Wollte Dorothy die Vogelscheuche knallen? Egal. Nachdem Regisseur Ti West 2022 den Slasher „X“ auf die Leinwand brachte, kündigte er umgehend einen weiteren Film aus dieser Welt an. „Pearl“ spielt 1918 und stellt eine Nebenfigur aus „X“ in den Mittelpunkt – die namensgebende Pearl, die man schon als alte Frau erleben durfte. Somit hat man hier ein Prequel vor der Netzhaut und es stellt sich dir Frage, ob nach „X“ dieses jemand wirklich gebraucht hat. Schwer vorzustellen, dass jemand danach dachte, dass man über diese eine Figur unbedingt noch einen eigenen Film braucht. Aber sei's drum, hier ist er und wie es aussieht, bastelt West an einem eigenen Franchise, denn der nächste Film aus diesem Universum ist schon angekündigt.
Pearl wächst auf der bereits in „X“ erlebten Farm auf, der Vater ist paralysiert, die Mutter führt ein überstrenges Regiment. Die junge Dame träumt von einer Karriere im Showbusiness, träumt von der Filmkarriere, träumt vom Tanzen. Und träumerisch wirken schon die ersten Bilder hier, denn die Farben sind knallig und klar, etwas unwirklich scheint das und ein Kontrast zur Hauptfigur. Denn dass Pearl, wieder gespielt von Mia Goth, nicht ganz rund läuft, merkt man recht schnell. Ihr Ehemann ist in Europa, es tobt noch der Erste Weltkrieg, zuhause dafür die Spanische Grippe. Schwierige Zeiten, außerdem setzt Pearl das familiäre Umfeld zu. Unterdrückt und von manchem Trieb gesteuert ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich das Unheil Bahn bricht.
Die Farben seien nochmals erwähnt, das Bild erstrahlt geradezu und nicht nur in diesem Punkt werden hie und da Erinnerungen an „Der Zauberer von Oz“ (1939) geweckt. Doch die visuelle Kraft wird durch die Figuren, ihre Handlungen und insbesondere Pearls Zustände durchbrochen. Der Irrsinn, der rückblickend schon von Beginn an hier schlummert, wird mit fortschreitender Spielzeit nur immer weiter ausformuliert. Von einer wirklichen Entwicklung der Figur kann man somit nur schwerlich sprechen.
Der Ablauf ist im Groben vorhersehbar, Aufbegehren, Rebellion, Katastrophe. Wie das West erzählt, ist da eher die Frage und letztlich schultert Mia Goth das in der Hauptrolle szenenweise ansprechend. Vielseitig, diverse Facetten abdeckend, sowohl im Psychomodus, als auch im beherrschten inneren Brodeln oder in einer minutenlangen Sequenz, wenn sie einfach mal ihre Gefühlswelt beichtet – Goth erschafft eine mehrdimensionale Figur. Und schafft den eindrücklichsten Horror in der letzten Minute, wenn der Abspann beginnt zu rollen.
Dass das auf den Rest des Films nicht so zutrifft, ist schade. Dass Pearls Eltern Einwanderer sind, füllt etwas mehr Hintergrund auf. Das schlecht gesprochene Deutsch untergräbt dies allerdings wieder und reißt mich doch immer wieder mal raus. Auch sind die restlichen Figuren wenig Antrieb und werden meist (abseits der Mutter) „nur“ in den aufkommenden Strudel gesogen. Und, das dürfte im Genre nicht unerheblich sein, der spannendste Film ist „Pearl“ nicht geworden. Er arbeitet seine Stationen ab, bietet die ein oder andere effektvolle Sequenz, nimmt aber nicht gefangen. Dabei sollte man das Werk nicht in die Horrorschublade stecken, mehr hat man es mit einem Psychogramm und Drama mit Horrorelementen zu tun.
Ein Prequel, nach dem man sich vielleicht nicht gesehnt hat. So es nun mal da ist, ist es im Vergleich zu „X“ dann doch sogar der interessantere Film, wenn auch nicht der große Wurf. Funktioniert auch ohne „X“, denn es werden Dinge erklärt, nach denen wohl kaum jemand gefragt hat. Zwar kann Mia Goth in der Hauptrolle eine ambivalente Darstellung einer labilen Person auf der Suche nach einer Art Anerkennung porträtieren, die Stationen auf dem Weg sind allerdings wenig überraschend. Die knalligen Farben wirken surreal im Hinblick auf das Erzählte, die gelbe Steinstraße ist hier letztlich mit Blutspritzern überzogen.