„Das ist ein Tatort!“
„Tatort“, Team Dresden, Fall 13 für Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), Fall 7 für Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Regisseurin/Autorin Anne Zohra Berrached und Co-Autor Christoph Busche gelang der vielleicht beste Dresdner „Tatort“ seit Winklers Einstieg. Die im Frühjahr 2021 gedrehte Episode wurde am Pfingstmontag 2022 erstausgestrahlt – und damit eine Woche nach dem von Berrached früher gedrehten „Tatort: Liebeswut“, ihrem eigentlichen dritten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe.
„Wir sind die Dresdner Polizei – kein Gesangsverein!“
Eigentlich wollten die Kommissarinnen Gorniak und Winkler in Gorniaks Geburtstag reinfeiern, doch kurz nach dem gemeinsamen Aufbruch meldet sich ihr Abteilungsleiter Schnabel: Man solle auf schnellstem Wege zu Simon Fischers (Christian Bayer, „Liebe Mauer“) Villa kommen. Fischer, für den Standort wichtiger Unternehmer und persönlicher Bekannter manch hohen Tiers, hat seine Frau Kathrin (Amelie Kiefer, „Blond bringt nix“) als vermisst gemeldet. Fischer selbst ist nicht zu Hause, als die Polizei eintrifft, doch kurze Zeit später läuft er Schnabel vors Auto. Er macht einen unter Schock stehenden, verwirrten Eindruck. Im Haus findet sich eine größere Menge Blut. Wo also steckt Kathrin, die sich unter „Die Glückssucherin“ auf YouTube einen Namen als Lebensberaterin machte? Fischer durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, kann zu den Ermittlungen jedoch nicht viel beitragen. Gorniak ist sich sicher: Fischer hat seine Frau auf dem Gewissen. Winkler jedoch zweifelt. Und Brambach glaubt, dass der hochangesehene VIP-Verdächtige kein Täter sein könne…
„So ein Scheißfall!“
Kein klassisches Whodunit?, vielmehr ein Whathappened? Ist die Grundlage dieses interessanten „Tatorts“, der zunächst viel im titelgebenden, mit allerlei Smarthome-Technik zum Abgewöhnen ausgestatteten Haus spielt und nach und nach zum Psychogramm eines undurchsichtigen, schnell aufbrausenden Mannes wird. Immerhin scheint er von seiner Frau derart besessen, dass er sich immer wieder ihre Anwesenheit herbeifantasiert, visualisiert von Berrached respektive ihrem Kamerateam. Als Begleitmotiv zieht sich Gorniaks verhinderte Geburtstagsfeier durch die Szenerie, immerhin singt man ihr zu Schnabels Missfallen ein Ständchen, später gibt’s alkoholfreien Sekt und Kuchen. Der Gipfel Schnabels Empathiemangels ist sein Herausposaunen persönlicher Erinnerungen an familiäre Gewalterfahrungen, die Gorniak ihm einst anvertraut hatte. Daraus entsteht ein ernsthafter Konflikt innerhalb einer ohnehin konfliktreichen Handlung, in der die Figuren nicht nur mit diesem Fall, einem cholerischen Vielleicht-Verdächtigen, persönlichen Verwerfungen und Kompetenzgerangel zu kämpfen haben, sondern auch mit der Uhrzeit: Die Nacht wurde durchgemacht, alle sind übermüdet.
Spielt Gorniaks Psyche ihr einen Streich, verdächtigt sie Fischer aufgrund ihrer eigenen traumatischen Erfahrungen? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines auch ohne Actioneinlagen spannend erzählten Falls, der mit seiner Ausstattung und seiner unbehaglichen Stimmung punktet und die Polizeiarbeit recht akribisch zeigt. Auf einer SD-Karte der Fischers findet sich ein peinliches privates Sexrollenspielvideo, was weniger Simon Fischer düpiert als vielmehr verständlich macht, dass er die Karte zunächst nicht herausrücken wollte und Gorniak in jenem Moment tatsächlich übergriffig war. So unsympathisch Fischers Anwalt auch auftreten mag, sein Einschreiten war hier offenbar richtig. Derlei eingestreute Ambivalenzen sind es, die konstant das Interesse an den Figuren und ihrer weiteren Entwicklung aufrechterhalten. Moralisiert wird hier nicht, stattdessen erhält man einen zwar stets punktuellen, sich langsam aber zusammenfügenden Eindruck von der bizarren Beziehung der Fischers miteinander.
Schnabel und „seine“ Kripobeamtinnen ermitteln getrennt voneinander und werden doch wieder als Team zusammengeführt. Parallel montierte Nachbarsbefragungen verdeutlichen den zeitlichen Ablauf der polizeilichen Ermittlungen ebenso wie Mobilfunkkontakte zwischen den Parteien, bis sich die Figur Simon Fischer immer mehr verselbständigt, der Fokus auf sie gelenkt und dem Fernsehpublikum doch noch ein Informationsvorsprung gewährt wird. Ein bitterer Showdown setzt den Schlusspunkt unter diesen sehr gelungenen, stark geschauspielerten und insbesondere von Martin Brambachs Schauspielkunst veredelten „Tatort“. Parallelen zu einem bestimmten David-Fincher-Thriller sind nicht von der Hand zu weisen; wie gut sich dieser jedoch fürs tiefste Sachsen adaptieren, modifizieren und fürs „Tatort“-Publikum aufbereiten lässt, ist das Verdienst Anne Zohra Berracheds und ihrem Team sowie der tollen Chemie zwischen Hanczewski, Gröschel und Brambach.