Review

Mit diesem Italowestern konnte der ehemals Sergio Leone assistierende Tonino Valerii („Der Tod ritt dienstags“, „Mein Name ist Nobody“) dem stetig eintöniger werdenden Italowestern noch einmal eine neue Seite abgewinnen, indem er vor dessen Hintergrund einen verhältnismäßig komplexen Politthriller wiedergibt, der viele Ähnlichkeiten zum Attentat auf John F. Kennedy aufweist und es deshalb mit der geschichtlichen Authentizität nicht so ganz genau nimmt.

Denn obwohl nach dem Bürgerkrieg die Nord- und Südstaaten wieder vereint sind, brodelt es in Texas immer noch. Engstirnige Individuen wollen den liberalen Kurs ihres Präsidenten James Garfield (Van Johnson, „The Caine Mutiny“, „Stukas über London“) nicht hinnehmen und wieder den alten Status Quo errichten, wofür sie selbst einen erneuten Bürgerkrieg in Kauf nehmen würden. Der erpressbare Vizepräsident ist schon länger platziert, muss nur noch Garfield dran glauben. Da bietet es sich doch an, dass er ohnehin in Dallas vorbeischauen will.

Mit den folgenden erst misslingenden, dann erfolgreichen Attentaten auf Garfield und der sich daran anschließenden Versuchen Bill Willers (Giuliano Gemma, „Für drei lumpige Dollar“, „Tampeko - Ein Dollar hat zwei Seiten“) beschäftigt sich die dann folgende Kombination aus Krimi und klassischer Revenge-Thematik, wurde Bills Vater doch im Vorfeld mundtot gemacht, weil sich ihm gegenüber ein Verschwörer verplauderte.

Über Valeriis gewohnt starke Regie braucht man während dessen nicht viele Worte zu verlieren. Er versteht es die Geschichte bis zum Ende spannend zu erzählen, lässt genug genretypische Elemente mit einfließen, um die traditionell angelegten Italowestern-Zuschauer nicht zu vergraulen und hat dabei stets ein Auge für atmosphärische Sequenzen, wie die gewittrige Nacht, in der Bill die Leiche seines Vaters findet. In der zweiten Hälfte verliert das Szenario zwar etwas an Dynamik, weil Bill sich durch die komplex verstrickte Verschwörung, in die vom Sheriff über Banditen bis zu den angesehenen Reichen der Stadt allerhand verstrickt sind, wühlen muss und, um Antworten zu bekommen und seltener den Colt ziehen kann, spannend bleibt es aber.

Gemma hinterlässt seinen gewohnt positiven Eindruck, muss hier jedoch weniger den Sunnyboy raushängen lassen, was ihm sichtlich gut tut, so dass er über seinen Standards als investigativer Rächer agieren darf und den ersten Anschlag an der Zugbrücke noch knapp verhindern kann. Und das obwohl Garfield Bill während des Kriegs wegen Hochverrats anklagte und damit vier Jahre Gefängnis einbrachte. Über die Hintergründe erfährt man später noch mehr Details, aber wirklich relevant für den Film sind sie nicht, unterstreichen aber die problematischen Verhältnisse so eines inländischen Konflikts.

Bill, der nebenher noch seinen schwarzen Freund Jack, den die Verschwörer übel zurichteten, um seinen Aufenthaltsort zu erfahren, in Sicherheit und zum Arzt bringt, muss dass zweite Attentat mit ansehen. Schnell wird vom Sheriff ein falscher Verdächtiger präsentiert, während Bill, der genau weiß, dass sein Freund nicht der Mörder sein kann, zusammen mit einem Vertrauten des toten Präsidenten, noch einmal versucht den Vorfall zu simulieren, mögliche Standorte der Schützen in Augenschein nimmt und schnell feststellt, dass es mehrere Schützen gegeben haben muss. Dieser Ablauf ist den Vorfällen um den Tod John F. Kennedys übrigens wirklich sehr ähnlich.

Von nun an wird im Stillen und im Hintergrund heftig debattiert, verschleiert, bestochen und erpresst. Bankier Pinkteron (Fernando Rey, „Der Teufel kennt kein Halleluja“, „Zwei Compañeros“), als eine Art Rädelsführer, stellt seine schmutzigen Handlanger bloß, um selbst mit blütenreiner Weste dazustehen, versucht belastende Beweise zu erkaufen, Zeugen zu töten und den Vizepräsidenten so unter Druck zu setzen, dass der nach seiner Pfeife tanzt, nur hat der inzwischen eine völlig gegensätzliche Einstellung als noch vor ein paar Monaten und außerdem ist da ja noch Bill, der allen auf den Zahn fühlt und damit viel Staub aufwirbelt. Beinahe zuviel möchte man meinen, weswegen die ganze Wahrheit schließlich auch zum Wohle des Landes unter den Teppich gekehrt werden soll.

Zur Waffe wird dabei natürlich seltener gegriffen. Ausnahmsweise ist mal die Zunge mächtiger als das Schwert. Natürlich muss sich Bill dennoch, später auch angeschossen, als einiger der wenigen, der zumindest einen Teil der Wahrheit kennt, ständig zusehen, nicht an den Falschen zu geraten, denn die Wurzeln der Verschwörung reichen bis in seinen Kreis des Vertrauens. Seine zunehmende Skepsis gegenüber allen vermeintlichen Freuden dient dabei als zusätzliches Spannungspotential.

Der sehr gute Italowestern will sich trotz des tollen Score von „Django“ – Komponist Luis Enríquez Bacalov deswegen nicht einstellen, weil das zwar alles andere als oberflächliche, bisweilen aber ungeschickt preisgebende Drehbuch meist ein paar Brocken Wahrheit zu viel serviert, auf dass die Spannung vor allem im letzten Drittel immer wieder abfällt. Da helfen auch die sichtlich überdurchschnittlichen Production Values nicht, „Blutiges Blei“ klammert sich zunehmend am Hickhack innerhalb der Verschwörer, die sich dann erlösend gegenseitig an die Gurgel gehen bis in Dallas das totale Chaos ausbricht.

Dank einer absolut gelungenen Ausstattung und den guten Darstellern, darunter viele bekannte Gesichter wie Benito Stefanelli oder Antonio Casas, kann sich das Storykonstrukt um die komplexe Verschwörung erfolgreich bis zum Ende behaupten, auch wenn irgendwann mangels Abwechslung das Interesse schwindet. Denn sobald die Karten erst einmal auf dem Tisch liegen und die Motivation der Hintermänner bekannt ist, kann „Blutiges Blei“ nicht mehr zulegen.


Fazit:
Nichtsdestotrotz ist Valerii ein willkommen unorthodoxer Italowestern gelungen, der nicht nur Altbekanntes aufbereitet, sondern ziemlich ambitioniert klassische Genrethemen mit einem intelligenten Politthriller kombiniert und dafür Applaus verdient. Die Darsteller sind gut, die Regie ohnehin frei von Kritik und das Drehbuch eben manchmal zu ausführlich in seiner möglichst detaillierten Schilderung. Insgesamt dennoch eine Empfehlung für die Fans des Genres.

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