*** SPOILERWARNUNG *** für die ersten paar Minuten / Einführung des Antagonisten
Ein Mann streift durch eine Wüste, die Erde ist brach, die Hitze unerbittlich. Seine Haut ist gezeichnet von der Sonne, im Arm seine kleine Tochter, er fleht den Gott Rapu an, zu helfen. Doch nichts geschieht, die Tochter stirbt und der Mann beerdigt sie in der sandigen Ebene. Da erscheint ihm eine Oase in der Einöde, Pflanzen, Wasser und Vegetation birgt sie – und Rapu. Und hier erkennt Gorr, der gerade seine Tochter durch die Untätigkeit eines Gottes verloren hat, die Verlogenheit der Wesen, die von so vielen angebetet werden.
Und genau für diesen Gorr nimmt sich Taika Waititi, der auch schon den Vorgänger „Thor: Ragnarok“ (2017) inszenierte, die ersten Minuten Zeit. Er bekommt etwas Hintergrund, eine Motivation. Und auch wenn ich mir das länger erzählt gewünscht hätte, so ist der Einstieg durchaus gelungen. Das liegt auch an Christian Bale, der es in den wenigen Minuten schafft, diesen Umschwung innerhalb der Figur darzustellen.
Und damit hat man auch schon so ziemlich den besten Part des vierten Solofilms um den Donnergott gesehen. Denn was danach folgt, ist eine überzogene, ungelenk austarierte Achterbahn, die nichts und niemanden wirklich ernst nimmt und das Konzept des Vorgängers weiterführt und auch noch ausbaut.
Mit einem nicht gerade subtil eingewobenen Retrostil ausgestattet, verkommt die Hauptfigur hier zu ihrer eigenen Parodie. Nicht nur er, sondern auch der Film an sich. Thor ist mitunter noch verpeilter als bisher, seine Klamotte wirkt billig. Chris Hemsworth spielt das, was er spielen soll, allerdings tadellos. Er kann das durchaus und es nicht seine Schuld, dass der Film so krumm läuft. Natalie Portman bekommt als Jane Foster wieder eine größere Rolle, macht das ebenso gut und ist als „Mighty Thor“ eine gute Ergänzung. Cooler jedoch kommt Tessa Thompson daher, die als Walküre überzeugt. Das Heldentrio wird durch den von Waititi selbst synchronisierten Korg ergänzt, der wie schon im Vorgänger rumplappert und hier sogar noch aus dem Off den Erzähler mimt. In kleinen Rollen, durchaus amüsant, schauen noch Matt Damon, Sam Neill und Melissa McCarthy vorbei. Auch Russell Crowe hat sich als moppeliger Zeus hierher verirrt und gliedert sich gut ein. Denn auch er ist einfach nur eine Witzfigur.
Der Film präsentiert seinen finsteren Antagonisten immer wieder mal pflichtschuldig, damit man ihn wohl nicht vergisst, um danach wieder rumzukaspern. Das dramaturgische Potential, das in der Geschichte um Gorr und hier auch in der Figur von Jane steckt, wird weitestgehend ignoriert. Stattdessen albert sich Waititi durch die Szenerie, dass es stellenweise zum Haareraufen ist, bedenkt man, was aus alldem hätte entstehen können.
Gorr hat das Zeug für mehr, gerade mit Bale in dieser Rolle. Vielleicht sogar über mehrere Filme verteilt, im Stile eines Thanos. Die Chance hat man hier mit Anlauf gegen die Wand gefahren und gerade auf der Schurkenseite ist das MCU nun nicht gerade verwöhnt. Doch wirkt Gorr fast wie ein Fremdkörper, weil er die einzige ernsthafte Figur in dem Zirkus ist.
Waititi findet hier keinerlei ausbalancierte Struktur, stellt der Gorr innewohnenden und auch dargestellten Finsternis einen Kindergarten gegenüber und kümmert sich lieber darum, wiederholt Guns N'Roses im Film unterzubringen mit einer Handvoll Songs, T-Shirt, Poster, Astrid, Axl, whatever. Er reitet das genauso tot wie herumschreiende Ziegen oder ein mit zunehmender Wiedererholung sich auslutschender Ehekrach zwischen Thor und seiner Axt.
Auf der anderen Seite gibt es auch Gelungenes. Die Beziehung zwischen Thor und Jane wieder aufleben zu lassen gehört zu den besseren Teilen der Geschichte und hier gibt es dann auch mal einen emotionalen Moment, wenn das Offensichtliche endlich mal ausformuliert wird. Eine überwiegend farblose Sequenz auf einem Planetoiden, das Spiel Gorrs mit den Schatten nebst Kreaturen und überhaupt der Antagonist an sich sind die Pluspunkte. Die Action ist durchaus flott und nicht zu gedehnt, das Figurendesign in der Stadt der Götter macht was her. Wäre alles nur nicht so überladen. Der Humor, wenn auch inflationär in den Raum gefeuert, trifft sogar ab und an. Für einen Film, der als Komödie angelegt, aber dann doch zu selten. Viel hilft nicht immer viel.
Generell ist "Love and Thunder" ja sogar kurzweilig. Das resultiert allerdings eher daraus, dass er das Publikum zu erschlagen versucht, anstatt dass er so überzeugend konstruiert ist. Ich mochte den ernsteren Thor mehr. Als Figur, als Film. Nach "Ragnarok" kaspert er sich nun noch knalliger durch seine eigene überladene Quatschparade. Machen gefällt das, mir nicht. Als völlig veschwendeter Antagonist kann Bale den Streifen alleine auch nicht retten.
Es verstecken sich einige gute Szenen hier drin, genauso wie ein richtiges Drama. Man hat sich aber für die Kirmes entschieden, für eine Touristenattraktion wie das von Kreuzfahrtschiffen angefahrene "New Asgard". Aber auch dieser Beitrag des MCU wird sein Publikum finden, während ich noch über vergebene Chancen lamentiere.