Review

„Die Studenten sind alles rauschgiftsüchtige Strolche!“

Peu à peu entdecke ich die alten italienischen Polit- und Justiz-Thriller für mich, gleichermaßen inhaltlich bedeutsame, oft mutige und unterhaltsame Filme, die ohne hollywoodtypischen Kitsch und Pathos auskommen und wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdienten. Ein anscheinend auch unter den Kennern der Materie recht unbekannter Vertreter ist Mauro Bologninis „Mordanklage gegen einen Studenten“ aus dem Jahre 1972, der sich thematisch mit den sozialistisch-fortschrittlich motivierten Studentenprotesten, dem ihnen u.a. zugrunde liegenden Generationskonflikt, der aus der Konfrontation mit den staatlichen Repressionsorganen resultierenden Eskalation der Gewalt und dem Umgang der Justiz mit ihren Folgen auseinandersetzt.

So beginnt der Film mit einer sehr gut choreographierten gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Schutzkleidung tragenden und mit Schusswaffen ausgerüsteten Carabinieri und mit einfachen Schlaginstrumenten ausgestatteten Studenten, in deren Folge ein Student erschossen wird und anschließend ein Student in blinder Wut einen Polizisten mit einem gefundenen Schlagring erschlägt. Um den Generationskonflikt verdeutlichen zu können, erklärt das Drehbuch den Totschläger Fabio (Massimo Ranieri, „Eine Kugel für den Bullen“) kurzerhand zum Sohn des Richters Sola (Martin Balsam, „Hexensabbat“), welcher aber nichts von den Verwicklungen seines Filius weiß. Stattdessen wird willkürlich ein unschuldiger Student verhaftet.

Soweit zur Handlung dieser gleichberechtigten Mischung aus Polit-/Justiz-Thriller und Drama, das um Ausgewogenheit, Objektivität und Neutralität bemüht ist. Das Stilmittel der Überzeichnung ist Bologninis nicht; er versucht offensichtlich, so realistisch wie möglich zu bleiben und schlägt sich nicht plakativ auf eine Seite, sondern appelliert an die Vernunft und ruft zur Kommunikation zwischen den verfeindeten Lagern auf. Das macht „Mordanklage gegen einen Studenten“ vielleicht ein wenig unspektakulär, wirkt durch den Verzicht auf Idealisierung und Verteufelung seiner Protagonisten aber aufrichtig und läuft nur selten Gefahr, sich in die eine oder andere Richtung naiv zu präsentieren. So gibt es durchaus einen faschistoiden Polizisten, der Verdächtige misshandelt und markige Sprüche klopft und ein Rechtssystem, das dessen Opfer kaum zu schützen vermag. Doch auch die Studenten schrecken vor unlauteren Methoden nicht zurück und können auf den Vorwurf, zur zukünftigen Elite des Landes zu gehören, die letztlich für die reiche Oberschicht arbeiten wird, kaum etwas erwidern. Die Polizei verhaftet einen nachweislich Unschuldigen, Richter Sola jedoch scheint um tatsächliche Aufklärung bemüht. Er sieht sich aber auch mit Vorwürfen konfrontiert, dass nicht entschieden genug in den eigenen Reihen ermittelt wird, was nicht von der Hand zu weisen ist etc.

Die dramatische Komponente bekommt der Film durch den Umstand, dass Solas Sohn der Totschläger ist, was zu einem unvorhersehbaren, halboffenen Ende mit Symbolcharakter führt und die Unmöglichkeit eines befriedigenden Auswegs aus der verfahrenen Situation verdeutlicht. Sola senior wie junior erleben eine Entwicklung, die sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und unterschiedliche Konsequenzen ziehen lässt. Der Weg dorthin wird niveau- und stilvoll von ausdrucksstarken Schauspielern, die ihren Rollen Leben und Temperament einhauchen, gegangen und von Maestro Ennio Morricones wunderbarer Musik untermalt.

Letztlich warnt der Film vor einer Gewaltspirale, in der Unschuldige zu Opfern (gemacht) werden und ist trotz seines Pessimismus ein wichtiges Bekenntnis zur Sachlichkeit in einer meist hitzig geführten, emotional aufgeladenen Debatte, das ohne Verklärung um Verständnis für die aufrührerischen Studenten wirbt und konstruktive Kritik am italienischen Polizei- und Justizapparat übt. Ein sehr guter Film, der vollkommen zu Unrecht ein – wenn überhaupt – Nischendasein fristet.

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