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Relativ unvermittelt erreicht den verwitweten New Yorker ex-Ermittler Augustus Landor (Christian Bale) im Winter 1830 der Ruf der renommierten US-Militärakademie West Point: es geht um einen kniffligen Todesfall, den der erfahrene Landor möglichst ohne größeres Aufsehen dort lösen soll. Was Landor jedoch präsentiert wird, ist schockierend: dem jungen Kadetten Fry, der sich offensichtlich erhängt hatte bzw. durch Fremdeinwirkung erhängt wurde, ist posthum das Herz herausgeschnitten worden. Bezüglich der Motive für diese bestialische Tat tappen der Leiter der Akademie Colonel Sylvanus Thayer (Timothy Spall) und  Captain Ethan Hitchcock (Simon McBurney) jedoch vollkommen im Dunklen, und auch Landor kommt trotz Befragung von Frys Kameraden nicht recht weiter. Immerhin kann sich der ex-Ermittler dadurch Respekt verschaffen, daß er dem untersuchenden Arzt vor Ort, Dr. Daniel Marquis (Toby Jones), grundlegende Untersuchungsfehler nachweist.
Eine erste heiße Spur ergibt sich jedoch erst durch das Auftreten des Kadetten Edgar Allan Poe (Harry Melling), eines Sonderlings, der seine ungewöhnlichen Thesen zu dem Vorfall wie Kassandrarufe öffentlich von sich gibt. Landor erkennt dessen analytisches Talent sogleich und verpflichtet den jungen Anwärter, fortan seine Erkenntnisse und Beobachtungen - freilich unter strengster Geheimhaltung - mit ihm zu teilen. Fortgesetzte Ermittlungen der beiden, auch in nächtlichen Exkursionen, bringen diverse neue Spuren, u.a. wird ein satanistischer Orden hinter den Vorfällen vermutet, nachdem auch Schafe und Ziegen mit herausgeschnittenem Herz gefunden werden - doch nichts ist konkret genug, es den ungeduldig eines Schuldigen harrenden Führungskräften Colonel Thayer und Captain Hitchcock zu präsentieren. Da geschieht ein weiterer Mord...

Obgleich in einer anderen Epoche angesiedelt, entspricht die auf einem neueren Roman (2006) basierende US-Produktion The Pale Blue Eye in vielerlei Hinsicht Bernd Eichingers filmischem Meisterwerk Der Name der Rose von 1986. Hier wie dort wird ein Außenstehender mit viel Lebenserfahrung kraft seines erstklassigen Rufs von den Autoritäten eines geschlossenen Zirkels hinzugezogen, um dortselbst mysteriöse Vorgänge aufzuklären. Im Zusammenspiel mit einem jungen Gefährten gelingt es dann mit Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit, die Rätsel zu lösen, wobei der Weg dorthin mit Konflikten auch mit den beauftragenden Autoritäten gesäumt ist.

Zwar erreicht Christian Bales Augustus Landor nie die Brillanz eines Sean Connery (der ehemalige Ermittler gibt sich zudem eher mürrisch und spielt seine Rolle zeitweilig mit einer erfrischenden Leck-mich-Attitüde), dennoch entgeht seinem scharfen, wachen Auge nie auch nur das kleinste Detail. Sein Mitspieler ist kein ihm persönlich anvertrauter Novize (und in dieser Figur endet die Gemeinsamkeit mit den Namen der Rose), sondern als Kadett selbst Teil des schweigsamen Zirkels. Harry Melling als Edgar Allan Poe hat bereits negative Erfahrungen mit seinen Altersgenossen gemacht und ist nun bereit, das als bedrückend empfundene Schweigen zu brechen. Der optisch wenig hermachende junge Mann (schmal und eher kränklich wirkend damit auch dem historischen E.A.P. nahekommend) besitzt eine ebenso hervorragende Kombinationsgabe wie der ex-Ermittler und ergänzt dessen Nachforschungen mit eigenen, zum Teil waghalsigen Unternehmungen, welche Landors messerscharfe Schlußfolgerungen überhaupt erst ermöglichen.
Wenn sich 40 Minuten vor Schluß die Auflösung ankündigt und 30 Minuten vor Ende ein furioses Finale erfolgt, mag der geneigte Zuseher schon das angemessen dramatische Ende gesehen zu haben glauben, doch daran schließt sich ein eher überraschender halbstündiger Epilog an, der noch einmal einige unerwartete Erkenntnisse offeriert.

Der denkwürdige Fall des Mr Poe (so der deutsche Titel) bietet neben dem kriminalistischen Rätsel (dessen Hintergrund nicht unbedingt vorhersehbar ist) ein sehr gemächliches Erzähltempo und überzeugt vor allem durch seine detailreichen Kulissen (mit historisch korrekten Uniformen, Backenbärten, Gebäuden und Gegenständen) wie auch eine epochetypische Ausdrucksweise, was sich in sprachlich bemerkenswerten Dialogen wiederspiegelt. Der selten temporeiche Plot wird dabei in über 2 Stunden Lauflänge breit ausgewalzt und bietet, gewissermaßen als Sahnehäubchen, zum Schluß noch den erwähnten längeren Epilog, an welchem besonders Krimi-Freunde Gefallen finden werden.
Wer sich für diese Form von Film - einen mit historischen Begebenheiten verbrämten Slowburner - begeistern kann, für den ist The Pale Blue Eye sowieso ein Fest, aber auch alle Thriller-Interessierten können bedenkenlos einen Blick riskieren: 7 Punkte.

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