Review

Für'n Kriegsfilm viel Neues


„Im Westen Nichts Neues“ gibt’s jetzt auf Netflix und ist die mittlerweile dritte große Verfilmung des literarischen Jahrhundertstoffes - allerdings mit jeweils einigen Jahrzehnten Abstand. Das ist dann meiner Meinung nach (obwohl ich Remakes oft genug ankreide) plausibel und fast schon sinnvoll. Selbst wenn die Version von 1930 für mich wohl unerreicht bleibt. Aber auch diese deutsche Oscarhoffnung ist verdammt, verdammt gut. Und eigenständig. Und modern. Da muss man fast schon glücklich sein, dass das große, rote N den Stoff nun etlichen Leuten mehr zugänglich macht als es eine alleinige Kinoauswertung wohl getan hätte. Andererseits gehören diese Bilder, diese Wucht, dieser brachiale Score schon ins Kino. Wo ich ihn aber leider auch verpasst habe. Beeindruckt und teilweise tief berührt bis weggeblasen hat dieses schmutzige Historienkino mich daheim jedoch ebenfalls. Erzählt wird von ein paar jungen Männern und Freunden im Deutschland der letzten Jahre des ersten Weltkrieges. Das Verständnis für die zerstörerische Macht, Brutalität und Traurigkeit des Kriegs ist ihnen kaum bewusst und es herrscht sogar Euphorie, dass man vielleicht seinen Teil dazu beitragen kann, die Schützengräben endlich weiter in die Reihen der Feinde zu verrücken. Doch die Wahrheit an der Front in Frankreich sieht natürlich anders aus und den Buben wird nur zu schnell klar, dass Propaganda und eigene Vorstellungen sehr, sehr weit entfernt von der tödlichen, dreckigen und unvorstellbaren Realität lagen…

Dieses aufwändige, emotionale und (nicht nur technisch) meisterhafte Update zu „Im Westen Nichts Neues“ ist ein erhabener (Anti-)Kriegsfilm, fast die Quintessenz seines Genres. Dieser futuristische Synthiescore ist gewagt, ballert für mich aber grandios die Gänsehaut hoch. Dazu spielen die Jungs intensiv genug um der Handlung und dem Stoff Paroli zu bieten bzw. würdig zu sein. Auch die größeren Namen - selbst wenn ein Daniel Brühl schon ein wenig die Immersion trübt und immer Daniel Brühl bleiben wird. Man spürt in jeder Sekunde den Matsch, den Todesgeruch, die plötzlichen Kopfschüsse und die allumfassende, lähmende Angst. Das Niemandsland war selten grausamer. Nicht nur unter deutschen Produktionen gemessen kann sich alles extrem sehen und hören lassen. Insgesamt finde ich ihn sogar besser als „1917“. Kein Wunder, dass dieses Bömbchen als Favorit für den Auslandsoskar gehandelt wird. „Im Westen Nichts Neues“ kann jedem internationalen Standard Stand halten, nicht nur das Ende ist niederschmetternd, alle Beteiligten liefern aufopferungsvoll ab. Und alles ist gerade in der heutigen Zeit - in der man oft genug das Gefühl hat, am Rande eines großen Krieges zu stehen - absolut notwendig und sinnvoll. Und wer uns Menschen kennt, weiß, eigentlich eh zeitlos. Daher war ich gebannt und abgestoßen zugleich, daher hat der Film sein Ziel (über)erfüllt und seiner Vorlage Ehre gemacht. Keine Minute zu lang, kein Stück zu grau. 

Fazit: eines der intensivsten Kino- und Filmerlebnisse des Jahres. Ein famoser Antikriegsfilm. Die womöglich beste Umsetzung des Stoffes. Und einer der hochwertigsten deutschen Filme aller Zeiten. Oscaranwärter. Wucht. Wahnsinn. Eigentlich kann man als Vielgucker ja kaum noch Kriegsfilme aus Deutschland sehen - aber „Im Westen Nichts Neues“ ist großartig! 

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