Der erste Weltkrieg ist bereits einige Zeit im Gange, als sich der in der Bevölkerung dank entsprechender Propaganda immer noch verbreitete Hurra-Patriotismus auch der befreundeten Studenten Paul Bäumer (Felix Kammerer), Ludwig Behm (Adrian Grünewald), Albert Kropp (Aaron Hilmer) und Frantz Müller (Moritz Klaus) bemächtigt: sie wollen in den Krieg gegen Frankreich ziehen und damit ihrem Vaterland die Ehre erweisen, wofür Paul, noch zu jung für das Soldatenleben, extra eine Unterschrift fälscht.
Doch schon kurz darauf, bei der Anfahrt zur Front, wandelt sich ihr bislang ungetrübtes Bild vom heldenhaften Kampf auf dem Schlachtfeld, als ihr LKW kurzerhand von einem Sanitätsfeldwebel beschlagnahmt wird, der diesen dringend für den Abtransport von Schwerstverwundeten braucht, die ansonsten elend im Schlamm krepieren müßten. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten lernen Paul und seine Kameraden unter der Obhut des erfahreneren Stanislaus Katczinsky (Albrecht Schuch) die Hölle des Krieges in und um die Schützengräben der Westfront kennen, vor allem aber wie schnell der Tod hier um sich greift und wie wenig ein Menschenleben zählt. Jeden Augenblick kann man sich eine Kugel einfangen, wenn in einem Sturmangriff mit Hurrageschrei ein feindlicher Schützengraben überrannt werden soll, und rund um Paul sterben seine Kameraden im französischen MG-Sperrfeuer. Später werden sie von britischen Panzern zermalmt oder durch Flammenwerfer lebendig verbrannt - dass er selbst am Leben bleibt, ist ausschließlich glücklichen Umständen zu verdanken.
Während Paul erschüttert von den vielen Toten und Schwerverwundeten immer mehr die Sinnlosigkeit des Krieges begreift, der übrigens keiner der Kriegsparteien nennenswerte Geländegewinne einbringt, treibt General Friedrichs (Devid Striesow) in seinem in sicherem Abstand zur Front gelegenen Quartier unermüdlich seine Offiziere zum Kampf gegen den Feind, während bereits eine Abordnung der deutschen Regierung unter Matthias Erzberger (Daniel Brühl) einen Waffenstillstand auszuverhandeln versucht...
Erich Maria Remarques berühmter Roman Im Westen nichts Neues erfährt nun bereits die dritte Verfilmung, und dieses Mal erstmals in einer deutschen Produktion: Regisseur Edward Berger spart dabei einige (private) Momente des Buches aus und läßt seine Protagonisten fast die ganze Zeit in den verschlammten Schützengräben agieren. Herausgekommen ist dabei ein durchaus bildgewaltiges Werk, das sich hauptsächlich auf den Alltag des einfachen Soldaten fokussiert, der an der Front tagtäglich durch Blut und Dreck waten muß und dabei alles andere als einen ehrenhaften Tod für Kaiser und Vaterland vorfindet.
Doch statt den Film im Sinne einer freien Interpretation dann konsequent aus dem Blickwinkel Bäumers zu erzählen, blendet das Drehbuch immer wieder den Unterhändler Erzberger ein, der einen kompromisslosen Siegfrieden der französischen Gegenseite akzeptieren muß. Das Wirken des historischen Zentrumpolitikers Erzbergers, zu Beginn des Krieges eher den Falken zuzurechnen, durch den Kriegsverlauf dann desillusioniert und am Ende händeringend zwischen Parlament, Kaiser und Militär um einen gangbaren Zwischenweg bemüht, kommt im 2022er Film allerdings zu kurz - trotz annehmbarer Leistung von Daniel Brühl steht der fast demütig um einen Waffenstillstand ansuchende Zivilist bei seinem französischen Gegenüber, dem Militär Foche, auf verlorenem Posten. Kontrastierend zur fast schon tragischen Filmfigur Erzbergers steht der verbissene General Friedrichs, der sich aus dem Handeln Erzbergers und des Parlaments dann die bekannte "Dolchstoßlegende" bastelt und die Schuld am verlorenen Krieg auf die Sozialdemokraten schiebt.
Um diese politisch relevanten Szenen neben dem Kriegsalltag richtig einordnen zu können, liefert Im Westen nichts Neues dem Publikum jedoch keinerlei Hintergrundinformationen zu deren Entstehung, sodaß sie teilweise wie isolierte Fragmente wirken, die den Erzählfluß von Bäumers Geschichte ausbremsen.
Einschübe wie diese dienen vermutlich dazu, die grundsätzlich trübe und pessimistische Stimmung des Films (der dem oft zitierten WWII-Referenzwerk Der Soldat James Ryan in Punkto Action-Choreographie in nichts nachsteht) ein wenig aufzulockern, schließlich ist das Werk als deutscher Beitrag für die 2023er Oscar-Verleihung nominiert worden.
Doch auch wenn das grundsätzliche Ziel, hier einen dezidierten Antikriegsfilm zu präsentieren, prinzipiell erreicht wird, so trüben doch einige überaus pathetisch inszenierte und daher schlicht als kitschig zu bezeichnende Szenen (vor allem gegen Ende des Films) wie auch der ungewöhnliche Score (aus einem dominanten, oft wiederholten Industrial-Dreiklang) die von der Literaturkritik (im Nachhinein) als radikal pazifistisch eingestufte Aussage des Romans - vermutlich ein Kompromiß, um einerseits den sich gewandelten Sehgewohnheiten des Kinopublikums 2022 gerecht zu werden, andererseits um auch bei den Filmauszeichnungen eine Chance zu haben.
So bleibt Im Westen nichts Neues dann trotz der herausragenden Leistung Felix Kammerers streckenweise ein etwas unterkühlter Kriegsfilm, der sich vor allem in detailreichen Schlachtengemälden gefällt, den Zuschauer aber kaum mitzureißen vermag. 6 Punkte.