M
Im Berlin der 30er Jahre werden die Einwohner von einem unbekannten Kindermörder heimgesucht. Die Ohnmacht der Polizei führt zu einer immer groteskeren Panik in der Bevölkerung. Gegenseitige Verdächtigungen enden in einer diffusen Atmosphäre des Terrors. Da die Polizei immer mehr Razzien in der Unterwelt durchführt, beschließen die Kriminellen den Mörder nun selbst zu suchen. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd wird der Triebtäter gefasst, und muss sich fast aussichtslos vor dem Gericht der Kriminellen rechtfertigen...
M als Film zwischen den Kriegen, zu einer Zeit, in der die NSDAP bereits als mächtig eingestuft werden kann. Massenarbeitslosigkeit und politisch-gesellschaftliche Desorganisation steigerten Hass, Angst und Aggression in der Bevölkerung. Die Suche nach Schuldzuweisung endet in einer vollkommenen Gewaltbereitschaft. Die Gesellschaft im dauerhaften Panikzustand, wie in M. Fritz Lang rekonstruiert in seinem Werk die damalige Wirklichkeit. Der ursprüngliche Titel des Films, "Mörder unter uns", wurde von der Studiofirma als zu offensichtlich empfunden und ersetzt.
Die erste Szene, in der die Kinder singen, führt bereits in die Atmosphäre ein: Gewaltbereitschaft und Gewaltaktzeptanz im öffentlichen Diskurs.
Die Unterwelt wird die Arbeit der Polizei übernehmen, Kriminelle führen die normalerweise staatlich institutionierte Justiz aus. Es bleibt offen, ob die Autorität in einigen Szenen unterstrichen oder lächerlich gemacht wird. Staatliche und kriminelle Gewalt vermischen sich also mehr und mehr im Film, wie es in Paniksituationen einer Gesellschaft üblich ist. Dies zeigt sich vor allem in der Schlußsequenz: Hans Beuckert befindet sich vor dem Gericht der Unterwelt, eine Mischung zwischen Volksgericht und Lynchjustiz, in der die "Stimme des Volkes" den Schutz der Gesellschaft vor die Individual- und Menschenrechte stellt. Obwohl dem Mörder ein Anwalt zur Seite gestellt wird, scheint die Verteidigung gegen das selbstsakralisierende Recht der Unterwelt aussichtslos.
Im Schlussmonolog des Täters werden die Morde erstmals in der Filmgeschichte als unkontrollierbare Impulse dargestellt. Der Mörder richtet sich hierbei direkt an das Publikum, er wird von dunklen Kräften getrieben, die ihn in einem ständigen Verfolgungswahn leben lassen, der in den Kindsmorden endet.
Die immer brisanter werdende politische Situation in Deutschland führte wohl dazu, dass Fritz Lang den Film entschärfte: die Polizei taucht noch rechtzeitig auf, um den Fall zu übernehmen. Eine Frau aus der Menge appeliert an die Eltern, sie sollen doch besser auf die Kinder aufpassen...zu einfach im Hinblick auf die vorherigen entwickelten Machtstrukturen von staatlicher und krimineller Organisation.
Auf technischer Ebene war es Fritz Langs erster Tonfilm, nutzt dessen Fähigkeiten jedoch noch nicht ganz aus. Lang spielt sowohl mit expressionistischen als auch mit realistischen Stilmitteln. Vorallem das Einfangen der Bedrohung wird expressionistisch dargestellt. M kann als Vorgänger des "Film Noir" der 40er Jahre gesehen werden. Licht und Schatten spiegeln die düstere Atmosphäre des Films wieder, der sich ausschließlich in der Großstadt abspielt, in welcher fast nie der Himmel gezeigt wird.
Für mich ist M ein sehr wertvoller Film, bei dessen Betrachtung man sich des historischen Kontextes bewusst werden muss. Ein zeithistorisches Dokument - 10/10.