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Nachdem Taika Waititi bereits den dritten, bei Kritik und Publikum sehr erfolgreichen „Thor“-Film „Tag der Entscheidung“ verantwortet hatte, und sich blendend mit Hauptdarsteller Chris Hemsworth verstand, durfte der Neuseeländer für „Thor: Love and Thunder“ auf den Regiestuhl zurückkehren.
Nach den Ereignissen von „Avengers: Endgame“ tourt Thor (Chris Hemsworth) mit den Guardians of the Galaxy durchs Weltall, um diese bei ihren Abenteuern zu unterstützen, auch wenn er ihnen dabei meistens die Show stiehlt, wie Waititi in einer amüsanten Comedy-Actionsequenz zu Beginn zeigt, in der Thor zu den Klängen von „Welcome to the Jungle“ eine Horde eulenartiger Wesen besiegt, welche den heiligen Tempel blauhäutiger Aliens besetzt halten – allerdings ist das Bauwerk am Ende der Aktion ein rauchender Trümmerhaufen. Für den Zuschauer ist bessere Laune als für die Aliens angesagt, denn neben den Auftritten der Guardians von Chris Pratt als Star-Lord und Dave Bautista als Drax bis hin zu Bradley Cooper als Stimme von Rocket und Vin Diesel als Stimme von Groot gibt es reichlich Gags, inklusive Jean-Claude-van-Damme-Anspielungen, wenn Thor zwei feindliche Gleiter im Spagat aufhält und andere mit Sprungkicks aus der Luft holt.
Derweil droht allerdings neues Ungemach, denn Gorr (Christian Bale), der Gottesschlächter, geht mit dem Nekroschwert seiner Arbeit nach und erwischt dabei beinahe Thors Freundin Sif (Jaimie Alexander). Um Sif zu helfen, trennt sich Thor von den Guardians und nimmt nur seinen steinernen Kumpel Korg mit. Auf der Erde ist es auch nicht rosig: Thors Ex-Freundin, Dr. Jane Foster (Natalie Portman), ist schwer an Krebs erkrankt. Nachdem die konventionelle Medizin versagt, folgt sie dem Ruf Mjolnirs nach New Asgard, wo sich der zerbrochene Hammer in ihrem Beisein nicht nur wieder zusammensetzt, sondern sie zum mächtigen Thor macht.

Auf Thor bringt die verwundete Sif nach New Asgard, wo mittlerweile Valkyrie (Tessa Thompson) Königin ist. Über die neue Aufmachung seiner Ex Jane kann sich Thor allerdings nicht lange wundern, denn Gorr attackiert das Örtchen und entführt die asgardischen Kinder, um seinem Ziel, der Auslöschung aller Götter, ein Stückchen näher zu kommen…
Gern wird die Corporate Identity und vermeintliche Gleichmachung im Marvel Cinematic Universe kritisiert, dabei sind Filme wie jüngst „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ und nun eben „Thor: Love and Thunder“ der beste Beweis dafür wie sich Autorenhandschriften auch innerhalb des Marvel-Kosmos entfalten. Denn mehr noch als sein direkter Vorgänger ist der vierte „Thor“-Teil eindeutig ein Taika-Waititi-Film, noch deutlich mehr eine Komödie, was man auch den Actionszenen sieht. Das verantwortliche Stunt- und Fight-Coordinator-Trio aus Kyle Gardiner, Chan Griffin und Jade Amantea bringt zwar Erfahrung mit sich, setzt bei den übernatürlichen Hauereien aber nur phasenweise auf spektakuläre Choreographien, sondern macht daraus teilweise weitere Comedy-Nummern, ähnlich wie bei der DC-Adaption „Shazam!“, an der das Trio ebenfalls schon gemeinsam arbeitete. So bleibt die memorabelste Sequenz die erwähnte Schlacht gegen die Eulenwesen zu Beginn, die eher als Slapstick mit Superwesen funktioniert.

Tatsächlich hat man bei „Thor: Love and Thunder“ gelegentlich das Gefühl, dass Waititis verspielte Handschrift das Superheldenkorsett gelegentlich zu sprengen droht. Denn obwohl viel auf dem Spiel steht, viele düstere Themen angesprochen werden, so erscheint das Ganze dann doch eher wie ein großer Witz, in dem der nächste Lacher nicht zu weit entfernt scheint, sodass dem Ganzen ein wenig die Fallhöhe fehlt. Dabei bemüht sich Waititi um Gegengewichte, wenn er Janes Krebserkrankung im Blick behält, die durch Mjolnirs Kraft nur temporär aufgehalten, aber nicht bekämpft wird, oder die tragische Hintergrundgeschichte des Schurken erzählt, der einst ein gottesfürchtiger Mann war, dann jedoch seine Tochter verlor und von seinem Gott nur Spott erntete.
Doch all das geht in den Witzeleien und den Formspielereien unter, etwa wenn Waititi die Szenen im Schattenreich des Schurken quasi als Schwarz-Weiß-Film erzählt. Weitere Stationen auf der Reise enthalten einen Abstecher zum Konzil der Götter, wo Russell Crowe als schmerbäuchiger Zeus zu Orgien einlädt und sich als popanziger Chef gebiert, und Zwiegespräche zwischen Gorr und seinen minderjährigen Gefangenen, in denen sich der Schurke eher wie ein verspielter Kinderschreck aus den Filmen Tim Burtons oder Jean-Pierre Jeunets verhält. Gorr kann außerdem formschön designte Schattenmonster beschwören, die sowohl als Manifestation kindlicher Ängste vor der Dunkelheit als auch als mächtige Superheldengegner funktionieren, was aber den Zwitterstatus des Films zwischen Komödie und großem Weltenretterepos nur noch unterstreicht.

Gleichzeitig kann man dank Waititis Comedy-Talent herzhaft lachen. Den schrillen Ruf zweier außerirdischer Ziegen, die Thor zu Beginn geschenkt bekommt, baut der neuseeländische Filmemacher zum ebenso einfachen wie grandiosen Running Gag auf, ähnlich wie Thors Versuche wieder mit Mjolnir Verbindung aufzunehmen als Beziehungskomödie erzählt werden, in der seine neue Waffe, die Axt Stormbreaker, eifersüchtig ist. Noch wichtiger ist natürlich die Beziehung Janes und Thors, die Story zweier Ex-Partner, die sich zwar getrennt haben, aber noch immer lieben, was den Boden für weitere Gags, aber auch für emotionale Momente bereitet, bis zum herzigen Finale. So jongliert Waititi Wortwitz, Slapstickeinlagen und knuffige In-Jokes, etwa wenn die Asgard-Theaterschauspielertruppe aus Matt Damon, Sam Neill und Luke Hemsworth hier noch um Melissa McCarthy als Bühnen-Hela und deren Real-Life-Ehemann Ben Falcone als Theaterregisseur ergänzt wird.
Chris Hemsworth hat weiterhin sichtlich Spaß an der komödiantischeren Anlage seiner Heldenfigur, was der Charmebolzen auch auf das Publikum zu übertragen weiß. Natalie Portman und Tessa Thompson als seine Mitstreiterinnen reichen fast an ihn heran, während Christian Bale als Schurkenfigur aufzutrumpfen weiß. Russell Crowe hingegen driftet mit seiner Zeus-Interpretation dagegen teilweise zu sehr ins Alberne ab, während der Rest der Darsteller nur bessere Cameos hat, von Jaimie Alexander als Lady Sif bis hin zu den Guardians of the Galaxy. Apropos Cameos: Hemsworths Frau Elsa Pataky und seine Kinder haben ebenfalls Minirollen. Wesentlich präsenter ist die leitmotivische Musik von Guns N‘ Roses, deren Evergreens größtenteils vorkommen: Neben „Welcome to the Jungle“ untermalen „November Rain“, „Paradise City“ und „Sweet Child O‘ Mine“ markante Szenen des Films.

„Thor: Love and Thunder“ hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck, denn er ist ganz klar eine Taika-Waititi-Komödie. Das allerdings in einem solchen Grad, dass er nur noch bedingt als Superheldenfilm funktioniert, denn der nächste Gag, der nächste schräge Einfall scheint wichtiger als die klassische Heldengeschichte zu sein, die dadurch an Fallhöhe verliert. Ein teilweise sehr lustiger Film, dem es dadurch aber an Erdung fehlt – das können auch krebskranke Heldinnen und tragische Schurken nicht ausgleichen.

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