Ein Politiker ohne Schwachstellen, ohne Leichen im Keller, ohne die geringsten Vergehen in seiner Vergangenheit ist ein großes Risiko für die Mächtigen eines Staates, vor allem dann, wenn dieser Politiker bald eine wichtige Schlüsselposition innehaben wird. Mangels Druckmittel könnte dieser Politiker Entscheidungen treffen, die den Interessen der Herrschaften im Hintergrund zuwider laufen - also muß dafür gesorgt werden, daß es da "etwas gibt", womit man den Kandidaten in der Hand hat.
Spezialist für solche Fälle ist Juan (Luis Tosar), ein verdeckt operierender Ermittler, der heikle Angelegenheiten an vorderster Front geradezubiegen hat und in der Wahl seiner Mittel weder besonders zimperlich ist noch sonderlich große Rücksichten zu nehmen hat.
Gerade wird er zu einer prunkvollen Villa gerufen, in der es einen Notruf gab. Doch bevor die vor dem Haus wartende Polizei dort eingreifen darf, muß erst auf Juan gewartet werden, der selbstverständlich den Vortritt genießt. Was war passiert? Der Star eines millionenschweren spanischen Fußballteams hat seine ukrainische Freundin verdroschen, deren Gesicht übel zugerichtet aussieht. Die will nun Anzeige erstatten, was Juan allerdings nicht zulassen kann, ist der Vereinspräsident doch ein einflußreicher Mann in Madrid, den man nicht verärgern sollte. Also bereinigt Juan die Situation augenblicklich durch einen erfundenen Raubüberfall auf beide Villenbewohner, wobei er dem Profikicker (im Off) auch ein sauberes Veilchen verpasst. Die Freundin zeigt den Jungmillionär doch nicht an, da Juan mit "Einflußnahme" auf deren Familie zuhause argumentiert, und die draußen wartende Polizei samt Sanitätern wird die Lüge vom Überfall glauben - Mission erfüllt für Spezialist Juan.
Schwieriger wird es allerdings bei erwähntem Politiker, den Juan erst einmal ausführlich beschatten muß, wofür er einen Überfall auf dessen philippinische Haushälterin Wendy (Alexandra Masangkay) inszeniert, bei der er ihr zur Seite springt und sie ihn dafür aus Dankbarkeit kurz ins Haus ihres Dienstgebers läßt, wo sie auch wohnt - kurz genug für Juan, um unbemerkt einige Mikrokameras zu platzieren. Doch so sehr er auch in den nächsten Tagen jedes Gespräch und jede Handlung belauscht, der Politiker ist wirklich ein völlig farbloser Langweiler, der absolut unauffällig mit seiner Familie lebt und nicht einmal irgendwelche Pornos auf seiner Festplatte hat. Da ist wirklich nichts zu finden, sehr zum Unwillen von Juans Auftraggebern, die etwas Greifbares fordern. Einzig ein Flirt-Chat, in den sich der Politiker mit anonymem Profil einloggt, erregt Juans Aufmerksamkeit - doch auch hier findet sich ausschließlich harmloser Small-Talk.
Doch Juan wäre nicht Juan, wenn er daraus nicht etwas machen könnte: eine (noch) minderjährige Tochter eines Prominenten, von der er ein Sex-Video besitzt, könnte er auf den blassen Politiker ansetzen, vielleicht geht da ja doch etwas...
Ein gelungene, mitunter bitterböse Parabel über die Sicherung der Macht in einem westlichen Industriestaat serviert Regisseur Jorge Coira mit seinem Polit-Drama Código Emperador, der mit Luis Tosar in der Rolle des manipulativen, mit allen Wassern gewaschenen Spezialagenten wohl eine Idealbesetzung gefunden hat. Der untersetzte Kahlkopf mit den buschigen Augenbrauen glänzt ein weiteres Mal in einer Rolle, die ihm sichtlich zu liegen scheint. Es ist streckenweise die reine Freude, dem vielbeschäftigten spanischen Filmstar dabei zuzusehen, wie er mittels geschliffener Rhetorik und Improvisationstalent brenzlige Situationen meistert und unbeirrt sein Ziel verfolgt, dabei jedoch nie ins Schwitzen gerät oder auch nur den leisesten Zweifel an seinem moralisch freilich höchst verwerflichen Tun entwickelt.
Erst als Juan, der so nebenbei ein Verhältnis mit der Philippina begonnen hat, sich dann in diese verliebt, bekommt sein bis dahin nie hinterfragtes Weltbild erste Risse. "Nur sehr wenig persönliche Dinge" bemerkt er in ihrem Bediensteten-Zimmer und stellt Parallelen zu seiner eigenen Wohnung fest, in der er seit Jahren bequem lebt, aber nie Wurzeln geschlagen hat. Diese Lovestory als Nebenhandlung ist dann auch der einzige Kritikpunkt an Codewort: Kaiser (so der deutsche Titel), denn daß die anspruchslose, strebsame Asiatin, die jeden Cent für den gemeinsam mit ihren vielen Geschwistern zu realisierenden Wunsch nach einem eigenen Ferienhotel in der Heimat spart, so einfach mit einem wesentlich älteren, vorgeblichem Detektiv ins Bett steigt und später auch Gefühle für diesen entwickelt, ist ziemlich unrealistisch.
Dennoch sind es gerade diese unerwartet auftretenden Emotionen, die den frei von jeder Moral handelnden Juan langsam an seinem Dasein zweifeln lassen. Doch noch gilt es, einem unbescholtenen Politiker, der durch politische Rochaden (auch zu dessen eigener Überraschung) demnächst einen wichtigen Ministerposten erhält, etwas anzuhängen...
Fazit: Auch wenn das Finale ein wenig vorhersehbar geraten ist, bleibt Código Emperador ein sehenswerter Polit-Thriller über die höchst unsauberen Aktionen wirtschaftlicher und politischer Entscheidungsträger mit einem in seiner Schurken-Rolle glänzend aufgelegten Luis Tosar - empfehlenswert! 9 Punkte.