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Staffel 1

Der 24. Dezember in Spanien: während die Schaufenster, Straßen und Bars dekoriert sind und sich die Familien auf den heiligen Abend vorbereiten, geht eine Meldung im allgemeinen Trubel fast unter: der berüchtigte Serienmörder Simón Lago (Luis Callejo), genannt "der Kaiman", wurde endlich gefasst. Nachdem ihn eine Spezialeinheit der Polizei in seinem Haus gestellt hat und der Killer von einer Eskorte in eine Haftanstalt begleitet wird, erhält diese über Funk plötzlich die Weisung, den Kaiman diese Nacht in ein kleineres Gefängnis, in dem eigentlich psychisch Kranke untergebracht sind, zu bringen - am nächsten Morgen soll er dann in ein Hochsicherheitsgefängnis überstellt werden.
Der Direktor dieser Anstalt, Hugo Roca (Alberto Ammann), ein geschiedener Familienvater, organisiert gerade den Weihnachtsbaum für zwei seiner drei Kinder, als ihn ein Anruf von seiner dringend benötigten Anwesenheit in der Strafanstalt unterrichtet - kurzentschlossen packt er die Kinder ins Auto und macht sich auf den Weg nach Monte Baruca. Dort ist das nur wenige Leute zählende Wachpersonal genauso überrascht vom Kurzaufenthalt des prominenten Häftling wie dessen Direktor.
Was aber niemand ahnt: der von ganz oben angeordnete Fahrtroutenwechsel in die psychiatrische Klinik ist wohlweislich geplant, um eine Aussage des Kaimans vor Gericht zu verhindern - denn gleichzeitig macht sich eine bis an die Zähne bewaffnete Gruppe von Söldnern in 6 Offroadern auf den Weg, den Serienkiller dort rauszuholen. Mit deren Ankunft und sofortiger Zerstörung der Stromversorgung inklusive Aktivierung von Störsendern beginnt für die kleine Strafanstalt die längste Nacht...

Mit dieser durchaus spannenden Ausgangslage (die natürlich frappierend an Carpenters Assault – Anschlag bei Nacht erinnert) steigt die spanische Produktion recht flott mitten ins Geschehen ein: ohne allzugroße Einführung der Charaktäre, nicht jedoch ohne einen Hinweis darauf, daß der dezente Serienkiller sowohl über seine unmittelbare Festnahme wie auch die bevorstehende Aktion unterrichtet ist (die Sache also von vornherein zum Himmel stinkt) ist das Publikum schon nach kurzer Zeit im Szenario einer Belagerung. Als die Fronten geklärt sind (Roca gibt den Gefangenen nicht heraus, die Angreifer haben Probleme, die verbarrikadierten Türen aufzubrechen) nimmt sich das Drehbuch dann ausführlich Zeit, die einzelnen Proponenten vorzustellen. Leider walzt das Regisseursduo Óscar Pedraza und Moisés Ramos dann die diversen Versuche, die Anstalt zu stürmen wie auch die Abwehrversuche der Insassen viel zu lange und breit aus, sodaß spätestens ab dem 3. Teil diverse Längen entstehen. Überhaupt wäre diese aus 6 jeweils etwa 45-minütigen Episoden bestehende Netflix-Produktion viel besser in einem einzigen, etwa 2-stündigen Film untergebracht gewesen.

Positiv zu bewerten sind die vielen, durchaus ambivalenten Charaktäre, besonders auch der Insassen der kleinen Anstalt, die nach und nach eine immer größere Rolle spielen. Im Gegensatz zum grünen Block, wo die eher harmloseren Fälle untergebracht sind, tummeln sich im roten Block auch einige Schwerverbrecher, die eigentlich nie mehr herauskommen sollen, auf deren Mithilfe der Direktor aber zunehmend angewiesen ist. Dabei sind die einzelnen Rollen durchaus nicht oberflächlich angelegt: während einem manche Insassen (wie die glatzköpfige Petze oder die schizophrene Klavierspielerin) schnell auf den Geist gehen, kann man anderen (wie dem Rübezahl auf Beinprothesen, der später eine Revolte anzettelt, dessen "Berater", einem älteren Jesusfreak oder auch dem unschuldig einsitzenden Transgender-Mann) durchaus etwas abgewinnen. Auch die Anstaltsangestellten, angefangen vom prügelnden Oberaufseher (mit anhängiger Dienstaufsichtsbeschwerde durch Kollegen), der humanen und geachteten Oberärztin (die eine Beziehung mit dem Direktor hat) bis hin zu den nicht immer loyalen Wärtern zeichnen sich auch diese durch wechselhaftes, nicht immer erwartbares Verhalten aus.
Das größte Rätsel jedoch bleibt der stets ruhige und dezente Simón Lago, von dem man nur weiß, daß er dutzenden Leuten die Kehle durchschnitten hat - um sein Schicksal wissend, scheint dieser auf den ersten Blick wie ein spießiger Kleinbürger wirkende Massenmörder fast der interessanteste Charakter, hat doch jeder seiner wenigen, bedächtig vorgetragenen Sätze eine Bedeutung, die die Angesprochenen freilich fast nie verstehen (wollen).

Negativ dagegen ist die sehr lange Exposition des teilweise in Echtzeit ablaufenden Dramas, das auf längere Rückblenden verzichtet und ab und zu die aktuelle Uhrzeit einblendet. Während man das Szenario eines von der Außenwelt abgeschnittenen kleinen Gefändnisses als Zuseher so gerade noch schlucken mag, scheint es schlicht unglaubwürdig, daß sich die ganze Nacht lang niemand um dessen Umstände zu sorgen scheint. Selbst als durch einen Brand dann irgendwann einmal die Feuerwehr auftaucht (und sofort komplett exekutiert wird), läßt sich deren Einsatzzentrale durch eine Lüge der Belagerer ("wir haben eine Panne") abspeisen. Die Belagerer selbst übrigens, die sich später sämtlichst als Polizisten (hmmm...?) herausstellen, sind zwar mit automatischen Waffen ausgestattet und erschießen auch gleich mal drei Häftlinge, doch scheinen sie auf den Sprengstoff vergessen zu haben, denn über mehrere Episoden hinweg mühen sie sich sehr zäh mit einer herkömmlichen Flex, um die Panzertüren aufzubekommen.
Auf der anderen Seite steht der Direktor Hugo Roca, der Angst um seine beiden irgendwo auf dem Gelände herumirrenden Kinder und noch mehr um seine entführte älteste Tochter hat, deretwegen er einer beharrlich verlangten Herausgabe des "Kaimans" auf keinen Fall nachgeben will, dafür aber den Tod diverser Häftlinge, die vom einen zum anderen Trakt fliehen (dabei von den Belagerern niedergemäht werden oder sich auch gegenseitig dezimieren), billigend in Kauf nimmt. Diese und andere Ungereimtheiten nehmen mit fortlaufender Dauer der Serie immer mehr zu und lassen den Eindruck aufkommen, daß hier mal wieder jede Menge nebensächlicher Füllstoff zur künstlichen Verlängerung des an sich spannenden Grundthemas eingeblasen wurde.

Als eine an Zuschauerverarsche grenzende Unverschämtheit muß dagegen das gekappte, oder besser: gänzlich fehlende Ende gewertet werden, denn die 6. Episode endet zwar mit einer Einstellung im Morgengrauen, die das Ende dieser längsten Nacht anzeigt, doch erfährt man überhaupt nichts darüber, wie das Belagerungsdrama endet: es scheint, als würde eine anschließende finale Episode einfach fehlen. Ob dieser Umstand (im besten Fall) einen Hinweis auf eine bislang noch nicht angekündigte 2. Staffel darstellen soll? Jedenfalls bleibt die Empfehlung für Bingewatcher, diese Staffel tunlichst zu überspringen und auf eine allfällige 2. Staffel zu warten, so diese denn jemals kommt. Wer sich die 6 Episoden dennoch ansehen will, den erwartet ein leidlich unterhaltsamer Gefängnis-Thriller, dem jedoch jegliche Auflösung fehlt: das sind statt 7 dann eben noch höchstens 5 Punkte.

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