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Johannesburg in der Gegenwart: Der Familienvater Johan Greser, Angehöriger der weißen Oberschicht, hat gerade massive berufliche Probleme, erwartet sich der Sicherheitsexperte doch eine bevorstehende Beförderung, die er mit Hilfe einer Bekannten aus der Personalabteilung hintertreiben will. Gleichzeitig rebelliert seine Teenager-Tochter Nicki, für die er gerade einen 4-wöchigen Aufenthalt in L.A. organisiert hat - die will nämlich gar nicht in die Staaten, sondern viel lieber mit ihrem schwarzen Freund, dem Nachwuchs-Rapper Cecil, zusammen sein.
Johan, der sich weder bei seiner Tochter noch bei seiner Frau durchsetzen kann, hat einen Deal mit dem schwarzen Gangster Bra Sol laufen, einem Clubbesitzer, der auch mit Menschenhandel und Prostitution Geld verdient und durch den Bau einer Schule Geldwäsche für höher gestellte Bosse betreibt. Nebenbei zockt er auch kleine Ladenbesitzer durch Schutzgelderpressung ab, wie beispielsweise Palesa und ihren Vater. Palesa ist eine junge Südafrikanerin und verliebt in einen nigerianischen Nachbarn, sehr zum Unwillen ihres Vaters, der  die Schuld für die schlechte Wirtschaftslage vor allem bei den "Ausländern" sieht und kräftig Stimmung gegen die Fremden macht. Derweil ziehen Cecil, Nicki und Thando, der Sohn der schwarzen Haushälterin der Gresers, um die Häuser, bekiffen sich und schmieden Pläne für Cecils Karriere, der laut Thando durch die Klickrate bei Youtube gute Chancen hat, einmal reich zu werden...

Wie nun diese teilweise parallel ablaufenden Geschichten am Ende zueinander führen, davon handelt der südafrikanische Film Collision. Obgleich Regisseur Fabien Martorell schon in der allerersten Szene das Finale vorwegnimmt (es wird dem Titel entsprechend eine Kollision in Form eines Verkehrsunfalls werden) ist es durchwegs interessant, die einzelnen Handlungsstränge zu verfolgen. Nicht die Spannung steht hier im Vordergrund, sondern eine durchaus kontroverse Momentaufnahme der südafrikanischen Gesellschaft im Nach-Apartheid-Zeitalter: die Gräben zwischen schwarz und weiß scheinen weitgehend beseitigt (obgleich Bra Sol diesbezüglich gerne weiterhetzt) und dafür durch andere Feindbilder ersetzt - stellvertretend hierfür der ältere Ladenbesitzer, der zugezogene Afrikaner (hier: Nigerianer) für seine persönliche Misere verantwortlich macht. Daneben die unbekümmerte Jugend, die sich um Hautfarbe, politischen Diskurs oder Wirtschaftszahlen einen Dreck schert und das Leben genießt, so gut es eben möglich ist.

"Dies ist ein kaputtes Land, aber wir machen etwas daraus" sagt Bra Sol in einer Szene, meint damit zwar seine illegal ins Land geschafften schwarzen Prostituierten, trifft aber ansonsten den Nagel auf den Kopf. Denn sowohl auf ihn, wie auch auf Johan Greser, der zu seiner großen Enttäuschung nicht befördert wird, kommen schwierige Zeiten zu. Erst recht auf Palesa und ihren nigerianischen Freund, der die Vorurteile der Südafrikaner gegen ihn und seine Landsleute mit gelungenen Kochrezepten entkräften will - denn Palesas Vater trommelt bereits in der Nachbarschaft und mobilisiert einen wachsenden Mob, der bald durch die Straßen zieht. Das jugendliche Trio dagegen, denen der umtriebige Thando einen flotten BMW geklaut hat, sieht sich bald aus allen Träumen gerissen, als Bra Sol Nicki entführen läßt, da dieser auch weiße Mädels in seinen Hinterzimmern anbieten will...

Zwar sieht man manchen Szenen die dramaturgische Bemühtheit an (den Verfolgungsjagden, dem Unfall oder der "versperrten Hintertür"), auch passt das Erzähltempo nicht immer und überhaupt ist der Plot (der im letzten Drittel etwas unbeholfen auch noch Thrillerelemente inklusive eines misslungenen Plot Twists einbaut) durchwegs sperrig für westliche Sehgewohnheiten, dennoch bietet Collision, der auf jegliche Schönfärberei verzichtet und den bunten Reigen mit einem Anti-Happyend beschließt, trotz des durchwegs pessimistischen Grundtons einen interessanten Einblick in (zumindest einen Teil) der südafrikanischen Gesellschaft, den sich nicht nur Genre-Freunde einmal anschauen sollten, freilich ohne allzu große Erwartungen zu hegen: 6 Punkte für einen eher niedrig budgetierten Streifen auf gutem Indie-Niveau, derzeit bei Netflix im englischsprachigen Original mit deutschen Untertiteln.

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