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"In der Wüste ist garnichts. Und kein Mensch braucht garnichts."

Während des ersten Weltkrieges wird Arabien weitgehend von den Türken belagert, da sich die verschiedenen Stämme und deren Kulturen nicht für einen gemeinsamen Kampf zusammenschließen. Der britische Offizier Lawrence (Peter O’Toole) erhält den Auftrag Kontakt mit Prinz Feisal (Alec Guinness) aufzunehmen und die Lage unter den arabischen Stämmen zu erkunden. Er verspricht ihnen britische Unterstützung, wodurch sich politische Vertreter, wie der in Kairo stationierte Mr. Dryden (Claude Rains), eine Aufteilung des arabischen Raumes nach einem gewonnen Krieg erhoffen.
Auf dem Weg zu Feisal trifft Lawrence auf Sherif Ali (Omar Sharif), der Lawrence arabischen Begleiter tötet. Zunächst versteht er diese Handlung nicht, schließlich hat sein Begleiter so wie er selbst nur aus Alis Brunnen getrunken. Nach dem Treffen mit Prinz Feisal eignet sich Lawrence die arabische Lebensweise jedoch an und schlägt einen überaus gefährlichen Schachzug gegen die Türken vor. Die Rückeroberung der von den Türken besetzten Stadt Aqaba vom Land her. Ein mühevolles und lebensgefährliches Unterfangen, denn dafür muss die Wüste Nafud durchquert werden, die noch niemand lebend durchkreuzt zu haben scheint.

"Lawrence von Arabien" geht unter die Klassiker des epischen, bildgewaltigen Kinos der 60er. Regisseur David Lean ("Die Brücke am Kwai”) nutzt den Mythos des britischen Hobby-Archäologen und Agenten E. T. Lawrence für eine Menge beachtlicher Aufnahmen der Wüste und einer greifbaren, sehr ambivalenten Figur, obwohl an vielen Stellen von den Fakten der Biografie abgewichen wird.

Die Geschichte von "Lawrence von Arabien“ ist durch viele Stationen von Lawrence Lebensabschnitten sehr episch und lässt sich durch ein gemächliches Erzähltempo ausreichend Zeit. Nebeneffekt sind dabei einige inhaltliche Längen, die insbesondere den Schluss des Films übermäßig strecken.
Diverse Zeitsprünge erkennt man nicht immer sofort. Anstatt mit Überblendungen zu arbeiten, wechseln die Szenen abrupt in eine zeitlich früher oder später angesiedelte Zeit. Selbst für das Produktionsjahr 1962 ist dies technisch nicht mehr zeitgemäß.

"Lawrence von Arabien" zeichnet sich vor allem durch die Darstellung seiner geheimnisvollen Hauptfigur aus, deren Beweggründe für einen englischen Offizier jener Zeit völlig unverständlich erscheinen. Unabhängig von politischen Absichten und Kriegszielen verfolgt sie nicht nur das gemeinschaftliche Ziel von Unabhängigkeit und Freiheit, sondern wandelt sich ebenso drastisch mit der Zeit, bis nicht mehr erkennbar ist, ob ihr Schwerpunkt bei Gerechtigkeit oder Wahn liegt. Der überhastete Schluss lässt diese Frage dann leider auch offen, sodass die Interpretation am Zuschauer hängen bleibt.

Trotz einigen Massenszenen liegt der Schwerpunkt des Films nicht auf geführten Kämpfen. Von diesen sieht man meist nur kurze Sequenzen, die nicht mal mehr sonderlich spektakulär inszeniert wurden. Er beläuft sich eher auf den gewöhnlichen Ereignissen des Lebens und Überlebens in der Wüste sowie den Eigenarten des arabischen Volkes, die respektvoll und erfrischend werteneutral vermittelt werden.
Faszinierend sind auch die monumentalen Aufnahmen der Wüste, die zur donnernd komponierten Musik eine greifbare Ansicht der Weite und Leere des Landes vermitteln. Nur die leicht zu enttarnenden Gemälde manch einer Landschaft vermitteln nicht die sonst großartige Authentizität.

Absolut brilliante Leistungen erbringen die Schauspieler, durch eine natürliche Darstellung ihrer Figuren. Dies erstreckt sich von dem verständlicherweise am meisten sichtbaren Peter O’Toole ("Der Sternwanderer"), über die unterstützenden Rollen von Alec Guiness ("Oliver Twist"), Jack Hawkins ("Ben Hur") und Omar Sharif ("Doktor Schiwago"), bis hin zu diversen nebenläufigeren Rollen.

Mittlerweile ist "Lawrence von Arabien" schon ordentlich angestaubt und technisch veraltet. Trotz aufwendiger Massenszenen können actionreichere Sequenzen kaum überzeugen. Es sind die zeitlose, leicht abgewandelte Biografie um den Aufstieg und Fall seiner titelgebenden Figur, die außergewöhnlichen Leistungen der Darsteller sowie die gigantischen Landschaftsaufnahmen, die das Verständnis zur arabischen Welt und deren Kultur greifbar veranschaulichen und atmosphärisch tragen. Abstriche sind da nur langwierige Passagen, die die gemächliche Erzählweise mit sich bringen.

7 / 10

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