Aus offenbar lizenzrechtlichen Gründen geht es aus dem Filmtitel nicht hervor, aber der von Chris Geletneky, Erik Haffner, Claudius Pläging und Roland Slawik geschriebene und von Erik Haffner inszenierte „Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt“ ist im Prinzip „Sketch History – Der Film“. Jene Comedy-Serie wurde von 2015 bis 2019 im ZDF ausgestrahlt und Teile des Teams arbeiteten auch für diese deutsch-schweizerisch produzierte Kinoadaption aus dem Jahre 2022 zusammen.
Im Jahre 1977 entsendet die NASA einen goldenen Bildtonträger an Bord der Raumsonde „Voyager“ ins All, auf der sich für etwaige außerirdische Intelligenzen gedachte Informationen über die Menschheit und ihre Geschichte befinden. Tatsächlich finden Außerirdische diesen Datenträger im Jahre 2050 und sehen sich an, wie Dr. Georg Friedle (Christoph Maria Herbst, „Stromberg“) die Geschichte der Menschheit, von der Steinzeit bis zur Gegenwart, rekapituliert…
Die „Sketch History“-Reihe habe ich seinerzeit nicht stringent verfolgt, lediglich hin und wieder reingezappt. In meiner Erinnerung hielten sich Licht – allem voran Max Giesingers Klaus-Kinski-Parodien in historischen Zusammenhängen – und Schatten – z.B. miese Honecker/Krenz-Parodien und manch müder Gag – in etwa die Waage. Für diesen Kinofilm wurde das Darsteller(innen)-Team starbesetzt erweitert (neben den im weiteren Verlauf Genannten u.a. Hannes Jaenicke, Heino Ferch und Uwe Ochsenknecht) und eine computeranimierte Science-Fiction-Rahmenhandlung um den Fund der goldenen Datenplatte durch Außerirdische ersonnen. Eine Art weitere Rahmenhandlung ist die Moderation Dr. Friedles, die als Bindeglied zwischen den einzelnen Sketch-Episoden fungiert. Beide sind mehr als nur Beiwerk und werden in der übergeordneten Dramaturgie gegen Ende entscheidende Rollen spielen.
Die Episoden verfügen jeweils über zwei Humorebenen: Die komödiantische bis satirische Aufarbeitung geschichtsträchtiger Ereignisse zum einen, zum anderen – und das macht den besonderen Reiz aus – deren Verbindung mit Anachronismen, die moderne zivilisatorische Verhaltensweisen, populärkulturelle Phänomene oder gesellschaftspolitische Entwicklungen persiflieren. Das können reaktionäre Progressionsbremsen wie beim köstlichen Aufeinandertreffen von Neandertalern (u.a. Holger Stockhaus, „Friesland“) und Homo sapiens mit überraschendem Ausgang sein oder auch ähnlich witzige frühe Versuche von Wikingerinnen und Wikingern (u.a. Ulrich Tukur, Wiesbadener „Tatort“), politisch korrekter zu brandschatzen. Griechische Philosophen (u.a. Axel Prahl, Münsteraner „Tatort“) werden nicht nur gefeiert wie Popstars, sondern verhalten sich auch so, die chinesische Mauer soll von der Berliner Firma Konopke (die verdächtig an die Firma Kasallek aus „Sketch History“ erinnert…) erbaut werden, was neben frühkaiserlichem Größenwahn den Habitus und Duktus Berliner Handwerker aufs Korn nimmt. Das sind alles schöne Schmunzler, auch der etwas zu sehr in die Länge gezogene (höhö) Penishumor in der Michelangelo-Episode funktioniert aufgrund des subtil frivolen Spiels Jasmin Schwiers‘ („Die Füchsin“). Einer der Höhepunkte ist jedoch die Jesus-Christus-Parodie, in der Max Giermann seine Paraderolle als Klaus Kinski respektive Jesus einmal mehr ausspielen darf (bekanntlich schlüpfte Kinski zu Lebzeiten ja einst selbst in die Rolle des Erlösers). Die Geschichte Jesus‘ und der Geburt des Christentums wird hier auf blasphemischste Weise neugeschrieben, dass es jedem Atheisten eine wahre Freude sein dürfte.
Mangelndes Ironieverständnis führt beinahe dazu, dass Klaus Störtebeker (Kostja Ullmann, „Wuff“) nicht seinen Kopf verliert, doch verlässt sich diese Episode zu sehr auf diesen einen Gag und wirkt zu sehr gestreckt. Columbus (Gustav-Peter Wöhler, „Der Zimmerspringbrunnen“) wird auf seiner Entdeckungsfahrt zum Opfer zahlreicher Streiche, was durchaus seine Momente hat, sich aber leider dann doch zu wenig an den wahren geschichtlichen Ereignissen orientiert. Hier wäre eine Columbus‘ Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent verarbeitende Episode reizvoller gewesen. Die Erfindung der Guillotine wird zu einer launigen Musical-Nummer mit singendem Bela B. als Joseph-Ignace Guillotine, die von ihrem launigen Zynismus lebt. Den unterschiedlichen Umgang mit Praktikantinnen und Praktikanten in Betrieben verballhornt die Episode zum Untergang der Titanic, was insbesondere aufgrund der herrlich genervten Praktikantin Jessica (Jasmin Schwiers) zum Vergnügen wird. Weniger gelungen ist der Auftritt schwäbischer Frauen (u.a. Komödiantin Carolin Kebekus) auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, die dort einen Junggesellinnenabschied feiern. Die absurde Idee verschießt ihr Humorpulver recht schnell, wirkt einmal mehr zu lang und hat eine eher schwache Pointe.
Dafür entschädigt Bastian Pastewka („Pastewka“) als aufgedunsener Al Capone, der sich mit seinem Opfer rhetorisch mithilfe sinnfreier Redewendungen duelliert – dadaistischer Sprachwitz dominiert diese Episode. Dass Hitler-Attentäter Stauffenbergs (Tom Schilling, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“) Plan trotzdem aufging, erfährt man in einer Episode, in der sich amüsanterweise jemand in die Verschwörerrunde veirrt, der damit eigentlich gar nichts zu tun hat. Auch hier zieht die Pointe leider den Kürzeren gegenüber dem einleitenden Gag, zudem stößt die Reduktion des NS-Terrors auf die Person Adolf Hitlers in ihrer Geschichtsvergessenheit etwas sauer auf. Der anschließende Fäkalhumor an Bord eines U-Boots in der „Das Boot“-Persiflage ist selbst mir dann zu primitiv.
Ähnlich wie in der Serie auch hier also Licht und Schatten, wobei die gelungenen Episoden überwiegen. Bereits die vielen verschiedenen Kostüme und Kulissen sind aller Ehren wert. Nichtsdestotrotz hätte gern noch etwas mehr ausgeteilt werden dürfen, das Provokationspotenzial der Jesus-Christus-Episode steht relativ allein auf weiter Flur. Angesichts der Tatsache, wie sich bereits über diese über weite Strecken eher leichte Komödie ewiggestrige Eiferer das Maul zerreißen und von erhobenen linken Zeigefingern fabulieren, wäre es ein Fest gewesen, die Reaktionen zu beobachten, hätte der Film zu einem schmerzhafteren, satirischeren Rundumschlag ausgeholt. Anlässe bietet die Geschichte der Menschheit ebenso wie ihre Gegenwart schließlich genug.
Erfreulich sind indes die klare und ironiefreie Absage an sämtliche Religionen, das meiner Kritik zum Trotz zweifelsohne vorhandene Aufgreifen aktueller gesellschaftlicher Debatten und Strömungen sowie das kinogerecht aufbereitete große Finale, das mit einer den Praktikantinnen-Gag wiederaufnehmenden Wendung aufwartet und in ein konsequent apokalyptisches Ende mündet. Dieses passt wunderbar in die aktuelle Zeit mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Unvermögen der Menschheit, adäquat auf sie zu reagieren, und wartet mit einem schmissigen „Die Party ist vorbei“-Ohrwurm auf. Der Weltuntergang muss tanzbar sein!