Filme aus Norwegen bekommt man so gut wie nie zu Gesicht. Umso verwunderlicher ist es, dass ausgerechnet „Insomnia“ als Thriller eingeschlagen ist. Dabei geht es hier nicht nur um das klassische Killermotiv, sondern auch um die Abgründe eines Menschen.
Der schwedische Polizist Jonas Engström (Stellan Skarsgård) muss ins norwegische Tromsø, um den Mord an Tanja Lorentzen (Maria Mathiesen) aufzuklären. Vorher war Engström in Oslo, da in Schweden gegen ihn ermittelt wird, da er eine intime Beziehung mit einer wichtigen Zeugin hatte.
Mit seinem Kollegen Erik Vik (Sverre Anker Ousdal) nimmt er erste Ermittlungen auf. Verdächtige gibt es genug. Tanjas Freund Eilert (Bjørn Moan) ist genau so verdächtigt wie der Schriftsteller Jon Holt (Bjørn Floberg), der scheinbar Tanjas Gönner war. Die Polizei findet einen Rucksack der Toten, mit dem sie dem Täter eine Falle stellen wollen. Es scheint auch alles zu klappen, doch durch einen törichte Aktion merkt der Mörder die Anwesenheit der Polizei und kann verschwinden. Bei der Verfolgung tötet Engström seinen Kollegen Vik, verschleiert es aber so, dass der Mörder als Täter hingestellt wird.
Die Situation wird für Engström immer schlimmer. Ihn plagen Schuldgefühle, der Mörder hat ihn gesehen und erpresst Engström. Nicht nur, dass er den Fall weiter verschleiern muss, kann Engström aufgrund der Mitternachtssonne in Norwegen nicht schlafen. Auch seine Kollegin Hilde Hagen (Gisken Armand) glaubt Engströms Version bald nicht mehr...
„Insomnia“ kann man nicht mit den herkömmlichen Thrillern vergleichen. Dafür wirkt der komplette Film zu kühl. Gefilmt im Norden von Norwegen, besticht der Film durch schöne Aufnahmen, aber auch durch triste Farben, die das Leben von Engström beschreiben.
Die Person Jonas Engström wird von Stellan Skarsgård hervorragend dargestellt. Engström ist ein Polizist mit Schwächen, zwar ein guter Mann in seinem Beruf, aber auch mit schwächen für das weibliche Geschlecht. Schon in Schweden mit einer Zeugin ertappt, kann er auch in Norwegen nicht wirklich von den Zeuginnen und Frauen lassen. Dies belegt die Szene mit Tanjas Freundin Frøya ziemlich gut.
Engström ist auch keine Person, die man sympathisch finden kann. Dafür lässt er den Zuschauer überhaupt nicht an sich ran. Man baut nie eine Nähe zu ihm auf, verachtet ihn schon teilweise für seine Handlungen, um den Fall weiter zu verschleiern.
Zusätzlich wirkt Engström isoliert. Zu Beziehungen ist er nicht fähig, ferner wirkt er als Schwede in Norwegen etwas deplaziert. Nicht jeder Norweger versteht sein schwedisch und will es vielleicht auch nicht verstehen.
Inhaltlich ist „Insomnia“ auch kein typischer Film dieser Gattung. Der Mörder wird schon relativ schnell entlarvt, aber der Film ist dann noch lange nicht zu Ende, da Engström von ihm eben gesehen wurde, wie er seinen Kollegen getötet hat. Liefert Engström den Mörder aus, ist Engström selber dran. Also muss er den Fall weiter verschleiern und ihm ggfs. jmd. anderen in die Schuhe schieben.
„Insomnia“ ist kein Film, der auf Actionszenen setzt. Eher ist „Insomnia“ über weite Strecken extrem ruhig und zwei Storys präsentiert. Einmal eine Mordstory, aber umso mehr der Zerfall einer Person. Schuldgefühle, Schlaflosigkeit und die Unfähigkeit Beziehungen einzugehen zerstören die Person Engström. Das Ende mag in erster Hinsicht positiv sein, doch je mehr man nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Entschluss, es könnte kaum noch schlimmer werden. Natürlich gibt es von diesem Film auch ein Remake aus Hollywood, dürfte mittlerweile niemanden mehr wundern.
Fazit: Ein unterkühlter Thriller aus Norwegen mit einem Stellan Skarsgård in einer Paraderolle. Ein ruhiger Film, der sicherlich nicht für jeden geeignet ist. Aber eine interessante Story und die Charakterzeichnung von Engström machen diesen Film sehenswert.
Man sollte auf jeden Fall mal einschalten, wenn „Insomnia“ läuft, wenn man ruhige und komplexere Filme mag.