Helmut Dietl schuf 1991 eine Erfolgskomödie mit Starbesetzung und genialer Verfilmung einer wahren Begebenheit die bis heute seinesgleichen sucht. Tatsächlich wurden in den 80er Jahren dem "Stern" gefälschte Hitlertagebücher angedreht, Fälscher Kujaus größter Coup, für den er einige Zeit im Gefängnis schmoren mußte.
Zu Beginn werden wir in die Zeit des Kriegsendes zurückgeworfen. Mit Schwarzweißbildern, Originaltondokumenten und Zarah Leanders "ich weiß es wird einmal ein Wunder geschehen" wird die Charakterfigur des Fritz Knobel (damals noch ein zartes aber schelmisches Bübchen) ausgearbeitet. Knobel ist der Filmkujau, schon damals verschepperte er als 9jähriger Hitlerfälschungen an die Amis, zum Beispiel echte Hitlerhüte mit Echtheitszertifikat ("Adolf Hitler, Big Nazi!").
"In den darauffolgenden 50er-Jahren war die überwiegende Mehrheit der Deutschen mit der Herstellung von Wirtschaftswundern beschäftigt" und Fritz Knobel mit der Heirat seiner Biggi ("Schnuppi!"). Die finanziellen Erfolge lassen sehr zu wünschen übrig, das Pärchen kann sich nur durch Biggis Putzjob über Wasser halten. Doch wie das Leben so spielt gerät "unser Fritzken" an den Nähmaschinenhersteller Lentz, ein treuer Adolf-Anhänger und für kleine oder große Hitlersouvenirs immer zu haben. Eva Braun nackt in Öl, das wärs - mit Hilfe der Kellnerin Martha ("ich liebe kleine Genies") malt "Professor Doktor" Knobel die Hitlergeliebte vor dem Watzmann. Nicht nur Lentz ist begeistert ("vom Führer geschaffe, mit seiner eigene Hand") und sieht in Knobel einen wahren Freund, auch Kunsthistoriker Strasser ("ja wußten Sie das nicht?") möchte ungern seine Unkenntnis zugeben und bezeugt so die Echtheit. Alles scheint geritzt, der Rubel rollt wieder.
Wäre da nicht noch unser Hermann Willié, mit accent egu auf dem "E". Der Journalist ("Sie sind ja ein ganz schmieriger Typ") schmeisst sich an die letzte Nachkommin von Göhring ran, Freia von Hepp. Denn er barg die alte Göhringyacht, Carin II, ein verkommener Kutter, den er mit Hilfe Freias Geld aufmöbeln will. Doch nicht nur den Schampus schluckt er mit einem Happs runter, auch ihre Liebe wird schamlos ausgenutzt. Und schon bewegt er sich in Milieukreisen die ihn zu Lentz führen und dort auf Knobel treffen lassen - das Unheil beginnt seinen Lauf zu nehmen.
"Schtonk" ist die genialste und witzigste Verfilmung einer Hitlerthematik, die einen Gag an den anderen reiht ohne dabei in den Slapstick abzurutschen. Stets auf höchstem Niveau gelingt es Dietl seinen Protagonisten einen unvergleichlichen Humor aufzulegen, der das Gesamtwerk zu einem Geniestreich macht. Zahlreiche Details, genialer Wortwitz, absurde Situationen, ausgefeilt schräge Charaktere - diese Zutaten machen das Filmvergnügen perfekt. "Schtonk" ist einer dieser wenigen Filme, die man gar nicht oft genug ansehen kann. Immer wieder entdeckt man neues. Vorallem aber die Sprüche der Protagonisten sind es, die den Film so unterhaltsam machen. Die Hälfte des Drehbuchs ist verdächtig in die Analogien der Kultzitate einzugehen.
Ein paar Szenen sind einfach würdig hier besprochen zu werden.
Gleich zu Beginn während des Vorspanns versucht Achim Rohde als Nebendarsteller den Hitlerleichnam anzuzünden, was mißlingt. "Der Führer brennt nicht, Herr Obersturmbannführer. Und die Frau Führer auch nicht, Herr Obersturmbannführer." - "Dann schütten Sie halt Benzin drüber, dann brennen die schon..." - "Benzin? Über den Führer? Jawohl, Herr Obersturmbannführer!" Schon hier krampfen sich die Lachmuskeln zusammen!
Legendär die Orangenmarmeladeszene zwischen Götz George und Christiane Hörbiger: "Herrmann, was tust du da? Herrmann, was machst'n da?" - "Ich kleide mich an und dann verlasse ich Dich!"
Weitere schräge Charaktere sind Williés Protegé Harald Juhnke, die beiden Chefredakteure und natürlich zuvorderst der Vorstandsvorsitzende Dr. Wieland (Ulrich Mühe), ein peinlicher Dummschwätzer kurz vor der Schwachsinnigkeit. Sein unvergesslicher Auftritt auf Willié's Bootsparty beim Zusammentreffen mit Freia von Hepp ist einfach zum Schiessen ("mein Onkel war aktiv im Widerstand tätig"), ebenso die Geldauszahl-Orgien (man achte hier auf Mühes Mimik). Höhepunkt dieser Vorstandspeinlichkeit: Das selbsterschaffene üble "kleine Lied" zu Ehren Willié inklusive Steptanzeinlage ("damit habe ich mir während meines Studiums eine Kleinigkeit hinzuverdient").
Uwe Ochsenknecht, Veronica Ferres und Dagmar Manzel überzeugen als Dreiergespann, Harald Juhnke kann endlich einmal mehr sein schauspielerisches Können beweisen, Götz George und Ulrich Mühe brillieren sowieso und sind mit sichtlicher Freude am Werk, Christiane Hörbiger mimt die Göring-Nichte absolut authentisch und trotz allem liebenswert. Die Akteure sind insgesamt einfach harmonisch, zueinander passend und runden das gelungene Gesamtbild perfekt ab. Ebenfalls stimmig ist der Soundtrack, sowohl die Eigenkompositionen wie auch die alten Schlager von Zarah Leander und Lilian Harvey.
"Schtonk" kann man wirklich jedem empfehlen, so unterhaltsam war deutsche Geschichte schon lange nicht mehr. Dabei sollte man Knobels Zitat nie vergessen: "Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung!" Ist das nicht die perfekte Entschuldigung für alles, die in keinem Wortschatz fehlen sollte?
Zum Schluß noch ein Zitat von Dr. Wieland: "Da haben Sie mir ja eine ganz schöne Scheisse eingebrockt, meine Herren!" Haben sie ihm - aber nicht Dietl uns.
(10/10)