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Der New Yorker Journalistin TiffAni "Ani" Fanelli (Mila Kunis) steht ein Karrieresprung bevor: bisher als Kolumnistin für ein reichweitenstarkes Frauenformat tätig, erhält sie nun die Chance, mit ihrer Chefin zur renommierten New York Times zu wechseln. Auch privat scheint alles bestens: die Heirat mit dem reichen Erben Luke Harrison (Finn Wittrock) steht kurz bevor - und dennoch ist Ani merkwürdig unzufrieden und gereizt, scheint mit ihrem Schicksal zu hadern und unterdrückt einen inneren Groll, den sie nach außen hin nicht immer verbergen kann. Kurzum: Ani ist keineswegs das Luckiest Girl Alive (so der US-Titel im Original), das sie dank dieser günstigen Umstände eigentlich sein sollte.
Der Grund dafür liegt wie so oft in der Vergangenheit - und dieser, nämlich ihrer bisher verdrängten Vergangenheit, muss sich Ani nun endlich stellen, wie sie sich eingestehen muss. Anlaß dafür ist der Dokumentarfilmer Aaron Wickersham (Dalmar Abuzeid), der einen Film über ein 16 Jahre zurückliegendes Schulmassaker plant - den tödlichen Amoklauf im Jahr 1999 hatte die junge Ani damals überlebt und stellt für die Doku somit eine gefragte Zeugin dar, zumal ein anderer Überlebender sie bis heute beschuldigt, mit den Tätern gemeinsame Sache gemacht zu haben.
Mit diesen, der Öffentlichkeit bekannten Fakten könnte Ani leben (und tat dies bisher auch), doch da ist noch etwas anderes, was niemand weiß: Ani wurde mißbraucht, und der Amoklauf einige Zeit danach stand in unmittelbarer Beziehung zu diesem Mißbrauch. Die Mittdreißigerin muß nun eine sehr weitreichende Entscheidung treffen: soll sie zugunsten von Karriere und Hochzeit weiterhin schweigen oder soll sie - mit unabsehbaren Folgen - endlich die ganze Wahrheit auf den Tisch bringen?

Basierend auf einer Romanvorlage von Jessica Knoll, die auch das Drehbuch schrieb, stellt Ich. bin. so. glücklich. einen typischen Vertreter der #MeToo-Bewegung dar, der sein Anliegen besonders in der Schluß-Viertelstunde mit deutlichen Worten darlegt - die zuvor absolvierten und mit zahlreichen Rückblenden versehenen eineinhalb Stunden Laufzeit sind dagegen nicht immer so eindeutig. Das liegt zum Teil an auf den ersten Blick unspektakulären Begegebenheiten (die sich erst im Nachhinein als wichtig für die Filmhandlung erweisen), zum Teil auch an der Hauptdarstellerin selbst, deren Verhaltensweisen erst im letzten Filmdrittel eine Art Begründung erfahren.

Zuvor jedoch, und ganz besonders in der Einführung ihres Filmcharakters zu Beginn des Films, wirkt Mila Kunis wie eine typische Karrieristin, die im Moment ihres Erfolges allen ihr nicht ganz so ergebenen Weggefährtinnen noch schnell in den Arsch treten will und damit einen weiß Gott nicht sonderlich sympathischen Charakter abgibt. Dieser Eindruck ändert sich auch nicht, als nach kaum einer halben Stunde mittels Rückblende ein früher sexueller Mißbrauch manifest wird, wobei die von Chiara Aurelia dargestellte junge Ani des Jahres 1999 ihre Bedrängnis und Hilflosigkeit schon wesentlich eindringlicher zu vermitteln weiß als die abgebrühte Mila Kunis der Gegenwart. Hier ist es zwar kein millionenschwerer Filmmogul, dessen überragende Stellung seine Opfer schweren Herzens von einer Anzeige absehen läßt, doch die in Ich. bin. so. glücklich. verwendete Konstruktion gesellschaftlicher Abhängigkeit funktioniert in derselben Weise. Auch wenn man zum Schluß Verständnis für die Ani der im Jahre 2015 veranschlagten Gegenwart zu entwickeln vermag, so überwiegt insgesamt doch ein eher negativer Eindruck, besonders hinsichtlich ihrer ausgeprägten Stutenbissigkeit, die sie bis zur allerletzten Szene des Films nicht abzulegen bereit ist.

Während sich manche Szenen jedoch quälend lang hinziehen (z.B. eine Gartenparty alter Schachteln, die sich über kalifornischen Wein unterhalten) kommen manche wichtige Aspekte ein wenig zu kurz (z.B. die - durchaus diskussionswürdige - Sichtweise von Anis Bräutigam oder aber das totale Versagen von Anis Mutter in ihrer Rolle als Beschützerin ihrer Tochter schon seinerzeit, siehe jene ganz entscheidende Szene mit der losgelassenen Hand beim Begräbnis).
Obgleich es sich bei Ich. bin. so. glücklich. zu 100% um ein Filmdrama handelt (die Kategorisierung Mystery ist völlig daneben), dessen gewalttätige Begleitumstände nur der Rahmenhandlung dienen, fällt dem geneigten Krimifreund dann doch ein logischer Patzer auf, der zu keiner Zeit aufgelöst wird: während des Amoklaufs nämlich ersticht Ani einen (der) ihr an sich wohlgesonnenen Täter - eine Handlung, die weder logisch erklärbar ist, noch später in irgendeiner Weise reflektiert wird - wtf?

Das ändert freilich nichts an der Relevanz des Themas "verschwiegener Mißbrauch", dessen Darstellung und Aufarbeitung weiterhin richtig und notwendig sind und für die Luckiest Girl Alive geradezu als klassische Blaupause dienen mag. 6 Punkte.

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