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Meine Fresse, Schweiger, wie oft denn noch? Wobei man diese Frage auch locker umformulieren könnte in: Meine Fresse, Stefan, wie oft denn noch? Wie oft will ich mir noch Filme von Til Schweiger um die Ohren hauen, obwohl ich schon vorher weiß, dass sie reine Zeitverschwendung sind – und dann auch noch extrem große Zeitverschwendung, denn wo sein Regie-Debüt „Der Eisbär“, die missglückte deutsche Antwort auf Quentin Tarantino, noch mit knackigen 90 Minuten auskam, knacken seine Filme seit geraumer Zeit regelmäßig die Zwei-Stunden-Marke – „Lieber Kurt“ macht da keine Ausnahme.

Theoretisch hätte man hoffen können – hoffen, dass einiges anders wird, weil sich Schweiger diesmal einer durchaus positiv aufgenommenen Romanvorlage („Kurt“ von Sarah Kuttner) annahm und auf Bestehendes zurückgreifen konnte, anstatt sich wie zuletzt mit seiner äußerst platten Bipolaritäts-Tragikomödie „Die Rettung der uns bekannten Welt“ eine neue Geschichte auszudenken. Wie gesagt: theoretisch. Der Trailer, der 2022 durch deutsche Kinos schwappte, ließ kaum Zweifel, dass der Regisseur altbekanntes Terrain abgrasen würde: Schweiger in einer, wenn nicht DER Hauptrolle, ein (vermeintlich) zuckersüßes Kind, gelackte Bilder wie aus dem Katalog, emotionale Musik. Alles alt, nichts neu – wo Schweiger draufsteht, ist halt immer Schweiger drin, wenn auch diesmal etwas weniger, denn zum Glück spielt keine seiner talentlosen Schweiger-Töchter mit. Wo sich in den letzten 25 Jahren die Erde weiterdrehte und Säuglinge zu jungen Erwachsenen heranwuchsen, die einer neuen Generation Leben schenkten, steht die Zeit in Schweiger-Filmen still. „Ich hab‘ mich weiterentwickelt!“, fluchte Tom Schilling aka Til Schweiger in seiner Komödie „Die Hochzeit“ an einer Stelle und adressierte damit augenscheinlich auch seine einfach keine Ruhe gebenden Kritiker in der bösen Realität. Man muss aber konstatieren: Nein, weiterentwickelt hat er sich nicht, in einem ganzen Vierteljahrhundert nicht.

Schlimmer noch: „Klassentreffen 1.0“ mag Schweigers absoluter Tiefpunkt gewesen sein, den selbst er bis an sein Lebensende nicht mehr unterbieten wird – abstoßender Altherren-Klamauk der allerprimitivsten Sorte –, aber mit „Lieber Kurt“ hat er einen weiteren ganz und gar unerträglichen Film von einer derart schreienden Lautstärke zusammengezimmert, dass man wie betäubt heraustaumelt und das ganze Mobiliar der Wohnung auseinandernehmen möchte, so, wie es die männliche Hauptfigur Kurt hier in einer Szene mit der Badezimmereinrichtung tut, weil sie einfach nicht über den Tod ihres Sohnes, den kleinen Kurt, hinwegkommt.

Darum geht es nämlich: um die Verarbeitung eines jähen Kindstodes. Kurt (Til Schweiger) und Lena (Franziska Machens) sind ein glückliches Paar. Man versteht sich gut mit Kurts Ex-Frau Jana (Jasmin Gerat) und teilt sich das Sorgerecht für Kurts Sohn (Levi Wolter), der ebenfalls Kurt heißt. Eine Bruchbude wird gekauft und soll mit vereinten Kräften in ein gemütliches neues Zuhause verwandelt werden, in dem auch Klein-Kurt sein eigenes Kinderzimmer erhalten soll. Das Schicksal meint es aber nicht gut: Einen Sturz vom Klettergerüst später steht Kurt plötzlich ohne Sohn da und muss diese Tragödie verarbeiten, während Lena ihrem trauernden Lebensgefährten zur Seite steht.

Aus dieser Ausgangslage haben einige Regisseure schon berührende Filme gemacht, etwa Nanni Moretti mit „Das Zimmer meines Sohnes“. Schweiger will da nicht hintenanstehen und setzt auf das pure Drama – und was das bedeutet, weiß der Kenner spätestens seit „Die Rettung der uns bekannten Welt“. Er dreht alle Regler auf Anschlag und gönnt dem Zuschauer nicht einen Moment Ruhe. Gefühlt jede einzelne Minute scheint vom allgegenwärtigen Soundtrack belagert zu werden, auf sentimentales Klavierspiel folgt sentimentales Klavierspiel, dann vielleicht mal ein Popsong und wieder zurück zum sentimentalen Klavierspiel. Einfach jede Belanglosigkeit wird musikalisch untermalt; die Musik spielt ohne Unterlass und übertönt manchmal fast das gesprochene Wort.

Damit nicht genug fährt Schweiger auch visuell das volle Programm: Seine Postkartenmotivbilder kennt man ja bereits zur Genüge, aber fast im Rentenalter angekommen hat er offensichtlich auch das Stilmittel der Zeitlupe für sich entdeckt und knallt seinen Film damit noch und nöcher zu. Emotionalität wird stets lärmend durch Geheule und/oder Geschrei vorgetragen, und wenn nicht, wird in Zeitlupe ein Gegenstand fallen gelassen, um Entsetzen auszudrücken, raucht Papa Kurt zur Betäubung seines Kummers plötzlich wie ein Schlot, schenkt sich einen Wodka nach dem anderen ein oder kramt sich vor einem wichtigen Termin den Flachmann aus dem Anzug, lässt sich gar einen Vollbart stehen oder schlägt wild um sich, weil er sich doch nicht mehr unter Kontrolle hat und man das doch in (schlechten) Filmen immer so tut. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, Schweiger hätte Kurt als Karikatur eines gebrochenen Mannes angelegt, nur leider meint er das alles völlig ernst.

Darüber hinaus steht der Narzissmus des Regisseurs dem Projekt ständig im Wege, denn wie immer schämt sich eine Schweiger-Figur zwar ihrer Tränen nicht, benötigt aber selbst im Rahmen dieser fiktiven Geschichte die Bestätigung, dass sie von ihrer überbordenden Emotionalität vielleicht einmal abgesehen ein geiler Typ ist. Obwohl er für die Rolle, die er hier spielt, mittlerweile schon rund 20 Jahre zu alt ist und eigentlich eher die Figur des der Vergangenheit nachhängenden weisen Witwers, die Heiner Lauterbach in „Lieber Kurt“ einnimmt, hätte übernehmen müssen, gibt er hier wie immer den potenten Mann, der gleich zu Beginn seinen nackten Arsch vor die Kamera zerrt und zur Einweihung des neu gekauften Hauses wie ein notgeiler Teenager erst einmal jedes Zimmer mit Lena „einbumsen“ (mit weichem s) möchte. Wer bis dato keine Fremdscham kannte, wird sie in „Lieber Kurt“ kennenlernen.

Aber nicht nur der Schwanz einer Schweiger-Figur ist funktionstüchtig wie eh und je, natürlich ist sie auch – mal wieder – die Beste in ihrem Job und erhält nicht einmal dann eine Abmahnung, wenn sie bei einem Pitch ihren Kunden – einen sowieso fiesen SUV-Fahrer, der folglich auch wenig von Greta Thunberg und ihrer Fridays-for-Future-Sippe hält – durchbeleidigt. Wo Schweiger in „Die Rettung der uns bekannten Welt“ sein mächtiges Ego einigermaßen im Zaum halten konnte (auch wenn dort seine belanglosen Liebeleien mit der besten Freundin, aus der später eine Geliebte wird, permanent vom eigentlichen Drama um den Jugendlichen ablenkten, weil er sich nicht mit einer besseren Nebenrolle in seinem eigenen Film begnügen wollte), walzt es in „Lieber Kurt“ alles nieder, was an guten Ansätzen einmal vorhanden gewesen sein mag. In der Buchvorlage standen Lena und ihre Gefühle im Zentrum der Geschichte, in der Verfilmung ist sie nicht mehr als die tröstende Frau an Kurts Seite, die ihrem Freund alles verzeiht, wie unmöglich er sich auch benehmen mag: Sie sitzt brav neben ihm und hält Händchen. Noch weniger Raum erhält Jana, die sogar vollständig in der unangenehmen und nicht selten peinlichen One-Man-Show untergeht. Im besten Fall generiert der Film aus diesem Umstand wenigstens etwas Komik – wenn auch ausschließlich unfreiwillige.

Tja, und dann wäre da ja auch noch Klein-Kurt… Klein-Kurt ist eines dieser Kinder, bei denen man bedauert, dass die Prügelstrafe in der Schule abgeschafft wurde – und der dennoch von allen Erwachsenen und Mitschülern geliebt, zumindest aber verzückt angestrahlt wird, weil er ja so süß ist. Dieses vorlaute Balg bringt am laufenden Bahn ach so lustige Witze aus der verstaubtesten Mottenkiste ganz unten, sprich: aus jener Kiste, aus der auch Pepe Nietnagel seine Witze immer her hatte (Kostprobe: „Kann man für etwas bestraft werden, was man nicht gemacht hat?“ – „Natürlich nicht.“ – „Ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht.“). Und wenn es dann – man schreit vor Glück auf – endlich tot ist, erleben wir es noch etliche Male in diversen Erinnerungs-Rückblenden, wo der altkluge Lümmel dann auch mal eine Horde von Eltern mit anzüglichen „Ficken“-Gags in schallendes Gelächter ausbrechen lässt, allerdings erst, nachdem ein Protagonist – Achtung! – vorher laut gefurzt hatte, denn Fürze sind Schweigers Lebenselixier. Keiner seiner Filme ist komplett ohne sie.

Es sind nicht nur diese in einem Drama mit einer solchen Thematik völlig deplatzierten komödiantischen Elemente, die „Lieber Kurt“ ähnlich ziellos-unentschlossen wirken lassen wie „Die Rettung der uns bekannten Welt“, aber mehr noch als der Vorgänger irritiert der Film mit einer ganzen Reihe seltsamer bis völlig unverständlicher Regie- und Drehbuch-Entscheidungen, die ihn wie ein Werk aussehen lassen, das von jemandem inszeniert wurde, der in seinem ganzen Leben mit Menschen nur in der Theorie in Kontakt getreten ist. Alle kleineren Nebenfiguren sind wie Puppen aus einem Kasperletheaterstück angelegt, was die Aufgedrehtheit angeht, Dialoge, die in der Realität niemand sprechen würde, werden trotzdem gesprochen – und dann, sorry, wäre da erneut das unerfreuliche Kapitel „Schweiger und die Schnittarbeit“.

Der Schnitt müsste normalerweise nicht mehr angesprochen werden, weil man in jedem Schweiger-Film als gegeben voraussetzen darf, dass er ein einziges Desaster ist: Mit viel Enthusiasmus zerschnippelt der Mann auch jede Szene aus „Lieber Kurt“ und kommt geschätzt auf durchschnittlich 45 Einstellungen in einer Minute – ein epileptisches Bildgewitter, das ohne Verständnis für eine sinnvolle Anordnung über den Zuschauer hereinbricht. Das gilt insbesondere für die inflationären Reaction Shots, die Schweiger wie eine Sturmflut in diesen Film spült. Damit kreiert er einen Look, der mit dem Wort „bizarr“ eigentlich noch unzureichend beschrieben ist.

Im Zusammenwirken dieser ganzen Elemente entstehen fast zwangsläufig Szenen, die schlichtweg nicht zu begreifen sind und so eigentlich nur entstehen können, wenn es niemanden gibt, der den Regisseur in seine Schranken weist. Im Folgenden seien nur drei Beispiele genannt:

Nummer 1: Kurt sitzt sternhagelvoll in einer (Berliner?) Kneipe und kann schon nicht mal mehr sein Glas richtig halten. Neben ihm sitzt eine Männergruppe, die sich über seinen benebelten Zustand amüsiert und ihn auf Englisch mit Schimpfwörtern bedenkt. Irgendwann reicht es Kurt, der die Widerlinge zu einsetzender Zeitlupe locker vertrimmt. Bluttropfen wirbeln in einem Ballett der Gewalt durch die Luft und spritzen anderen Gästen ins Gesicht. Die weibliche Begleiterin der Männergruppe greift schließlich zur Flasche und schlägt Kurt damit halb k.o. Als er rausgeworfen wird, steht in einer Vision plötzlich sein toter Sohn vor ihm und spricht mit ihm.

Nummer 2: Klein-Kurts Todesszene soll schockieren und kommt in der Tat aus heiterem Himmel, ist aber in der dargebotenen Form einfach nur hundserbärmlich. Das Gespräch auf dem Klettergerüst zwischen Klein-Kurt und einer Mitschülerin sowie ein amüsiert zuhörender und dabei über beide Ohren strahlender Hausmeister (weil: Kurt ist doch sooo süß!), dem nur wenige Augenblicke später ein entsetzter „Oh mein Gott!“-Gesichtsausdruck inklusive vor dem Gesicht zusammengeschlagener Hände folgt (man könnte ja mal hinlaufen und Erste Hilfe leisten, selbst wenn nichts mehr zu retten ist), als Kurts Hände abrutschen, gehen im Verbund mit der unübersichtlichen Schnitttechnik eine kurios-konfuse Symbiose ein, die in ihrer formvollendeten Inkompetenz fast schon wieder bezaubernd ist.

Und für Nummer 3 muss ich ausholen: Einen befriedigenden Schluss gibt es nicht (das Blühen einer vereinzelten Jasminblüte im Dauerregen soll wohl symbolisch den Neuanfang einläuten), dafür aber einen hinreißend sinnlosen Epilog, in dem gezeigt wird, wie sich seinerzeit der frisch geschiedene Kurt und Lena kennenlernten. Schweiger at his absolute worst – eine Comedy-Szene mit Dialogen, die schlagfertig gemeint sind, aber in ihrer krawallig-plumpen Machart mehr Fragen aufwirft, als ein einzelner Mensch stellen könnte.

Das fängt schon mit der Ausgangssituation an. Da sitzt also Kurt im Außenbereich eines Cafés und macht telefonisch lautstark einen Mitarbeiter seiner Ex-Frau zur Sau – minutenlang. Wenn sich Schweiger damit auf den allerletzten Metern noch als cholerischer Vollarsch outen will – Glückwunsch, ist gelungen. Aber welchen Grund hat er dafür? Keine Ahnung. Dann wären da seine Ex Jana, besagter Mitarbeiter und eine namenlose Blondine am anderen Ende der Leitung, die gemeinsam an einem Bürotisch sitzen und Kurts Schimpftirade, wenn auch nicht unwidersprochen, über sich ergehen lassen. Bevölkert wird das Büro ferner von einer ganzen Schar Hundewelpen. Einer der Kläffer pisst Jana auf die Bluse. Ein Seitenhieb auf eine zu tolerante Bürokultur? Keine Ahnung.

Unmittelbar nach Beendigung des Telefonats trällert a-ha mit „Take on Me“ (Schweiger scheint den Song berechtigterweise sehr gern zu haben - in "Klassentreffen 1.0" spielte der nämlich auch schon) drauflos – so laut, dass man die folgenden Dialoge kaum noch versteht. Kurt beschwert sich in einem Selbstgespräch darüber, dass Jana Partei für den von ihm so beschimpften Mitarbeiter ergriffen und stattdessen ihn selbst wegen seiner ganzen Beleidigungen heruntergeputzt hat. Ruckartig springt Kurt auf – und schiebt, mittlerweile in Zeitlupe, seinen Stuhl ausgerechnet der hinter ihm auf dem Fahrrad vorbeifahrenden Lena vor die Räder. Sie stürzt. Folge: verschütteter Kaffee im Gesicht und eine blutige Schürfwunde auf der Stirn. Lustig? Nein. Du und ich würden jetzt ausflippen, vor allem, weil sich Kurt nicht einmal für seine Unachtsamkeit entschuldigt – Lena nicht. Sie steigt voll auf den unverhohlenen Flirt des Schönlings ein, denn wenn man schon einem Typen begegnet, der wie Til Schweiger aussieht, muss man die Gelegenheit beim Schopfe packen. Sie bezeichnet ihn als gutaussehend – eine Aussage, die Schweiger dringend für sein Ego brauchte, selbst wenn sie eine fiktive Figur wie Lena zu einer fiktiven Figur wie Kurt tätigt. Man einigt sich auf einen Kaffee. Ende.

Vermutlich niemand außer Schweiger weiß, was diese Szene sollte. Ein lockerer Ausklang nach so viel Drama zuvor? Vielleicht. Ich würde aber mehr noch darauf tippen, dass er einmal mehr zeigen wollte, für wie unwiderstehlich er sich hält - so sehr, dass die Damenwelt im wahrsten Sinne des Wortes ihm zu Füßen liegt. Wieso er sich dann aber wenige Augenblick vorher einen in jeder Hinsicht unwürdigen Tobsuchtsanfall gönnt, der ihn ins schlechte Bild rückt, wird sein Geheimnis bleiben. Aber egal – auch hier gilt: Erst der wirre und jeglichen Sinn und Verstand aufgebende Schnitt macht diese Szene zu einem Gesamtkunstwerk - zu einem peinlichen zwar, aber immerhin.

Es gibt noch so viel mehr zu entdecken in Schweigers persönlicher Lektion, wie man es besser nicht macht. Im Gegensatz zu „Die Rettung der uns bekannten Welt“ gibt es hier wenigstens vereinzelt so einiges zu lachen (über den Film, nicht mit dem Film), dafür verursacht „Lieber Kurt“ aber in seiner gesamten grellen Machart auch stechende Kopfschmerzen, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Schweiger ist Schweiger und wird es immer bleiben. Er lernt nicht und will auch nicht lernen. Er macht dieselben Fehler immer und immer wieder. Lassen wir ihn also weiterspielen, bis ihm auch die letzten Fans weggelaufen sind. 2/10.

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