Review
von Alex Kiensch
Kommissar Jonas Engström (Stellan Skarsgård) reist in den hohen Norden Norwegens, um den Mord an einem siebzehnjährigen Mädchen aufzuklären. Von der Mitternachtssonne des Polarsommers vom Schlafen abgehalten, stellt er erste Ermittlungen an - und schon nach kurzer Zeit findet sich eine heiße Spur. Engström und seinem Team gelingt es, den Mörder in eine Falle zu locken. Doch bei der Verfolgung unterläuft ihm ein tödlicher Fehler.
"Todesschlaf" ist einer der besten skandinavischen Thriller überhaupt. In beinahe jeder Hinsicht bricht er mit den bekannten Krimikonventionen, die man vor allem aus Hollywood kennt, und erarbeitet sich eine prägnante Individualität. Schon die Bildsprache ist beeindruckend: In radikal düsteren, grobkörnigen Aufnahmen zeigt der Vorspann den Mord an dem Mädchen und entwickelt innerhalb dieser ersten zwei Minuten eine beängstigende Atmosphäre, die sich bis zum Finale immer weiter verdichtet. Auch die Ankunft von Engström und seinem Kollegen ändert nichts an diesem permanenten Gefühl der Bedrohung.
Die Schlaflosigkeit, mit der der Kommissar zu kämpfen hat, und seine resignierte, müde Art, deren Gründe nur angedeutet werden, entwickeln ein Bild von dieser Hauptfigur, das eher erschreckt als beruhigt. Und das wird im Verlauf des Films immer krasser: Um seinen Fehler zu vertuschen, tötet er einen Hund, belügt seine Kollegen und schiebt einem Unschuldigen die Mordwaffe unter. Auch muss er beständig mit unterdrückten sexuellen Impulsen kämpfen, die punktuell bei der Begegnung mit einer Freundin des Opfers und der Empfangsdame seines Hotels ausbrechen. Hier wird das Bild eines Mannes gezeichnet, der von dem, was er gesehen und erlebt hat, bereits gebrochen ist: Das ist wohl die radikalste Abkehr von der heilen Welt Hollywoods, in der selbst Antihelden noch so etwas wie Würde besitzen. Davon ist bei Engström nichts mehr zu sehen. Er wird stärker von seinen Trieben als von seinem Verstand gelenkt und das macht ihn zu einer ungeheuer vielschichtigen Figur, bei der man nie weiß, ob man Mitleid oder Verachtung für sie erübrigen soll.
Leider gelingt es dem sonst so talentierten Stellan Skarsgård nicht, seinen Kommissar vollständig überzeugend zu geben. Zu eingefroren bleibt sein Gesicht die ganze Zeit, zeigt kaum mehr als ein kurzes Lächeln und einen düsteren Blick. Diese Unfähigkeit zu emotionaler Reaktion passt natürlich zur Figur, macht es dem Zuschauer aber auch schwer, sich wirklich in sie hineinversetzen zu können. Hinzu kommt, dass die Story im letzten Drittel eine eher schwerfällige Gangart annimmt, in der die Spannung nicht mehr ganz aufrechterhalten werden kann. Dennoch bleiben die Bilder bis zum Ende ausdrucksstark und düster: Wenn Engström dem Mörder durch einen unterirdischen Gang folgt, dann wirkt das wie ein Abstieg in die Unterwelt. Und auch die blassen Farben passen zum Grundton des Films, wirken sie doch, als wäre längst jedes Leben aus ihnen heraus gewaschen. Trotz kleiner Schwächen bleibt "Todesschlaf" also ein packender, düsterer Thriller, der gekonnt mit Konventionen bricht und eine ebenso böse wie faszinierende Story erzählt.