Review

Staffel 1

Eine private kleine Insel an der Côte d’Azur ist der Ort, an dem sich ein ehemaliger belgischer Freundeskreis wiedertrifft, Jahrzehnte, nachdem man sich aus den Augen verloren hatte. Vor 30 Jahren hatten sie als junge Twens noch zusammen herumgeblödelt, teilweise große Pläne gehabt, und nun hat einer von ihnen, Peter, Geburtstag, und zu diesem Anlaß hat der erfolgreiche Unternehmer die Insel gemietet und die ganze Runde dort eingeladen. Doch es wird nicht das erhoffte nette Wiedersehen einiger Freunde, die mittlerweile alle um die Fünfzig sind, werden...
Als erstes erfährt es Peter, als er gerade auf der Toilette sitzt: ein anonymer Absender hat ihm ein Video aufs Handy geschickt, verbunden mit einer Forderung über eine hohe Summe Bitcoins - sonst würde der kompromittierende Clip veröffentlicht. Peter ist wie vom Donner gerührt, denn er kennt das Video, auf dem er selbst deutlich zu erkennen ist. Aber nicht nur er, sondern auch andere Mitglieder genau jener Runde, die sich hier gerade trifft. Vorsichtig zieht er Mogli ins Vertrauen und zeigt ihm den Clip, doch der ist genauso überrascht. Schließlich beratschlagen sie und weihen auch Didier ein - doch auch der kann sich dies nicht erklären und schwört, nichts damit zu tun haben. Fieberhaft überlegen sie, wer sie hier wohl erpressen könnte. Und hatten sie dieses Band damals nicht gemeinsam vernichtet? Wie kann es jetzt digitalisiert als Druckmittel dienen? Spielt da jemand von den ehemaligen Freunden falsch? Aber wer... und warum?

Als klassicher whodunit angelegt, vermag die belgische Netflix-Produktion Twee Zomers von Anfang an das Interesse des Krimi-Publikums zu wecken, ist doch die Story gar nicht so weit hergeholt: ein 30 Jahre alter Clip einer Gruppenvergewaltigung, gleich zu Beginn offenbart, bedroht nicht nur die Existenz der daran Beteiligten, sondern wird das Leben aller Anwesenden verändern. Es gilt nun nicht nur herauszufinden, wer dahintersteckt, sondern auch wieso dies nach so langer Zeit, in der eigentlich reichlich Gras über die Sache gewachsen sein könnte, ausgerechnet jetzt wieder hochkommt. Dazu hat das Regisseursduo Tom Lenaerts und Brecht Vanhoenacker einige sehr spezifische Charaktäre entworfen, die nun jede/jeder für sich, auch dank diverser eingeschobener Rückblenden, auf dem Prüfstand stehen. Wie verlief deren Leben seit jener Sommerwoche im Juli 1992, traut man es ihm/ihr zu, der/die Erpresser zu sein?

Denn die Lebensläufe der ehemaligen Freunde verliefen durchaus unterschiedlich: Stef, genannt Mogli, dessen reichen Eltern das Haus gehörte, wo die trubulente Woche stattfand und das Video gedreht wurde, ist mittlerweile Minister geworden. Peter, der Wortführer von damals, ist mit Romée verheiratet, Didier hat Sofie geehelicht. Luk ist mit der jüngeren Lia angereist, der Einzigen, die damals nicht zum Freundeskreis gehörte. Saskia ist von Luk geschieden, hat einen schwerbehinderten Sohn und ist derzeit solo, nur Mark, der ebenfalls auf dem Video zu sehen ist, kam seinerzeit bei einem Brand kurz danach ums Leben und ist folglich nicht mehr bei den 8 Versammelten dabei.

Da eine Einmischung von außen ausgeschlossen werden kann, ergibt sich während der insgesamt 6 Episoden zu je etwa 45 Minuten aber nicht nur die Frage nach dem Erpresser - speziell die gruppendynamischen Prozesse, die durch das Bekanntwerden des Videos bei immer mehr Teilnehmern dieses 2022er Treffens ausgelöst werden, machen den Reiz der Serie aus: zunehmend mehr von ihnen werden 'heimlich' ins Vertrauen gezogen, zuerst die Männer, dann die Frauen. Die Reaktionen fallen nicht unbedingt so aus, wie man es erwarten könnte - dabei stellt die Serie zwischen den Zeilen auch immer die Frage an das Publikum: wie würde man selbst reagieren, würde man erfahren, daß der/die Lebensgefährte vor 30 Jahren an einer Vergewaltigung teilgenommen hat? Was sagen die Täter von damals, winden sie sich heraus, bekennen sie ihre Schuld? Wie sieht es das damalige Opfer, das ebenfalls anwesend ist? Und wie beurteilen die anderen das Ganze? Waren nicht alle irgendwie darin verwickelt?

Das Drehbuch gestaltet dieses Krimidrama vor allem dadurch interessant, daß die Porträtierten allesamt nicht ungewöhnliche Charaktäre darstellen, sondern aus dem Leben gegriffene Menschen sind, die solchermaßen sehr authentisch rüberkommen. Auch wenn man mit keinem von ihnen besonders zu sympathisieren vermag, so sind sie doch sehr lebensnah entworfen - darüberhinaus werden zwischendurch immer wieder typisch männliche wie auch typisch weibliche Verhaltensmuster und Marotten mit einem Augenzwinkern dargestellt.
Eventuelle Schwierigkeiten ergeben sich höchstens dadurch, daß man die jungen Darsteller in den Rückblenden erst einmal zuordnen muß, speziell beim 1992 an Krebs erkrankten und daher glatzköpfig auftretenden Luc mag dies verwirren, da dieser später genesen war und 2022 volles Haar und Bart trägt. 

Fazit: trotz des ernsten Themas ist Zwei Sommer dank hervorragender Figurenzeichnung eine sehenswerte Serie geworden, die nicht mit irgendwelchen Subplots künstlich Laufzeit schindet, sondern genau die richtige Länge besitzt. On n'oublie rien - 8 Punkte nach Belgien.

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