Es gibt Filme, die eine ganz besondere Magie ausstrahlen, die zeigen, dass sie Filme sind, dass sie Teil eines Handwerks sind, und dass sie Teil einer großartigen künstlerischen Form sind. Dazu gehört ohne Zweifel Fritz Langs M.
Ein Kindermörder treibt in Berlin sein Unwesen. Die Polizei ist ratlos und sucht in einschlägigen Verbrecherkreisen nach Spuren. Die Razzien stören das Geschäft der Verbrecher und rufen deren Ehre auf den Plan, denn mit einem Kindermörder möchten sie nicht in einen "Zellentopf" geworfen werden. Polizei, Bevölkerung und die Kriminellen machen sich auf die Suche nach dem Phantom, denn der Mörder hinterlässt keine Spuren, verschwindet in der Menge, ohne erkannt zu werden.
Lang verwendet eine recht einfache Geschichte, die dadurch aber an Intensität gewinnt, dass sie sich auf zeitgenössische Kindermorde bezieht. Im Fokus des Regisseurs steht aber die Inszenierung. Und Lang zeigt, dass jede noch so einfache Geschichte beeindruckend erzählt werden kann.
Die expressionistische Lichtgestaltung im Zusammenspiel mit der Kamera und der eindrucksvollen Schnitttechnik verleihen dem Film eine einzigartige Atmosphäre. Licht und Schatten verwandeln den Film in eine Skulptur, die viele Gesichter des menschlichen Daseins aufzeigt:
Die schwer arbeitende Mutter, für die das größte Glück es ist, ihrer kleinen Tochter - dem ersten Opfer im Film - eine warme Mahlzeit zu bereiten.
Der verzweifelte Kommissar Lohman, der irgendwo zwischen nettem Onkel und raubeinigem aber gerechtem Cop anzusiedeln ist. Bis ihn Lang von unten fotografiert. Die Kamera ist unterhalb des Schreibtisches positioniert und zeigt Lohmanns Schritt, in dem sich seine Männlichkeit mit seinem dicken Bauch um den Platz in der Hose streitet. Diese Bild verleiht sogar dem aufrechten Lohmann männlichen, ja fast sexuellen Ekel.
Dann gibt es den bürgerlichen Mopp, der am Stammtisch die Zeitung liest und plötzlich beginnt, sich gegenseitig zu denunzieren. Wenig später wird ein gutbürgerlicher Mann, der einem Mädchen nur die Uhrzeit sagt, als Kindermörder verdächtigt. Hierin sind durchaus Parallelen zu den immer stärker werdenden Nazis und ihrer Bewegung zu erkennen. Darauf spielt der Film immer wieder, aber stets zurückhaltend.
Nur in der Person des Anführers der Kriminellen nicht, der im schweren Ledermantel als mehrfacher Mörder plötzlich das Recht auf seiner Seite sieht und die psychisch Kranken nicht länger auf Staatskosten "durchfüttern", sondern hinrichten möchte.
Der Mörder selbst tritt zunächst nur als Schatten in Erscheinung, ist an seiner fremdartigen Stimme und seinem Pfeifen zu erkennen.
Sehr stark wird der Film in seiner psychologischen Filmsprache. Der Mörder, der in der Masse untergeht, sucht Zuflucht in einem großen Bürogebäude, einem Haus, in dem gesichtlose Mitarbeiter in unzähligen Büros ihrer Arbeit nachgehen. Und so, wie der Keller im Film immer wieder als Ort des Unterbewussten eingesetzt wird, nutzt Lang den Dachboden des Bürogebäudes. Dort verschanzt sich der Mörder, dort wird er eingeschlossen auf seiner Flucht vor sich selbst und seinem Trieb, dort wird er gefasst. Der Mörder als Gefangener seiner krankhaften Psyche, seines Kopfes, seines Geistes. Er findet keinen Schlüssel, um all dem zu entkommen. All das, was Peter Lorre wenig später im eindrucksvollen Finale dem Tribunal als Verteidigung präsentiert, fängt Lang zuvor in den Szenen im Bürogebäude visuell ein. So erhält der Zuschauer noch vor dem Tribunal einen deutlichen Blick in die Psyche des Mörders, in seine verzweifelte Situation, aus der es kein Entrinnen gibt. Und so wird seine spätere Verteidigung auch glaubhaft. So schlägt sich der Zuschauer nicht auf die Seite des Tribunals, das den Mörder hängen möchte. Denn der Zuschauer weiß, wovon der Mörder redet, wenn er seine Henker fragt: "Wer weiß denn von Euch, wie es wirklich in mir aussieht?"
Solche Beispiele filmischer Sprache lassen sich haufenweise in Langs Meisterwerk finden, wie etwa die Parallelmontage, in der sich auf der einen Seite die Kriminellen und auf der anderen Seite die Polizei beraten, wie sie dem Mörder habhaft werden können. Beide haben dasselbe Ziel. So verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht immer mehr - genauso wie die Sets des Polizeireviers und der Wohnung der Verbrecher.
Lang bezieht keine Position, er dokumentiert das Geschehen aus mehreren Perspektiven. Und häufig wirkt Langs M wie eine Dokumentation, wie ein Soziogramm des Berliner Lebens, von verarmten Familien, über Bettler, Kriminelle bis hin zum Bürgertum. Langs Kamera bleibt meist distanziert, bis auf das Ende, in dem er Peter Lorre in einer extremen Nähe filmt.
Die Schauspieler sind alle grandios. Otto Wernecke verkörpert den hart arbeitenden Polizisten, unter anderem Theo Lingen den Ganoven und die vielen Nebendarsteller die Berliner Schnauze der 30er-Jahre, wie man sie sich vorstellt. Gustav Gründgens spielt den Verbrecherkönig mithilfe seiner Aussprache und seiner Gestik so messerscharf, dass es einem kalt den Rücken runter läuft. Peter Lorre als verlorene Seele ist ein Klasse für sich, Immer am Rande des Overacting, mit fremdartigem Dialekt und gedrungener Figur verleiht er dem Mörder etwas kleines, gemeines, fremdartiges, was in jedem von uns seinen Platz finden kann.
Typisch für Lang sind auch die Kamerafahrten, die er immer wieder einsetzt, die teilweise sehr harten Schnitte. Das "Sounddesign", sofern vorhanden, verliert seine Wirkung nie, auch wenn es manchmal klar zeigt, dass der Regisseur aus der Zeit des Stummfilms kommt. Den Ton bricht er immer wieder ab, einige Szenen laufen
ganz ohne Ton und verleihen dem Film eine nahezu gespenstische Atmosphäre.
Fazit:
M ist ein außerordentliches Portrait. Ein Portrait seiner Zeit, ein Portrait der Menschen jener Zeit und ein Portrait eines außergewöhnlichen Regisseurs, irgendwo zwischen Moderne und den Ursprüngen des Films. Lang zeigt, dass er Filme macht, er verschweigt es nicht, er nutzt Licht und Bildgestaltung sowie Schnitttechnik, die in keiner Sekunde kaschieren, dass der Betrachter im Kino sitzt. Auch mithilfe der distanziert wirkende, nahezu dokumentarischen kamer befördert Lang den zuschauer in den Sitz, raus aus der Geschichte, um ihn dann immer wieder mit Großaufnahmen nah an die Hauptfigur zu holen. So entsthet nicht nur Spannung innerhalb der Geschichte, sondern auch im Betrachten des Films. Perfekt 10/10