Review

Achtung, Review kann Spoiler enthalten!

"Insomnia", wie "Todesschlaf" im Original heißt, ist wohl eher durch das US-amerikanische Remake von Christopher Nolan zu relativer Bekanntheit gelangt als durch seine eigenen Qualitäten - und das, obwohl sich "Todesschlaf" keineswegs hinter seinem ungleich berühmteren Sprössling verstecken muss.

So geben sich Original wie Remake was das Grundgerüst der Handlung angeht beide wenig: Ein relativ kaputter Polizeikommissar - hier Jonas Engström (Stellan Skarsgård) - wird aus der großen Stadt (hier Stockholm) in den äußersten Norden (hier der Teil Norwegens nördlich des Polarkreises, wo die Sonne im Sonter nie untergeht) geschickt, um den Mord an einem jungen Mädchen aufzuklären. Bei dem Versuch, den Täter zu stellen, erschießt Engström versehentlich seinen Partner Erik Vik. Obwohl er außer einer kurzen Suspendierung nichts zu befürchten hätte, schiebt er den tödlichen Schuss dem Täter in die Schuhe, woraufhin er sich in immer mehr Lügen verstrickt und immer öfter in die Beweismittellage "eingreifen" muss, um die Geschichte aufrecht zu halten. Gleichzeitig meldet sich auch der Mörder des Mädchens, der Autor Jon Holt (Bjørn Floberg), der den Schuss Engströms mitbekommen hat und ihn nun in der Hand hat.

Eine geeignete Grundsituation für ein wirklich düsteres Psychospiel der beiden Charaktere Engström und Holt also, die Regisseur Erik Skjoldbjaerg allerdings nur bedingt auszunutzen weiß. So legt er einen guten Grundstein für einen düsteren Thriller inmitten der nie untergehenden Sonne, indem er das nördlichste Norwegen von seiner hässlichsten Seite zeigt, mit einer verranzten Müllkippe, mit ständig vernebelten Landschaften, mit lästernden, überwiegend unsympathischen Kollegen und einem Protagonisten, der zwischen seinen Schuldgefühlen, seinen Vertuschungsaktionen, seinen Versuchen, von Holt als wahrem Täter abzulenken und der Schlaflosigkeit der niemals endenden Helligkeit psychisch immer labiler wird. Hier wird also ein interessanter Kontrast zwischen Handlung und Handlungsort geschaffen: Obwohl es in Nordnorwegen immer hell bleibt, etabliert Skjoldbjaerg eine teils düstere, aber auf jeden Fall immer beklemmende Optik, die sehr zu Gunsten der Atmosphäre arbeitet - "Todesschlaf" fühlt sich von Anfang bis Ende dreckig, unangenehm, bisweilen sogar unheimlich an und lässt uns so am Innenleben seines Protagonisten teilhaben, dem Polizisten, der von Schuldgefühlen, Angst und Schlaflosigkeit geplagt gegen seine eigenen Kollegen arbeiten muss.

Allerdings gesteht das Drehbuch anderen Nebenhandlungen zu viel Raum zu, zum Beispiel der leicht funkenden Bekanntschaft Engströms zur Rezeptionistin des Hotels, in dem er untergekommen ist, worin zwar durchaus einige für die Handlung wichtige Charaktermerkmale des Protagonisten zu Tage treten, die man aber genauso gut auch anderweitig hätte erklären können, ohne den anderen, verlockenderen Bestandteilen der Geschichte so viel Platz wegzunehmen. So schafft es Skjoldbjaerg nur bedingt, die Spannung über die vollen 90 Minuten aufrecht zu erhalten, dafür nimmt er den eigentlich recht flüssigen, interessanten und spannenden Hauptplots - der Verfolgung des Mörders des jungen Mädchens inklusive Engströms Ablenkungsmanövern sowie den Versuchen, dem Täter die Schuld für Viks Tod in die Schuhe zu schieben - zu viel Platz weg, indem er seinen Protagonisten durch Nebenhandlungen charakterisiert und vertieft, anstatt dies durch die Geschichte selbst zu tun und so den psychologischen Krieg Holts gegen Engström auszukosten.

So schaut sich "Todesschlaf" leider ein bisschen holprig, es will einfach nicht so wirklich fließen - obwohl Erik Skjoldbjaerg sonst eigentlich alles richtig macht: Neben der bedrohlichen, beklemmenden Atmosphäre, die er durch die heruntergekommen gestalteten Motive seiner Bilder schafft, muss man ihm vor allem auch lassen, dass er durch die langsame (eben leider nur auch unpointierte) Erzählweise einen gewissen Grad an Suspense zu Stande bringt und auch seine Darsteller – besonders Skarsgård und Floberg, aber auch Maria Bonnevie in der Rolle der Kollegin, die im Todesfall Viks ermittelt – spielen durchweg glaubwürdig. So wird „Todesschlaf“ für Fans des Thrillergenres zu einer klaren Empfehlung – er macht eben nur auch den Eindruck, zwischendurch den Schwerpunkt auf die falschen Plotelemente zu legen, was den Fluss stört und ein wenig unpointiert bzw. am Film vorbei wirkt.

Trotzdem ist "Todesschlaf" interessant, spannend und atmosphärisch gestaltet - aber auch mit Schönheitsfehlern!
(7/10)

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