Ein Pferd, ein Reiter, so weit normal. Eine Explosion, die die Landschaft aufreißt und die Goldsuche in einem alten Schacht wieder ermöglicht. Ein Mann der Kirche, ein Mann des Gesetzes, der Saloon hat schon offen, die Gäste gehen trotz der frühen Tagesstunden nur dann vom Pokertisch weg, wenn eine der anwesenden Damen mehr Spaß und mehr Gewinn vor allem verspricht. Yellowstone City, Montana soll der Ort hier sein, wir schreiben das Jahr 1881, es ist Sonntagmorgen, die Darsteller sind von heute, die Dekoration gibt sich Mühe, ein Verschleiern der Diskrepanzen zwischen dem Gezeigten, was aussieht wie ein Western, und dem Gefühlten, dem Zuschauen bei der Verstellung, bei dem Nachspielen einer Ära, bei dem Hineinschlüpfen in ein Kostüm, wobei die Kleidung nicht verhehlen kann, dass hier ein Theaterstück mit derzeit (ausnahmsweise) populären Verweisen aufgezogen und ein Schwimmen im Fahrwasser eines (mehr oder minder) globalen Fernsehereignisses probiert wird:
Yellowstone City, Montana, war vor einigen Jahren aufgrund einer Goldmine eine boomende Stadt; diese Zeiten sind allerdings vorbei, was sich für einen Moment zu ändern scheint, als der allein weiter sein Glück versuchende Robert Dunnigan [ Zach McGowan ] die stillgelegte Anlage freisprengt und dort tatsächlich erneut Gold entdeckt. Noch in derselben Nacht wird er erschossen vor der Stadt aufgefunden, in Verdacht gerät der erst kurz zuvor eingetroffene ehemalige Sklave Cicero [ Isaiah Mustafa ], der prompt vom Sheriff Jim Ambrose [ Gabriel Byrne ] verhaftet und trotz Unschuldsbeteuerungen und auch einiger Fürsprecher mitsamt entlastender Indizien schon ohne Prozess so gut wie gehängt ist. Damit hört allerdings die Mordserie nicht auf, was den Prediger Thaddeus Murphy [ Thomas Jane ] nicht nur zum weiterhin eifrigen Totengräber und Bestatter in einem macht, sondern auch seinen Widerspruch und eine Gegenwehr gegen die 'Staatsgewalt' auslöst.
Yellowstone (ab 2018) nicht die erste zeitgenössische Variante der kleinen Mattscheibe, die dem Genre neues Leben einhauchte, erst kam Deadwood (2004 - 2006, 2019), auch Hell on Wheels (2011 - 2016) hatte seine fünf Staffeln, Hatfield & McCoys (2012) waren vorhanden, die Besprechungen gut, die Aufmerksamkeit oft da, die Varianten reich, der Übergang fließend. Murder at Yellowstone City (ursprünglich als Murder at Emigrant Gulch entwickelt) übt sich auch im Goldgraben, es hat ein paar Akteure an Bord, die die Namen aufweisen und womit man den Markt vielleicht nicht gleich beeindrucken kann, aber sich schon hervorhebt aus den vielen anderen Veröffentlichungen, die seitens Justin Lee oder Michael Feifer vor allem auch ausgeschüttet werden und für die wartende Kundschaft produziert. Die namhaften Leute hier (wie bspw. Richard Dreyfuss) sind so gut wie die unbekannten Schauspieler, also eingangs eher nicht, passen sich dem Treiben an und stehen trotz Kostüm und Fundus nur auf einer deutlich aufgerichteten Bühne, Gespräche wirken wie abgelesene Dialoge, wie Proben, Gesichtsausdrücke gleichzeitig überdeutlich präsentiert und kaum bis gar nicht kongruent. 'Wer Ohren hat zu hören, der höre', die reinen stummen Bilder sind dafür etwas besser, viel unberührte Natur (gedreht wurde in der Nähe des Chico Hot Springs Resort bei Livingston, auf der gleichnamigen Yellowstone Film Ranch, u.a. vom Regisseur selber als Filmstätte für Zukünftiges mit erhöhten steuerlichen Einsparmodellen gegründet), ein Set in Y-Formatierung, paar Holzhäuser zum sich Zurechtfinden mit wegweisender Beschriftung vom 'Blacksmith' und vom 'Livery Stable' umrahmend, eine Pfütze in der Mitte.
Ganze zwei Stunden Laufzeit veranschlagt der Film, ein Epos quasi, helfen tut der Beisatz vom Murder Mystery, wird beizeiten auch ein Crime draus, ein Mordanschlag in dunkler Nacht, ein Verdächtiger, der schnell gestellt ist und die Unschuld beteuert, ein prima Sündenbock und ein möglicher Ersatz für den eigentlichen Täter, der erst gesucht werden muss und aufgedeckt. Aufgrund der Ausdehnung achtet man auch auf mehr Details als bei anderen Indepentproduktionen üblich, die Finanzierung ist solide, wobei natürlich hilft, dass einem die Location quasi gehört und man dort 'umsonst' und gleichzeitig vom Staat unterstützt dreht. Es geht um Rassismus, es geht um Religion, die Unterschiede von Mann und Frau und zwischen den Geschlechtern, um Kapitalismus, die Menschen hier sind nur wegen erhofften Reichtums da, und sind auch nur die Überbleibsel, der Rest ist schon abgehauen und hat dem tristen Loch längst den Rücken gekehrt. Die Zeit fühlt sich ein wenig unendlich und egal auch an, außer dem einen Sonntag gibt es keine Angaben, keine festen Tätigkeiten, keine Routinen, der Fusel stumpf, das abendliche Vergnügen dumpf, die Karten speckig, die Inszenierung und das damit verbundene Tempo passen sich dem bald sogartig an, wird vor sich hin gelebt oder eher hin vegetiert.
Lange Einstellungen und eine trockene Gesprächsführung bestimmen den Rhythmus, allerdings kann man sich und dies analog zu den Bewohnern hier in der Stadt auch dran gewöhnen, zudem gibt es ein paar Haltepunkte durch Referenzen, allen voran Shakespeare wird erwähnt und eingefügt, und es gibt neben dem sturen Sheriff und dem knorrigen Prediger auch weitere Charaktere, die eine gewisse Mehrdeutigkeit haben und dadurch interessanter schon so für sich, und auch in dem Krimiplot (mitsamt Affären, Liebschaften, unverarbeiteten Traumtata, ein Gefängnisausbruch, eine Menschenjagd, ein zweiter Mord, eine Witwe mit Geheimnissen etc.) plus (für das Setting) etwas ungewöhnliche bis derbe sexuelle Schwingungen (ohne Ausführlichkeit im Bilde) dann etwas interessanter sind. Eine spätere ausführliche innerstädtische Schießerei wirkt trotz durchaus vorhandener Actionmomente und entsprechender Inszenierung ebenso erstaunlich reduziert, das Beste aus zwei Welten quasi, zumal sich der "Who-done-it?" da auch schon umgewandelt hat zu einem "Why-done-it?" und weitere Themengebiete eröffnet.