale Wendung ist zwar vielleicht eine zu viel, dafür ging ihr ein wahrlich unheimliches Finale voraus. Berrached und Co. ist ein starkes Kriminaldrama mit durchstilisierten Bildern, hervorstechender Farbsymbolik, beeindruckenden schauspielerischen Leistungen und begnadeter Kameraarbeit mit stets korrespondierender musikalischer Untermalung gelungen, das falsch verstandene Liebe auf mehreren Ebenen thematisiert. Die aus ihre resultierende „Liebeswut“ stellt sie eklatantem Liebesmangel gegenüber, der offenbar Moormanns Psyche prägte. So abgedroschen das Sujet privat involvierter Ermittler(innen) mit Psychoknacks mittlerweile auch sein mag, so hochwertig ist dieses weitere Beitrag zum Kanon.

Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Kripo- und BKA-Beamtinnen skeptisch werden, wenn man ihnen einen quasi leeren Heizungskeller als den privaten Kellerraum präsentiert. Da dies für die Handlung jedoch keine Rolle spielte, scheint dies am Set niemandem aufgefallen zu sein…?

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