Review

Mit seiner vierten Regiearbeit taucht der gebürtige Isländer Anton Sigurdsson in die Gefilde eines Entführungskrimis ein. Die Realität hat in den vergangenen Jahren leider offenbart, wie kaltblütig etwaige Schlächter vorgehen und mit welch erschreckender Ausdauer sie in der Lage waren, ihre Opfer teils über Jahre in Gefangenschaft zu halten. Mit diesem Wissen wirkt das Konstrukt von Sigurdsson über weite Teile wie ein schlechter Witz.

Eine Kleinstadt in Florida: Als Cop Hawk (Adam Dorsey) zum Fundort einer Leiche beordert wird, stellt er Recherchen über weitere vermisste Frauen der letzten Jahre an und entdeckt, dass alle die Kurse des Soziologieprofessors Gilmore (Michael Simon Hall) besuchten. Doch Hawk fehlen handfeste Beweise…

Aus der Tatsache, dass Gilmore tatsächlich der Entführer ist, macht die Geschichte keinen Hehl, das wird bereits nach einer Viertelstunde offenbart. Entsprechend spielt sich ein Großteil der Handlung in der Villa des Professors ab, während Hawk ein wenig ermittelt und befragt und anbei noch ein Päckchen mit seiner drogenabhängigen Mutter zu tragen hat. Derartige Hintergründe sind hinsichtlich einer Figurenzeichnung zwar löblich, hier bremsen sie den Kern der Handlung oft unnötig aus.

Angesichts des Originaltitels „Women“ wird die Sicht selbiger recht selten eingenommen. Mit Jennifer (Anna Marie Dobbins) und Hailey (Anna Maiche) befinden sich gleich zwei Entführte im Haus des Peinigers, die er sich mittels Konditionierungen zu den perfekten Frauen formen will, wobei Jennifer bereits seit fünf Jahren mehr oder minder freiwillig in Gefangenschaft lebt. Das dazugehörige Stockholm-Syndrom ist jedoch kaum nachvollziehbar und noch unwahrscheinlicher erscheint, warum die Damen ihren deutlich älteren Peiniger nicht zu überwältigen versuchen oder zumindest einen Fluchtversuch unternehmen, denn eine Festung ist das Anwesen trotz Kameraüberwachung wahrlich nicht.

Folgerichtig leidet die Glaubwürdigkeit der Erzählung immens und obgleich sich sämtliche Mimen mühen und der Score sogar partiell richtig gut ist, will sich kaum Empathie gegenüber den Entführten einstellen. Gleiches gilt für den Spannungsgehalt, der im Mittelteil sogar gegen Null tendiert, weil Sigurdsson betont gemächlich zu Werke geht und inhaltlich kaum ein Vorankommen auszumachen ist. Den Genickbruch erleidet der Stoff allerdings mit dem Finale, welches nahezu alles falsch macht und dabei nicht nur eklatante Unwahrscheinlichkeiten zutage fördert.

Zugute halten kann man der Inszenierung eine angemessene Zurückhaltung in Sachen Gewaltdarstellung, die, anders als bei einem typischen Rape & Revenge Streifen zumeist im Off stattfindet. Mangelnde Charakterentwicklungen, weitgehend ausbleibende Konfrontationen und ein genereller Verzicht auf Temposzenen verhindern jedoch ein erwähnenswertes Mitfiebern.
Knapp
4 von 10

Details
Ähnliche Filme