Review

Wer nochmal war Nathalie Emmanuel?

Die Frage hab ich mir bei der Recherche rund um „The Invitation“ erstmal stellen müssen, denn so ganz war sie mir noch nicht ins öffentliche Bewusstsein gesickert – aber die junge Frau hat schon so einiges auf dem Karrieretacho, von Nebenrollen bei „Game of Thrones“ und in der „Fast&Furious“ sowie „Maze Runner“-Franchise mal ganz zu schweigen. Und sie startet aktuell ganz groß durch – da kann es nur gut sein, dass ihre Hauptrolle in „The Invitation“ nicht am Anfang ihrer Karriere stand, denn mit einem Rohrkrepierer kann man sich echt nur mühsam bewerben.

Obwohl ich gleich einschränken muss, Emmanuel ist noch das Beste an dieser viel gescholtenen Gruselproduktion, an der so ziemlich gar nichts zu stimmen scheint, weder die Besetzung noch das Skript oder irgendwelche anderen Basics, aber wenn jemand erstmal grünes Licht für etwas gegeben hat, dann kann man den Geist meistens nicht mehr in die Flasche zurück bringen.

Fangen wir mit dem Plot an: Emmanuels Evie ist eine tonformende Künstlerin ohne den großen Durchbruch, weswegen sie auch mit ihrer besten Freundin nebenbei kellnern muss. Dabei staubt sie Geschenke ab, u.a. einen Online-DNA-Test, mit dem man seine Herkunft feststellen kann, den sie spaßeshalber einsendet – schließlich ist Mama gerade an Krebs gestorben und hat ihr alle guten Lebenswünsche auf der Mailbox hinterlassen. Alsbald meldet sich ein gewisser Oliver, der ihr erklärt, ihr unerwarteter Cousin oder so zu sein, aus England zu stammen und alles über sie wissen zu wollen. Nebenbei wäre seine ganze Sippe total crazy über Evie und lädt sie zu einer großen Hochzeitssause mit Anfassen nach England ein, wo in Carfax Abbey sie ein kleiner Ehrengast wäre.

Okay, Red Flags everywhere, aber natürlich haben wir eine Heldin, die sich von ihrer Neugier leiten lässt, sich auch von einem halben Gruselschloss, ominös raunenden Hausangestellten und einem brutalen Hausdiener (Sean Pertwee hatte hoffentlich Spaß an der flachen Rolle) die Chose nicht abschrecken lässt und offenbar ihren Stoker nicht gelesen hat, sonst käme ihr das Örtchen der Feier verdächtig vor.

Derweil diverse Hausangestellte von einem geheimnisvollen Wesen attackiert werden, lernt sie dann noch den Herrn des Hauses, einen gewissen Walter de Ville, der ziemlich glatt, großspurig, arrogant, reich, charmant und laut Evies Libido ziemlich verführerisch sein soll, denn wegen Letzterem wird sie zunehmend zutraulich / rattig / wasweißich!

Der ganze Aufenthalt wirkt ziemlich morbide, die Leute (verschiedene Sippen, die für den Herrn des Hauses seit Generationen gute Dienste tun) sind mehr als seltsam, aber wenn man Vasen in USA getöpfert hat und einen Nasenring trägt, kann man vermutlich alles als seltsame Eigenart britischer Landsleute abtun.

Selbst als sie herausfindet, dass der Hausherr sie mehr als nur gegoogelt hat, genügt eine freundliche Erklärung und es geht erstmal rund auf der Matratze. Nicht, dass das Verdacht erregen würde…

Okay machen wir es kurz für alle, die beim Hausherrn nicht schon aus dem Fenster gesprungen sind (Walter de Ville…DeVille…Devil…na, klingelt was?), kann ich die Chose hier wegen akuter Unoriginalität auch so entlarven: jau, unsere Evie trifft gerade den good old Count of Dracula, um ihm beim Zählen zu helfen, denn seine dritte Helfersippe müsste ihm mal eine neue Ehefrau stellen, nachdem die Letzte den suizidalen Abgang gemacht hat.

Sie ist auch nicht einfach nur auf eine Hochzeit eingeladen, sie selbst soll die Braut sein und die Chose nimmt robuste Züge an.

Den Braten kann man über die erste gute Stunde (von 105 Minuten) natürlich anhand vieler roter Heringe längst riechen und irgendwie kann ich verstehen, dass Gareth Hedlund als Fangzahn kurzfristig storniert hat. Stattdessen hat man einen gewissen Thomas Doherty engagiert, einen noch nicht dreißigjährigen Sänger und Schauspieler, der währenddessen in der „Gossip Girl“-Neuauflage reüssierte und dementsprechend genauso wirkt, wie ein oberflächlicher Lackaffe, ein reicher Schmierlappen mit ausgeprägtem Kiefer, der in einer Seifenoper gut aufgehoben wäre. Dass die gute Evie ausgerechnet dem verfällt, ist enorm fraglich, liegt aber vermutlich daran, dass ihre eigene Rolle von Beginn an mit der Extraportion Happy-go-Lucky-Selbstironie angelegt ist, die früh den Schluss zulassen, dass der Heldin eigentlich gar nichts passieren kann (2020er Formel: Selbstironie + Witz + tote Mutter + super schwarze Freundin mit coolem Spruch auf Lippe).

Tatsächlich passiert der Heldin noch so einiges, vorzugsweise in den letzten 35 Minuten, wenn sie dann als „The Bride“ (Alternativtitel) alle Vampirklischees durchdekliniert: Sarg, Flucht, Hilfe finden, Wiederauslieferung, anschließend ihr Okay geben und das Blut des Supervampirs lutschen, auf dass sie zu seiner Braut werde. Tja, nur hat das in einer streamingkompatiblen und offenbar auf junge Leute mit wenig Filmansprüchen zugeschnittenen Zeit offenbar keine inhaltlich zwingenden Folgen und sie verwandelt sich dann allein weil Mama auf sie so große Stücke als guter Mensch hielt, in eine fangzahnbewerte Buffy-Epigonin und metzelt den jahrhundertealten Vampirstaat mit Feuer und Speer nieder, wenn sich die Betreffenden nicht gleich selbst umbringen.

Ja, das ist alles enorm abgeschmackt und ich rätsele wie gesagt über die Zielgruppe, allerdings ist das für einen Mädelsabend mit Prosecco dann schon ein wenig deftig und der Sex dann wieder zu harmlos.

Was ich persönlich gespürt habe, war vorzugsweise Enttäuschung, weil wirklich alles in den esten 45 Minuten mit dem Schild „Vampire“ winkt und es danach nicht eben origineller wird. Emmanuel, die charakterlich hier mit „exotisch, dunkel, hip und eben selbstironisch“ umfassend beschrieben ist, stört am meisten, wenn sie sich dem offensichtlichen Drehbuch beugen muss und die halbnaive Kellnerin im Adelswonderland spielen muss und sich entsprechend den steifen Vorgaben zwischendurch in die Nesseln setzt.

Ob „The Invitation“ nun Horrordrama, Thriller, Komödie, Romcom oder Familiendrama sein soll – es ist letztendlich nichts davon wirklich. Trotz zeitweise guter Bauten und Production Values wirkt die ganze Produktion wie ein TV-Gebräu für jüngere Semester, komplett mit Tralala-Dialogen und Interaktionen mit Figuren, die man geistesgesund hundert Meilen meiden würde. Spätestens, wenn dann am Ende durch die dunklen Gänge gehuscht wird und Evie mit einem einzigen Abräumen von fünf Kerzen eine Feuersbrunst von der Größe des „Flammenden Inferno“ auslöst – komplett und mehr als auffällig "done by CGI" natürlich – wird’s zunehmend albern, aber das ist immerhin ein kleiner Payoff für die erste, wirklich quälende Stunde.

Dennoch: wer braucht denn echt noch eine aufgehübschte Dracula-Variante, deren Alleinstellungsmerkmal ist, lange zu verschweigen, dass man eine Dracula-Variante ist? Genau, eigentlich niemand, genauso wie man die Bedrohung kaum ernst nehmen kann, sofern man mehr als drei Horrorfilme gesehen hat.

Klar, es gibt ein wenig Blut und am Ende greift man noch ein wenig in den Besteckkasten, aber der Gesamteindruck bleibt mau, vor allem, wenn sich die übrigen Vampirbräute tatsächlich im depperten Zwist darüber, ob man Evie nun killen oder nicht killen soll, versehentlich selbst umbringen. Und wie in der Pre-Title-Sequenz die dritte Braut sich mittels einer simplen Henkersschlinge hinrichten kann, obwohl ein stabiler Nuckler von Draculas Lebenssaft Evie binnen Sekunden in die Urenkelin von Blade verwandelt, ist auch nicht ganz erklärt.

Am Ende 100 Minuten unausgegorener Mischmasch, der drei Enden austesten musste, um irgendwie an ein befriedigendes Ziel zu kommen, das haben bspw. Sean Pertwee und Co nicht verdient. (3/10)















Details
Ähnliche Filme