Review

Eine traumhaft unberührte Sumpflandschaft an der US-amerikanischen Ostküste North Carolinas ist die Welt, in der Kya Clark (Jojo Regina) aufwächst. Doch die Kindheit inmitten der Natur ist keineswegs ungetrübt, ist Kyas Vater doch ein Alkoholiker, der seine Frau und Kyas Geschwister schlägt und tyrannisiert. Es dauert nicht lange, bis die Mama eines Tages in aller Früh auf Nimmerwiedersehen verschwindet, und bald folgen die minderjährigen Kinder - nur Kya bleibt. Eine zeitlang hält es die Anfang der 1950er Jahre etwa 6-Jährige bei ihrem Vater aus, doch als auch dieser eines Tages abhaut, bleibt sie ganz allein in dem abgelegenen Holzhaus im Wald. Ohne den Besuch einer Schule muß sich das Kind selbst organisieren, was ihm auch gelingt. Bald hat sie bei der Bevölkerung des nahegelegenen Städtchens den Namen "Marschmädchen" weg - ein von allen belächelter Sonderling, der ganz alleine dort draußen haust.
In den folgenden Jahren ändert sich an dieser Situation nicht viel, doch in der Gegenwart des Jahres 1969 wird die menschenscheue Kya (Daisy Edgar-Jones), inzwischen Anfang 20, plötzlich Angeklagte in einem Mordfall: ein etwa gleichaltriger Bursche aus einer wohlhabenden Familie wird tot im Wald aufgefunden. Der Tote hatte offenbar eine Beziehung mit dem Marschmädchen, das nun im örtlichen Gefängnis sitzt, zu den Vorwürfen jedoch schweigt. Erst als sich der pensionierte Anwalt Tom Milton (David Strathairn) ihres Falles annimmt und sie behutsam auf die Gerichtsverhandlung vorbereitet, öffnet sich Kya langsam und berichtet in langen Rückblenden über ihr Leben...

Basierend auf einem Bestsellerroman hat sich Regisseurin Olivia Newman des publikumsträchtigen Stoffs von der tapferen Außenseiterin angenommen, und tatsächlich besticht ihr 165-Minuten-Streifen Where the crawdads sing vor allem durch herrliche Naturaufnahmen, während die eigentliche Handlung erwartbar und klischeebeladen vor sich hin dümpelt. Am Ende muss die Gesellschaft, hier die Bewohner des nahen Städtchens, der Einsiedlerin mehr oder weniger Abbitte leisten, die moralische Botschaft des Films ist nicht zu übersehen, die Figurenzeichnung, namentlich der Hauptdarstellerin, bleibt jedoch auf der Strecke.

Während den Darstellern insgesamt kein Vorwurf zu machen ist, die Kinderdarstellerin der jungen Kya sogar ungewohnt authentisch rüberkommt, fehlt es vor allem an der Charakterentwicklung des heranwachsenden Marschmädchens: die nämlich findet im Film, der von 1953 ansatzlos ins Jahr 1969 springt, schlichtweg nicht statt. Dabei wäre es durchaus interessant, wie sich die seinerzeit 6-Jährige alleine durchschlägt, wie sie mit der Einsamkeit zurechtkommt, doch das Drehbuch ist an einer Coming of Age-Geschichte nicht interessiert. Stattdessen rekapituliert die hinter Gittern sitzende Kya nur jene für die Gerichtsverhandlung wichtigen Stationen ihres Lebens, welche alle in der unmittelbaren Vergangenheit stattfanden: ihr erster Freund, der sie wegen des Studiums verließ, und der nächste, das spätere Opfer.
Ungeklärt bleibt auch ihr seltsames Verhältnis zu ihrem Vater: trotzdem sie um dessen körperliche Attacken weiß, scheint sie ihn nie zu verurteilen. In einer Schlüsselszene zu Beginn des Films, als er sie mißhandelt und ein vielleicht 10-jähriger Bursche tapfer dazwischengeht um sie zu beschützen, reagiert sie erstaunlicherweise sofort mit einem "Lass meinen Pa in Ruhe!" - wtf? Aber diese und andere kleinere Ungereimtheiten mögen dem Mainstream-Publikum, auf das Der Gesang der Flußkrebse zugeschnitten ist, vor lauter Rührung um das herzensgute Kramerladen-Ehepaar und den verständnisvollen Anwalt gar nicht weiter auffallen.
Für die nebenbei auf Sparflamme bedienten Krimi-Interessierten hätte man auf die allerletzte Szene des Films möglicherweise sogar verzichten können (wenn nicht sogar sollen), denn diese wirft nur wieder viele ungeklärte Fragen auf. Zum weiterdenken: was wäre gewesen, wenn ein gewisses corpus delicti, dessen Mitnahme ohnehin wenig plausibel erscheint, einfach an Ort und Stelle belassen worden wäre?

Fazit: Ein filmischer Nostalgietrip in eine naturnahe Traumlandschaft, auf deren Wasserstraßen sich kleine Boote mit Außenborder tummeln und deren heile Welt nur durch - aus heutiger Sicht - überkommene Vorurteile bedroht scheint. Die herzerwärmende Geschichte von der Außenseiterin, von Daisy Edgar-Jones überzeugend dargestellt, täuscht vor allem mittels sehenswerter Naturaufnahmen über den fehlenden Tiefgang der ganzen Story hinweg. 6 Punkte.

Details
Ähnliche Filme