Fritz Langs erster Tonfilm ist ein nahezu zeitloses Meisterwerk des Kriminalfilms.
Seine düstere, expressive Stimmung, die symbolträchtigen Bilder und nicht zuletzt ein bis dato unbekannter Peter Lorre verhelfen „M“ zum Status eines prägenden Meilensteins der Filmgeschichte.
Basierend auf den Taten des Serienmörders Peter Kürten, bekannt als „Vampir von Düsseldorf“ und denen von Fritz Haarmann beschreibt Lang eine fast dokumentarische Jagd auf einen Kindermörder in Berlin.
Dabei ist eine ganze Stadt in Angst und Aufruhr, die Lang in drei Parteien unterteilt:
Die aufgebrachten Bürger, die, durch die Massenmedien angeheizt, jeden Mann verdächtigen, der einem Kind auch nur die Uhrzeit mitteilt.
Die Polizei, die Druck von höherer Instanz bekommt, jedoch nicht weiß, wo sie suchen soll, da der Täter keine Spuren hinterlässt und
Die Unterwelt, die von den verstärkt durchgeführten Razzien der Polizei ihre Geschäfte beeinträchtigt sieht und zudem nicht mit einem Kindermörder in einem Topf geworfen werden will.
Lang hat seinerzeit einen recht mutigen Entschluss gefasst und sich den Sehgewohnheiten des Publikums entgegengestellt. Vielmehr hat er dessen Urängste geschürt, da die Geschehnisse der Serienmörder Kürten und Haarmann noch aktuellen Bezug aufwiesen und diese mit „M“ noch einmal verstärkt wurden.
Aber nicht die Taten eines Serienmörders stehen im Vordergrund, von denen der Zuschauer keine zu sehen bekommt, sondern die Frage, was mit dem gefassten Täter geschehen soll.
So wird dieser Bezug aus den 30ern immer aktuell bleiben, da der diskussionswürdige Stoff um Heilung von Triebbtätern, damit verbundene Gedanken an Lynchjustiz und Todesstrafe wohl nie an Aktualität verlieren werden.
Während einer Zeit, in der die Nationalsozialisten in Deutschland auf dem Vormarsch waren, stellt sich Lang ihnen geschickt, aber nicht zu offensichtlich entgegen. Er kritisiert den Mob, der sich allzu leicht von impulsiven Redeschwingern beeinflussen lässt, was wunderbar in einer Szene deutlich wird, als Oberganove Schränker mit rhetorisch geschickter Wortwahl den Tod des gefassten Mörders heraufbeschwört und breite Zustimmung unter den Anwesenden findet.
Vielleicht hat Lang damals schon eine leichte Ahnung von dem gehabt, was Deutschland bevorstehen würde.
Auf den ersten Blick, so könnte man meinen, bietet „M“ nichts weiter als einen absolut durchschnittlichen Krimi für Fans betagter Erzählweisen.
So erging es mir zumindest beim ersten Mal und ich war zunächst ein wenig enttäuscht von dem ach so großen Klassiker.
Doch wenn man den Film intensiv und konzentriert schaut, sich mit den Bildern und der ausgeklügelten Kameraführung ein wenig intensiver auseinandersetzt, entdeckt man einige wahre Geistesblitze, die zu einem Gewitter an Kreativität zusammenlaufen.
Das erste Erscheinen des Kindermörders Beckert ist nur als Schatten auf einer Litfasssäule erkennbar, auf der ein großes Plakat zur Ergreifung des Mörders angebracht ist.
Sein letztes Opfer, die kleine Elsie, spielt mit ihrem Ball und prallt mit diesem praktisch in die Welt des Mörders, doch dieser verdeckt mit seinem Kopf eben jenen Begriff „Mörder“, denn als solcher sieht er sich nicht.
Auch später gibt Lang eine eindrucksvolle Sichtweise in die Welt des Kindermörders. In einer Szene setzt er sich in ein Cafe, während die Kamera dicht an einer Hecke verharrt und durch sie hindurch filmt und damit den Eindruck von Gefängnisgitterstäben wiedergibt.
Das Gefängnis, in dem Beckert und seine Psyche eingeschlossen sind.
Eine besonders hervorstechende Szene bietet sich mit der Parallelmontage von debattierender Polizei und Unterwelt.
In einer Einstellung beginnt ein Ganove einen Satz und in der folgenden Einstellung wird dieser durch einen Polizisten weitergeführt. Es stellt sich heraus, dass das Ziel identisch ist, nur Mittel und Wege zur Ergreifung des Täters vollkommen andere sind.
Während die Polizei sämtliche Akten von Krankenhäuser und Nervenheilanstalten wälzt, organisiert man in der Unterwelt ein Netzt zur Beobachtung der Kinder durch Bettler und letztere haben mit ihrer Arbeit auch Erfolg.
Ein stets ausgeklügeltes Spiel mit Licht und Schatten ist ein ebenso hervorhebendes Merkmal, wie der Einsatz von Musik.
Im heutigen Kontext spricht man ja immer vom Score, der untergelegten, eigens komponierten Filmmusik und diese ist hier nicht vorhanden. Jedoch gibt es ein Stilelement, das mit dem Täter eng verbunden ist, da dieser bei seinen Gängen durch die Stadt Teile der Peer-Gynt-Suite pfeift. Jenes Pfeifen der markanten Melodie enttarnt ihn letzten Endes auch, als er von einem Mitarbeiter der Unterwelt, einem blinden Ballonverkäufer wieder erkannt wird.
Was folgt, ist das Tribunal der Unterwelt und damit verbunden, ein emotionsgeladenes und nervenaufreibendes Finale.
Erstmals versucht sich ein Täter dadurch zu verteidigen, indem er sich als Opfer seiner kranken Psyche ausgibt, während der Führer der Ganoven auf die unbarmherzige Todesstrafe pocht. Eine makabere Doppeldeutigkeit, die durch die Bloßstellung des Ganovenbosses – er wird wegen dreifachen Totschlags gesucht – noch zusätzlich verstärkt wird.
Besonders in diesen Szenen wird klar, dass Peter Lorre für diese Rolle ein absoluter Glücksgriff war. Die hohe Stimme, mit befremdlichem österreichischem Akzent (innerhalb der übrigen Berliner), die Glotzaugen und der Blick, der stets zwischen Wahnsinn und kindlicher Unschuld pendelt, kein anderer als Lorre hätte den Kindermörder so überzeugend ambivalent darstellen und somit den Zuschauer zum Nachdenken anregen können.
Das Thema „Mörder und sein Innenleben“ wird immer heiß diskutiert werden und vielleicht war Langs „M“ nur der Anfang innerhalb eines Mediums wie das des Films.
Genauso wie er ein paar stilistische Maßstäbe gesetzt hat, denn das Treppengelände, fast senkrecht ins dunkle Nichts gefilmt, findet sich über zwei Jahrzehnte später auch in Hitchcocks „Vertigo“ wieder.
Abgesehen davon bietet Langs erster Tonfilm eine sehr dichte Atmosphäre, spannende Momente und nicht zuletzt einen interessanten Einblick in die Polizeiarbeit von damals, die von DNA-Abgleichen weit entfernt war.
So mag für die modern ausgerichteten Zuschauer ein Film dieser Art auch zu unspektakulär erscheinen, kein Blut, kein Ratespiel um den Täter und keine Identifikationsfigur.
Aber Filmfans, die schon viel gesehen haben, können mit Fritz Langs „M“ auf Entdeckungsreise gehen und einen stilistisch nahezu perfekten Film erleben.
9 von 10 Punkten