„Lass uns einfach alles abfackeln!“
Regisseur David Gordon Greens „Halloween”-Trilogie, die 2018 startete, sämtliche vorausgegangenen Fortsetzungen ignorierte und stattdessen an John Carpenters Original anknüpfte, endet mit „Halloween Ends“, der ein Jahr nach dem zweiten Teil „Halloween Kills“ im Oktober 2022 in die Kinos kam. Erneut fungierten Green und Danny McBride als Drehbuchautoren, als Co-Autoren traten diesmal mit Paul Brad Logan und Chris Bernier gleich zwei Schreiber in Erscheinung.
„Michael Myers tötet Babysitter, keine Kinder!“
Seit Michael Myers (James Jude Courtney), maskierte Inkarnation des absolut Bösen, die US-amerikanische Kleinstadt Haddonfield das letzte Mal in Atem hielt und zahlreichen Bewohnerinnen und Bewohnern selbigen für immer nahm, sind vier Jahre ins Land gezogen. Allyson (Andi Matichak) lebt mit ihrer Großmutter Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) zusammen. Laurie hat unlängst beschlossen, ihr Leben nicht mehr von ihrer Angst vor Michael bestimmen zu lassen, und verarbeitet ihre Erlebnisse in einem Buch, an dem sie gerade arbeitet. Von einigen Bewohnerinnen und Bewohnern Haddonfields wird Laurie jedoch wie eine Aussätzige behandelt und ihr mehr oder weniger unverblümt zumindest eine Mitschuld an Michaels Mordserien gegeben, worunter auch Allyson leidet. Damit hat sie etwas mit dem jungen Corey Carpenter (Rohan Campbell, „The Hardy Boys“) gemeinsam: Diesem wirft man vor, ein kindermordender Psychofreak zu sein, seit vor einigen Jahren ein kleines Kind während seines Babysittings durch einen Unfall ums Leben kann. Als Allyson und Corey sich kennenlernen, funkt es zwischen den beiden. Doch bald erschüttern neue Morde die Kleinstadt. Michael Myers scheint zurück zu sein…
Wie beendet man die – oder vielmehr eine – „Halloween“-Reihe? Der zu empfehlende „Halloween VI“-Producer’s Cut fand eine akzeptable, relativ elegante Lösung, ohne Myers zu entmystifizieren. Green und sein Team verfolgen einen anderen Ansatz, aber der Reihe nach: Der Prolog zeigt den Unfall, an dem Corey beteiligt war, auf eine garstige, schwarzhumorige Weise. Dass man sich vorher gemeinsam John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“-Remake anschaut, ist sowohl als Hommage an Carpenter, den Erfinder der „Halloween“-Reihe, zu verstehen als auch als Referenz an dessen „Halloween“-Original aus dem Jahre 1978, in dem noch Christian Nybys „Das Ding…“-Original vom Bildschirm flimmerte. Lauries anschließend aus dem Off erklingende Reflektionen entpuppen sich als Zeilen ihres Buchmanuskripts, an dem sie gerade schreibt.
Das Haddonfield, das Laurie beschreibt und das wir im weiteren Verlauf neu kennenlernen werden, wirkt wie verkatert, gefangen in einer Tristesse, gegen die man eher gequält anzulächeln versucht, unter seiner Oberfläche schwer traumatisiert und vernarbt. Der überdrehte Radiosprecher gibt vor, für ein wenig Fröhlichkeit zu sorgen, ergeht sich jedoch in Sarkasmus und Zynismus. Feierlichkeiten werden ebenso wie Spaziergänge oder schlicht jede Form von Öffentlichkeit zu gefährlichen Situationen für den stigmatisierten Corey, der gemobbt wirbt, als arbeite man sich an ihm stellvertretend für Michael Myers ab (in zweifacher Hinsicht gar?). Doch was sich zunächst als durchaus sensible Außenseiterromanze mit Selbstermächtigungstopos präsentiert, gerät zunehmend zu einer Verquickung aus psychologischem Drama und Horrorfilm. Ohne zu viel zu spoilern, sei verraten, dass Corey eine Wandlung durchläuft, bis er als Identifikationsfigur oder Sympathieträger nichts mehr taugt. Dem geschuldet funktioniert der Film zeitweise nicht mehr richtig für mich, nämlich so lange, wie Corey längst Täter geworden ist, einem aber weiterhin auf emotionaler Ebene als Opfer präsentiert wird. Möglicherweise ist das daraus resultierende Unwohlsein aber auch intendiert.
Von Versuchen wie in „Freitag der 13. – Ein neuer Anfang“, einen anderen Killer unter der Maske zu etablieren, scheint „Halloween Ends“ zumindest inspiriert, sich zugleich daran erinnernd, wie wenig so etwas bisher vom Publikum goutiert wurde. Also bekommt man es hier mit gleich zwei durchgeknallten, blutrünstigen Killern zu tun, die zuweilen als eine Art Team zusammenarbeiten. Die Folgen sind starke, brutale Szenen und deftige Morde. Zwar wurde gerade in der ersten Filmhälfte das Tempo etwas herausgenommen, dennoch sind die Gewaltspitzen wohldosiert – weniger inflationär, dafür länger nachwirkend. Auf Protagonistinnenseite sind nur noch Großmutter und Enkelin übrig, dafür aber in bekannter Stärke, auch wenn Alysson zwischenzeitlich schwach zu werden droht.
Deutlich geschwächt jedenfalls ist Michael Myers, der sich die meiste Zeit versteckt hält und unter dessen abgeranzter Maske sich die verbrannte Haut eines altes Mannes abzeichnet. Neue Kraft scheint er durch seinen unerwarteten Verbündeten zu beziehen, bis sich dieser gegen ihn richtet, ihm sogar die Maske entwendet. Die Boshaftigkeit zu vieler Haddonfielderinnen und Haddonfielder scheint das ultimativ Böse reanimiert zu haben, das sich nun neue Wege, möglicherweise aufgrund der Schwächung des bisherigen Körpers einen neuen „Wirt“ sucht. Vollständig aufgearbeitet und entschlüsselt wird das glücklicherweise nicht, so bleibt die mystische Stimmung erhalten. Dies trifft auch auf die Szenen um den demaskierten Myers zu, denn wie schon im einen oder anderen Film zuvor vermied man es, sein Gesicht im Detail mit der Kamera abzufahren. Er bleibt eine schattenhafte, mystische Gestalt, die hier ein Ende nimmt, dessen Fortsetzung schon nach „Jason Goes to Hell – Die Endabrechnung“-Manier erfolgen müsste, um überhaupt möglich zu werden.
Das wird nicht geschehen, eher würde man einen weiteren Neustart wagen. Einen „Halloween“-Strang beenden zu müssen, scheint mir immer eine etwas undankbare Aufgabe zu sein, zu unterschiedlich sind die Erwartungshaltungen der Fan-Gemeinde. Die Bösartig- und weitgehende Unkapputbarkeit Michael Myers‘ ist weitestgehend undefiniert und unerklärt, was ja gerade einen großen Teil der Faszination der Filme ausmacht. Damit einher gehen individuell unterschiedliche Vorstellungen und Interpretationen der Zuschauerinnen und Zuschauer, während sich Autoren und Regisseur zumindest ein Stück weit festlegen müssen, wollen sie das Monstrum einmal nachhaltig besiegen.
„Halloween Ends“ geht die Halloween-Gemütlichkeit, die beispielsweise seinerzeit ein „Halloween 4“ in herausragender Weise bot, nahezu komplett ab, die Ausrichtung gen Psychodrama wird nicht jedem schmecken und das Finale schon gar nicht. Green und die Autoren bemühen sich um psychologische Finessen, Subtext und ein wenig Tiefgang. Durch Coreys erstmaliges Auftauchen in diesem Film – in den vorausgegangenen war nie die Rede von ihm – wirkt das aber auch ein wenig erzwungen, während all die Entwicklungen reichlich schnell vonstattengehen, eigentlich Stoff und Entwicklungspotenzial über mehrere Filme hinweg geboten hätten und dadurch mitunter etwas oberflächlich wirken, bei zugleich spürbar heruntergefahrenem Tempo in Bezug auf die eigentliche Hauptfigur Michael Myers und deren Gräueltaten.
Das ist alles passabel gelöst, zweifelsohne unterhaltsam anzusehen und bei entsprechend geeichter Erwartungshaltung sicherlich auch nicht zwangsläufig enttäuschend. Allein schon das Großmutter-Tochter-Gespann durch seine Konflikte zu begleiten und Jamie Lee Curtis einmal mehr schauspielerisch glänzen zu sehen, während Andi Matichak ihre Rolle beim Erwachsenwerden begleitet, ist das Eintrittsgeld wert. Bliebe aber die Frage, ob man überhaupt jeden Ast des „Halloween“-Baums unbedingt zu Ende erzählen muss…