Review

Quadratisch, praktisch, Blut


David Bruckner konnte mit „The Night House“, „The Ritual“ und ein paar Episoden einschlägiger Horroranthologiefilmen seinen Namen zurecht in das Rampenlicht des Genrezirkus' stellen. Scheinbar genug, um ihm mit dem prestigeträchtigen und schon seit Jahren rumorten „Hellraiser“-Remake zu beauftragen. Von Hulu produziert und nun dort als Premiere zu sehen (obwohl er glaube ich auch schon auf Festivals lief), kommen wir in den schmerzhaft-schönen Genuss die neuen Version der altbekannten Zenobiten bei ihrer täglichen Arbeit zu begleiten - immer noch angelockt durch Wunden, Blut und den neugierigen Opfern des wandelbaren „Würfels“. Funktioniert das Konzept zwischen Lust und Schmerz, Monstern und Menschen, Masken und Makabrem fast vierzig Jahre nach dem Original noch? Hat man den Sprung in die meist sehr saubere und überkorrekte Jetztzeit geschafft? Oder ist das ein weiteres Remake a la „Jacob's Ladder“, das wirklich gar keiner gebraucht hätte? 

Um es direkt und mit einem dezenten Strahlen im Gesicht vorwegzunehmen: nein, „Hellraiser“ von 2022 ist kein weiterer Remakeflop. Ganz im Gegenteil. Eher die diese Regel bestätigende Ausnahme, eine in weiten Teilen glorreiche Rückkehr der Ritter des Schmerzes und der Lust daran. Bruckner hat Wort und Hype gehalten. Das Teil ist streckenweise famos! Und trifft den Kern, den Nagel auf den Kopf, tröpfelt wie genüssliches Salz in eine klaffende Wunde. Denn das Franchise „Hellraiser“ konnte man spätestens nach Teil 3 ja wirklich als klaffende Wunde und Murks bezeichnen. Das hier ist endlich wieder hochwertig und Topform. Die Sets und vor allem Kostüme (!!!) sind detailliert, inspiriert, unendlich beeindruckend und schrecklich prachtvoll. Die besonderen „Monster“ verbreiten endlich wieder Aura, Angst und ein gewisses Mysterium, wirken hier trotz ihrer optisch doch immer völlig bizarren Überzogenheit sehr gefährlich, ernst und beeindruckend. Alles andere als die schmunzelnden Sprücheklopfer späterer Hellraiser-Outings. Unsere „Heldin“ ist alles andere als eine alles könnende Heldin, viel mehr total gebrochen, am Boden und (positiv) planlos. Eine Anti-Mary Sue. Die verrückt-surreale Situation gibt den Rest dazu. Es wird teilweise tief in die Psyche, Paralleldimension und die komplette Mythologie abgetaucht. Dazu hat Bruckner immer die Ruhe weg und überpace'd nie. Es wird gerade die erste Stunde fast alles nur angedeutet und sehr viel Atmosphäre aufgebaut. Die „Suchtebene“ hat er mit dem „Evil Dead“-Remake gemein, allgemein erinnert er nicht selten in seiner Ernsthaftigkeit und Grimmigkeit an dessen Ansatz. Absolut ein Kompliment. Die Gesichter sind frisch genug, die neuen Looks und Stimmen (und sogar verweigernde Geschlechterauslegung Pinheads!) sind lobenswert und mutig getroffen. Es beschleicht einen die ganze Zeit ein außergewöhnlich ungutes Gefühl. Zwischen Untergang, Geruch des Todes und Orgasmus. Vergnügung und Verrottung. Allein schon die Titeleinblendung zu Beginn trifft in seinem Tonumschnitt (von Schmerzschreien zum Stöhnen) viel, worauf es ankommt. Das hätte alles furchtbar schief gehen können - ist es aber zum Glück nicht. Damit bin ich zufrieden bis sehr zufrieden. Werden wahrscheinlich die meisten sein, selbst die kritischsten Fans. Die letzten Jahrzehnte des Franchises waren eben verdammt schmerzhaft. Und das im falschen Sinne. Auch Clive Barker nickt nun sicher in seinem Sessel zufrieden. Grundpfeiler sind gelegt. Kleine Kritikpunkte: ob man ihn an die zwei Stunden hätte strecken müssen, weiß ich nicht und in der ersten Hälfte hätte er mit ein wenig mehr blutigen Highlights weniger steril und nur andeutend wirken können. Aber das macht er später wieder gut und ist eigentlich fast schon Handschrift des scheinbar unstressbaren Regisseurs. Ein Sequel dürfte aber ruhig noch ein gutes Stück rockiger in die Vollen gehen. 

Fazit: Schön, symmetrisch, schmerzhaft - David Bruckners „Hellraiser“ ist in seinen besten Momenten auf einem Niveau mit dem Original, „Hellbound“ und moderneren Remakeklassikern wie „The Hills Have Eyes“ oder „I Spit On Your Grave“. Der feuchte Sadotraum eines jeden Zenobitenfan - alt wie jung, neu wie alt, erfahren wie frisch. Leider gibt es etwas zu wenig dieser Hochs verteilt auf lange zwei Stunden. Im Vergleich zu der Reihe und allem nach „Hell On Earth“ jedoch eine absolut erfolgreiche Rebootmission. Und vielleicht der Beginn einer wundenbaren Freundschaft. 

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