Die wahre Götterdämmerung
Auch ich hätte Taika Waititi freie Hand gelassen und ihm never ever reingeredet. Oft genug hat er sein komödiantisches Genie bewiesen („What We Do In The Shadows“). „Thor: Ragnarok“ gehört sicher zu meinen fünf liebsten Beiträgen des MCU. Er hat mit „Jojo Rabbit“ vollkommen zurecht den Oscar gewonnen und eine meisterhafte Balance bewiesen. Er ist quirlig, sympathisch und eigentlich einfach positiv anders. Nochmal: auch ich hätte ihn einfach machen lassen und einen der unterhaltsamsten, rockigsten Blockbuster der letzten Jahre erwartet. Erst recht weil die Stimmen immer lauter werden, gerade im meist gefühlt gleichgeschalteten MCU endlich mal den Regisseuren und Autoren mehr Macht, Spielraum und eigenen Stil zuzugestehen. Tja, und dann kommt „Love & Thunder“… und ist wohl nicht weniger als mein neues Schlusslicht des kompletten Marvel-Kinouniversums. Oder zumindest auf Augenhöhe mit „Captain Marvel“ oder „Incredible Hulk“. Richtig glauben kann und will ich das noch nicht. Aber genau so fühle ich es leider. Und das nicht nur aus falschen, zu hohen Erwartungen. Sondern aus meinem zutiefst kalt gelassenen Herzen UND Zwerchfell. Wahnsinn. Das hätte ich niemals im Bereich des Möglichen gesehen. Und das ist mein persönliches „Ragnarok“.
In „Thor 4“ bekommt es der zuerst noch dicke Donnergott (der nach einem flotten Trainingsmontagenintro schnell wieder seinen brachialen Adoniskörper hat) mit Gorr, dem Göttertöter und seinem magischen Schwert zu tun - und dabei steht ihm u.a. mit Jane Foster als neuer Mighty Thor eine alte Freundin und große Liebe zur Seite…
Warum gefällt mir „Love & Thunder“ nicht? Wie konnte es zu diesem heftigen Druckabfall imVergleich zum dritten Teil kommen? Und was hat sich Waititi dabei nur gedacht? Puh, wo soll ich anfangen… Am besten bei den vielversprechenden Ansätzen. Christian Bale als Gorr ist stark und zum Teil richtig gruselig, emotional und düster. Leider befindet er sich gefühlt im falschen Film und wirkt so noch kontrastreicher, unpassender und auffälliger. Ich hätte seine Vision, seinen Film lieber gesehen! Der Soundtrack von Rock bis Hip-Hop, von Abba bis in die frühen 00er, ist bockstark, abwechslungsreich und hält noch den größten Unterhaltungswert und Überraschungseffekt. James Gunn in unüberlegter. Dann wäre da Gorrs Unterschlupf, ein Planet, der alles und jedem die Farbe entzieht - sehr stylisch! Aber dann wird’s schon arg dünn in meinem Buch an positiven Punkten. Die Action wirkt unübersichtlich und artifiziell, oft auch zu düster und matschig. Es ist ein die meiste Zeit zu naives und oberflächliches Gagfeuerwerk mit klarem Gewicht auf Quantität statt Qualität. Bei allem. Waititi könnte gefühlt kaum weniger an seinen Figuren liegen, der Respekt und die Schwere der Vorlagen und mancher Themen verpufft komplett. Auch das Fingerspitzengefühl scheint hier losen Fäusten, monströsen Splattereien und einer fiesen Pointenpflicht gewichen zu sein. Alles wirkt fluffig, unnötig, gehetzt und wie ein kindliches und verwirrtes Theaterstück. Nicht, dass ich das MCU oder Hemsworth oder Waititi jetzt schon sicher dem Untergang zurechnen würde. Jeder kann mal daneben liegen. Aber das hier ist oft genug schon eine (immerhin schön glitzernde) Frechheit. Lächerlich statt lustig. Dumm statt augenzwinkernd clever. Ein Schnellschuss ins eigene Knie. Thor macht intellektuell und charakterlich drei Schritte zurück. Schade um Gorr, um die Guardians, um Mighty Thor oder auch den hier unendlich lächerlich wirkenden „Hercules“ im Abspann. Puh, harter Tobak, harte Bruchlandung und Enttäuschung für einen meiner meisterwarteten Filme des Jahres. Bunt und beeindruckt von sich selbst, biergrinsend und besoffen, aufgesetzt und albern. Alles was in „Ragnarok“ noch erstaunlich und mutig auf der Kippe für mich funktioniert hat, rutscht hier ins Bodenlose und Bescheuerte. Kann passieren, tut dennoch weh.
Fazit: ich mag Waititi und seine bisherigen Mov(i)es… aber hier überdreht und verzieht er ziemlich brutal. Selten witzig, tonal chaotisch, die Action unübersichtlich und zum Vergessen, Jane Fosters Arc unverschämt verschenkt und überhastet, mäßige Effekte und die meiste Zeit eher Mittelfinger, Trollfilm, Parodie ohne jegliche Fallhöhe. Ein paar kleine (monochrome) Schönheitsflecken in einer Landschaft des hyperbunten Achselzucken. Nur der Soundtrack rockt uneingeschränkt. Ansonsten: ein Tiefpunkt des (mittlerweile etwas planlos wirkenden) MCU!