Eines der mittlerweile ältesten Motive des asiatischen Düsterfilms ist das weiß gekleidete Mädchen mit den dunklen Strähnen vorm verdeckten Gesicht. Auch Regieneuling Ji-Yeon Jung setzt es in einer kurzen Szene ein, als sei die Erscheinung inzwischen eine obligatorische Referenz. Anderweitig geht es in dem Mysterythriller zwar angemessen düster zu, doch der spärliche Einsatz übersinnlicher Begebenheiten könnte den einen oder anderen Genrefreund ein wenig abschrecken.
Se-Ra (Woo-hee Chun) ist eine angesehene Nachrichtensprecherin. Kurz vor der Sendung erhält sie den Anruf einer besorgten Mutter, die sich und ihr Kind größter Gefahr durch einen Eindringling ausgesetzt sieht. Wenig später geht Se-Ra der Bitte der Anruferin nach und findet in deren Behausung zwei Leichen. Doch was hat der Therapeut In-ho (Shin Ha-kyun) mit dem vermeintlichen Suizid zu tun, bei dem vor Jahren bereits schon einmal eine Patientin in einen Doppelsuizid involviert war?...
Ji-Yeon Jung erweist ein gutes Gespür für Stimmungen und vermag diese in adäquate Bilder umzusetzen. Während der Exposition im nächtlichen Dauerregen sind in angesprochener Behausung nur Schemen erkennbar, als sich ein Fremder gewaltsamen Einlass in die Wohnung zu schaffen versucht. Das genaue Gegenteil liefert kurz darauf die Kulisse beim Nachrichtensender mit sehr genau aufeinander abgestimmten Farbtönen, die repräsentativ für eine Ausrichtung stehen: Disziplin und Sachlichkeit. Eine Eigenschaft, die auch Se-Ras Mutter (Lee Hye-yeong) ihrer Tochter stets einzutrichtern versucht.
Dies ist zugleich ein zunächst nebensächlich erscheinendes, gesellschaftlich jedoch überaus relevantes Thema: Karriere vs. Familienplanung. Immer wieder gerät dieser Aspekt in den Fokus, während die paranormale Komponente lange Zeit im Hintergrund bleibt. Erst schleichend gesellen sich Halluzinationen ins Geschehen, gepaart mit einigen Rückblicken und Visionen. Dabei kann sich das Publikum weder auf Se-Ras Wahrnehmung verlassen, noch einigen subjektiv anmutenden Flashbacks vertrauen, was die Geschichte, trotz einiger Längen im Mittelteil einigermaßen bei Laune hält.
Neben der versierten Inszenierung ist es primär das grundsolide Schauspiel der wesentlichen Figuren, welche den Ereignissen die angemessene Intensität verleihen. Allen voran Woo-hee Chun, die zwischen konzentrierter Karrierefrau und angeknackster Psyche eine beachtliche und sauber performte Gradwanderung hinlegt. Shin Ha-kyun haftet als Psychiater eine zwielichtige und gleichermaßen selbstbewusste Note an, während Lee Hye-yeong als strenge Mutter ebenfalls eine ordentliche und in diesem Fall angemessen negative Aura mitbringt.
Genrefans sollten sich letztlich auf einen düsteren Krimi einstellen, der es zu keiner Zeit eilig hat und gegen Ende leicht überambitioniert und konstruiert daherkommt, obgleich die Konstellation und etwaige Twists eventuell vorzeitig zu durchschauen sind. Paranormale Zutaten spielen hier eine untergeordnete Rolle, Spezialeffekte finden kaum Einsatz und auch Blut fließt eher wenig. Mit 111 Minuten eventuell ein wenig lang geraten, sind hier eher geduldige Zuschauer gefragt, die an dieser Stelle deutlich weniger Gänsehautmomente erhalten, als die Prämisse vielleicht glauben machen will.
6 von 10