Viele Italo-Western verlaufen nach den gleichen Mustern und so gibt es kaum Filme, die sich durch ihre Story wirklich hervorheben können. Zwar können auch die Vertreter des Einheitsbreis oftmals Akzente setzen, wobei es aber nie reicht in die A-Klasse aufzusteigen. „Blutiges Blei“ ist jedoch ein Film, der sich mit den großen des Genres messen kann:
Erzählt wird die Geschichte von Bill Willer (Giuliano Gemma), der während des amerikanischen Bürgerkrieges zusammen mit seinem schwarzen Freund Jack auf der Seite der Nordstaaten gekämpft hat. Sein Vater jedoch ist jedoch ein Südstaatler gewesen. Nachdem nun der Krieg nun schon einige Zeit vergangen ist, plant der Präsident der USA James Garfield einen Besuch in Texas. Schon früh mehren sich die Zeichen, dass einige widerspenstige Südstaatler unter der Führung von Pinkerton einen Anschlag auf den Präsidenten planen. Dies bekommt auch Bills Vater mit. Dumm nur, dass auch der Sheriff, dem er dies verrät, zu den Verschwörern gehört. Aus diesem Grund muss er sterben. Bill schwört daraufhin den Mördern Rache und verfolgt sie. Dabei rettet er auch gleich dem Präsidenten das Leben. Während Bill weiter nach weiteren Komplizen sucht, wird der Präsident bei einer Kutschfahrt durch die Stadt erschossen. Der Verdacht fällt auf Jack, der jedoch unschuldig ist. Sowohl Bill, als auch der Berater des Verstorbenen, McDonald, glauben nicht an die Version des Sheriffs und ermitteln weiter.
Dabei kommen sie einer riesigen Verschwörung auf die Schliche, die einigen Menschen das Leben kostet...
Entscheidend bei diesem Film ist sein Spagat zwischen der Rachestory und der Verschwörungskomponente, welcher diesen Vertreter der Italo-Western aus der Masse hervorhebt. Was zu Beginn als genretypische Rachegeschichte beginnt, entwickelt sich im Verlauf des Filmes zu einem spannenden Politthriller, der mit einigen Überraschungen aufwarten kann. Zwar spielt der Film im Jahr 1881, doch sind die Parallelen zu John F. Kennedys Ermordung in Dallas nicht von der Hand zu weisen. Nicht nur der Ort der Handlung, sondern auch die Art der Ermordung sprechen für sich. Hauptmotiv im Film sind die Zugeständnisse an die schwarze Bevölkerung, die Präsident Garfield einführen möchte. Mit jenem heiklen Thema hatte sich auch Kennedy beschäftigt. Wenn man jetzt von diesen Punkten absieht, beschäftigt sich der Film aber auch mit grundsätzlichen Fragen. So steht zum Beispiel die Problematik im Raum, inwiefern es legitim ist einen Mensch zum Wohle des Volkes zu opfern oder ob es richtig ist, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, wodurch womöglich noch größere innere Probleme auftreten würden, als wenn man die Wahrheit stillschweigend unterschlägt. Wie weit jetzt die einzelnen angeschnittenen Themen im Film zutreffen möchte ich an dieser Stelle gar nicht ausführen. Dies muss jeder für sich entscheiden. Klar ist jedoch, dass der Film dadurch ungemein an Tiefe gewinnt. Dabei darf man nicht übersehen, dass der Film nicht nur auf inhaltlicher Basis überzeugen kann, sondern dass eben auch die erzählerische Struktur überzeugend ist. Geschickt wurden hier kleinere Rückblenden und verschiedene Sets in das Geschehen eingebunden und ergeben so ein überzeugendes Gesamtbild. Zwar kann der Film im Großen und Ganzen auf der Spannungsebene überzeugen und baut die Kurve auch gut auf, hat jedoch im Mittelteil (besonders in der Langfassung) einige Durchhänger, in welchen die Dynamik spürbar nachlässt. Zwar kommt keine Langeweile auf, doch die Passagen ziehen sich schon hin. Hier hätte man vielleicht einen knackigeren Mittelweg wählen sollen. Wenn wir schon beim Thema Dynamik sind, so ist zu sagen, dass der Film doch zu den ruhigeren Vertretern gehört, wo mehr Wert auf die Handlung, als auf actionreiche Einlagen gelegt wurde. Natürlich muss man auf diese nicht ganz verzichten und man tat gut daran nicht zu viele davon einzubauen, denn das hätte auch nicht wirklich gepasst.
Zu einem guten Spaghettiwestern gehört natürlich auch die Musik. Diese stammt hier von Luis Enriquez Bacalov, der, wie nicht anders von ihm gewohnt, sich sehr harmonisch einfügt und die präsentierten Bilder auf gekonnte Weise untermalt und verstärkt. Ob in ruhigen oder dramatischen Szenen, Bacalov trifft nahezu immer den richtigen Ton und der Score ist auf einem Niveau mit Werken von Nicolai und sogar fast von Morricone.
Abgerundet wird der gute Eindruck von den schönen Bildern Stelvio Massis, der mit seiner Kamera sowohl die Landschaft, wie auch die Schauspieler ins rechte Licht rückt. Dies alles führt auch dazu, dass der Film einen, im Vergleich zu Kollegen, teuren Eindruck macht.
Auch konnten mit Giuliano Gemma und Fernando Ray nicht gerade unbekannte Personen für den Film gewonnen werden. Gemma ist natürlich prädestiniert für die Rolle des rachegetriebenen Sohnes, der an das Gute glaubt und so manchmal recht naiv wirkt. So schafft er es besonders auf emotionaler Ebene zu überzeugen, ohne dabei dem Kitsch zu verfallen.
Ray hingegen spielt hier den rassistischen Pinkerton, einen reichen Bürger, der die Stadt kontrolliert. So wird hier nicht zimperlich mit den Schwarzen umgegangen und Fernando schafft es gekonnt die hinterlistigen, gemeinen und brutalen Seiten Pinkertons heraus zu kitzeln, um so beim Publikum große Antipathien aufzubauen. Erwähnenswert ist weiterhin Warren Vanders, der den Berater McDonald verkörpert. Dieser Charakter bleibt über weite Strecken des Filmes schwer einschätzbar auf welcher Seite er nun wirklich steht. Die Verunsicherung, die dabei vom Publikum empfunden wird, ist sein Verdienst.
Wem kann man den Film nun empfehlen? Sicherlich allen Westernfans, egal ob Anhänger von Eurowestern oder den amerikanischen Originalen. Aber auch Nichtfans könnten an diesem Film gefallen finden, da er eine sehr interessante Story besitzt. Freunde der härteren Gangart dürften vielleicht enttäuscht werden. Es muss ja nicht immer nur gekloppt werden. Ein bisschen Grips kann nie schaden. 8/10