Review

Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ ist ein nationaler Schatz. Nicht wegen seiner überragenden literarischen Qualität (die sucht man nämlich vergebens); auch nicht wegen seiner getreulich ausgearbeiteten Gesellschaftskritik (deren Fehlen schon Bertolt Brecht übel vermerkt hat), sondern aufgrund seiner – Perspektive. Die Sprengkraft des Romans liegt nicht in der Analyse, sondern in der Aufrichtigkeit und Unvoreingenommenheit seines Herangehens, in dem Versuch, die Kriegserfahrung aus einer persönlichen, ideologisch eben nicht überformten Sicht nahezubringen. Dem folgen auch Lewis Milestones mehr als kongeniale Adaption von 1930 und Delbert Manns durchweg solide, zu unrecht ein wenig in Vergessenheit geratene Bearbeitung von 1979. Und nun gibt es also auch eine deutsche Verfilmung, die – man hätte es ahnen können – alles besser weiß.


Bergers Film will – soweit ja ganz löblich – die industrielle Knochenmühle Krieg anprangern und obendrein auch noch die dafür Verantwortlichen entlarven. Da drunter geht nichts. In der Folge benutzt der Film dem Roman entlehnte und aus dem Zusammenhang gerissene illustrierende Versatzstücke, die lediglich unter Zuhilfenahme einer ebenso guten wie politisch korrekten Absicht zusammengeklebt werden – einer Absicht, die sich ihrer selbst völlig gewiss und von keinem Zweifel an der eigenen Überlegenheit angekränkelt ist. Zwangsläufig missachtet er damit die Vorlage Remarques nicht nur in ihrem Kernanliegen, sondern er „dekonstruiert“ sie in dem Versuch, den perfekten moral high ground (sorry, kenne kein besseres deutsches Wort dafür) einzunehmen UND diesen gleichzeitig bestmöglich zu verwerten.


So kommt es leider, dass der Film – wie in den folgenden exemplarischen Betrachtungen sichtbar wird – am Ende nur den inneren Studienrat der Konsumentenherde bedient.


Über die besinnungslose Anfangssequenz, in der ein knuddeliges Fähennest direkt von einer betont unpersönlich aufgetischten Schlachtplatte abgelöst wird, sollte man wohl besser den barmherzigen Mantel des Schweigens breiten. Tue ich aber nicht. Schließlich bekommen wir hier frech den manichäischen Gegensatz von Heiler Natur™ und Reich des Todes – in dessen akzidentieller Form des Krieges – vor den Latz geknallt. Der Film verortet sich damit sogleich und ohne Not in Anspruchsregionen, in denen er unverschämterweise zuhause zu sein behauptet, denen er aber nicht im Ansatz gewachsen sein wird. Und genau das ist die unhintergehbare Definition von Kitsch. Wer die Glocken so hoch hängt, vermag sie auch auf den Schultern eines Titanen stehend (und das ist Remarque hier) nicht zu läuten.


Den Naturbezug auf den verwüsteten Schlachtfeldern aufrecht zu erhalten, ist natürlich einigermaßen mühselig. Deswegen begegnen uns auch bis zum Überdruss hübsche Bäume im Nebel. Gefällige Schwarzweiß-Kontraste und organische Wohlgeordnetheit werden dem Betrachter schamlos zum Behufe des komplementierenden Schönfindens angedient. Filmästhetik aus der Volkshochschule, damit der überflüssigerweise ins Spiel gebrachte, unversehrte Gegenpol zum Grauen nicht verloren geht. Auch Mendes war in seinem 1917 von diesem metaphysischen Wahn befallen – nur dass sein Kirschblüten-Gedöns vollends in den ungebremsten Kitsch abgedriftet ist.


Die geschäftig-teilnahmslose Aufbereitung der blutdurchtränkten Uniformstücke für die nächste Generation Kanonenfutter hingegen ist ein ausgezeichneter Einfall und mit der nötigen lakonischen Unpersönlichkeit inszeniert. Sie veranschaulicht überzeugend den industriemäßigen Charakter des ersten Weltkrieges und bildet den passenden Auftakt – nur blöderweise für einen ganz anderen Film. Sie eignete sich bestens als Ouvertüre für den Versuch, den Wesenskern und die sozio-ökonomischen Voraussetzungen für das Völkerschlachten darzustellen. Gehörte sie etwa zu einem Eisenstein-Film, gälte sie verdientermaßen als ikonisch. Bei Berger zeigt sie indes schlicht an, dass er mit Remarques Zugangsweise so überhaupt nichts anfangen kann und doch lieber oberlehrerhaft sein rares Proseminarswissen über das Sujet auswalzen möchte.


Der also gesetzte Rahmen ist einfach nicht vereinbar mit dem radikal individualisierten, heute würde man sagen Graswurzelansatz Remarques. Trotzdem möchte man natürlich nicht auf die Authentizität und emphatische Unmittelbarkeit der Schilderungen des Romans verzichten. Und schließlich ist er ja Vehikel sowie – aufgrund seines Renommées – auch Unique Selling Point des Films. Die Folgen sind ebenso vorhersehbar wie deprimierend: Figuren und Szenen des Buches werden gnadenlos aus ihrem Kontext entfernt, in die gewünschte Richtung manipuliert und dann als Illustrationsbrocken und Emotionsträger verwurstet.


Daher kennt der Film auch keinerlei Charakterentwicklung, und es wird etwas verständlich, was den mit einschlägigem Vorwissen ausgestatteten Zuschauer auf den ersten Blick völlig frappiert: Das Fehlen der im Roman konstitutiven Auseinandersetzung mit dem Feldwebel Himmelstoß und vor allem des für die Bewusstwerdung Bäumlers absolut entscheidenden Heimaturlaubs. Aber wo die Personen gar nicht interessieren, muss man halt auch kein Gewese um deren Selbsterkenntnisse und Befindlichkeiten machen. Letztlich kontaminiert diese Frankensteinisierung des Stoffes auch die gelungenen Elemente wie die beschriebene Uniformproduktion und die in sich zumeist erfreulich stimmig inszenierten Schlachtszenen und Grabenkämpfe. Gerade letztere sind in der Zeitachse des Films jedoch völlig arbiträr und bleiben selbstgenügsame Episode. Der Panzerangriff (über den man sich nebenbei wundert, warum er ohne Infanterieunterstützung erfolgt; womöglich war ein russischer Berater am Set) hätte ebenso am Anfang oder am Ende oder irgendwo dazwischen erfolgen können; es spielt mangels einer dramaturgischen Linie und ohne erhellende Referenz auf eine Charakterentwicklung einfach keine Rolle. Es sind unter dem Strich anzuerkennend gut gemachte, aber erratische Visualisierungshappen.


Aus den konsistenten Schilderungen Remarques wird ein Steinbruch; es werden lediglich Erzählklumpen herausgebrochen und – da durch diesen Plünderungsvandalismus natürlich Glaubwürdigkeit und Intensität der Szenen erheblich leiden – effektmäßig aufgepeppt (Beispiele: Kats Tochter stirbt an Pocken; Tjaden sticht sich ebenso blutrünstig wie unermüdlich mit der Gabel in den Hals). Dabei geht Berger auch noch so grobmotorisch vor, dass einzelne Szenen ohne Kenntnis des Romans schlicht unverständlich bleiben: die Essensszene etwa oder die Gasopfer in dem Raum. Und selbst das genügt nicht, um in die gewünschte Richtung zu pushen. Episoden wie die mit dem zweifachen Requirierungseinsatz in dem Bauernhof werden unpassender- und unglaubwürdigerweise hinzugedichtet, damit Kat am Ende in einem sterilen Kunstwäldchen von der Franzosenbratze abgeknallt werden kann. Im übrigen schrammt der Film hier und vor allem in den Waggon-Szenen unverständlich nah an einer bösartigen Stereotypisierung der Franzosen vorbei. Die Darstellung ihres Oberbefehlshabers etwa erschöpft sich in albernen Klischees und dient eigentlich nur dazu, irgendwie die Schuld der Herrschenden auf beiden Seiten herauszuarbeiten.


Die Opfer eines schweren Artilleriebeschusses werden bisweilen viele Meter in die Luft geschleudert, so dass hier und da Leichen und Leichenteile im Geäst von Bäumen hängenbleiben. Remarque hat dies als ebenso grauenerregende wie alltägliche Begleiterscheinung des Stellungskrieges nüchtern dargestellt. Das reicht Berger aber nicht; er muss auch hier um jeden Preis eins draufsetzen: Auf dem einzigen Ast eines vereinzelt stehenden Baumes balanciert in etwa 10 Metern Höhe ein zerfetzter Torso. Offenbar soll hier die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Konstellation das Entsetzen darüber, dass so etwas überhaupt möglich ist, noch einmal malerisch unterstreichen. Es mag filmische Kontexte geben, in denen eine solche Darstellung auf symbolischer Ebene funktioniert. Hier bleibt es jedoch gedankenlose Effekthascherei.


Ausgesprochen verräterisch sind jedoch die unbedarft angeflanschten Szenen in dem Eisenbahn-Waggon sowie dem als Generalsquartier dienenden Schlößchen, die – natürlich – in Remarques Roman keine Entsprechung haben. Sie dienen dazu, den Film auf eine höhere Ebene des kritischen Bewusstseins zu hieven. Denn wie sollen die Hintermänner und Nutznießer sonst ordentlich entlarvt werden, wenn man nur die kompromisslos persönlichen Schilderungen des Romans hat? Schließlich möchte man als aufgeklärter und ambitionierter deutscher Filmemacher die falsche Unmittelbarkeit des bürgerlichen Privatismus bei Remarque schon gerne überwinden. Nun, da waren doch diese – Moment, gleich hab' ich's – preußischen Junker als Träger des deutschen Militarismus. Die müssen unbedingt mit rein! Und so wirkt es denn auch.


Es gibt zahlreiche weitere Sündenfälle in dem Film zu entdecken, wie das lachhaft theatralische Ende oder die fremdschaminduzierende Szene, in der die beiden Hauptfiguren wie Olek und Bolek über die Wiese hüpfen und sich die Gans zuschmeißen. Aber irgendwann ist auch genug.


Warum dann trotzdem noch 3 Punkte für dieses Gelegenheitskommerzprodukt? Zum einen, weil es kein abstoßender Propagandastreifen wie Mendesens 1917 geworden ist (man ist ja schon mit wenig zufrieden); dann ist die kameratechnische Umsetzung wohl über alle Kritik erhaben (soweit ich das beurteilen kann). Und an der schauspielerischen Leistung – allen voran Daniel Brühls – wage ich auch nicht herumzukritteln.

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