Review

kurz angerissen*

Länder aller Welt kommen zusammen und feiern den Blödsinn als das, was er ist. Nur der Deutsche sitzt grimmig da und sucht nach einem tieferen Sinn im Blödsinn. So steht es im großen Buch der Nationenklischees geschrieben. Die Bestätigung folgt umgehend dann, wenn einem Filmregisseur mit einer deutschen Produktion ausnahmsweise mal wieder der Sprung in den Genre-Teich gestattet wird.

Die Alten der Gesellschaft zu einer neuen Monster-Kategorie des Horrorkinos zu erklären, ist gerade vor dem Hintergrund des starken demografischen Wandels, den wir aktuell erleben, im Grunde sogar eine hervorragende und vor allem zeitgemäße Idee. Verdorrtes Fleisch, das frische Impulse in ein altgedientes Genre aussendet... warum nicht? Aber wenn man einen ernsten Horrorfilm daraus machen will, dann nenne man das Ding doch bitte nicht „Old People“ und schüre Erwartungen an eine launige Sause in feucht-fröhlicher Bierseligkeit. Geliefert werden zwar Grampa- und Grannie-Horden on the Rampage, die sich Sauerstoffflaschen schwingend auf alles stürzen, was noch keine drei Falten im Gesicht hat, verpackt wird die Farce aber in eine unangemessen humorlose Prä-Apokalypse, inklusive peinlichem Off-Kommentar-Pathos zur Eröffnung und zum Ausklang, dass die Schwarte nur so kracht.

Nicht, dass man aus der Prämisse nicht auch einen formidablen Endzeitschocker hätte basteln können, aber dazu hätte es wohl einer handfesteren Schreibe bedurft. Andy Fetscher konzentriert sich darauf, in der ungestörten Ostsee-Idylle (gedreht wohl zumindest teilweise in Polen) Bruchstellen in das althergebrachte Mutter-Vater-Kind-Familienmodell zu zu meißeln, um es als das eigentliche Opfer der Alten zu markieren. Er investiert so viel in dieses Konstrukt, dass er es letztlich mit Symbolismus überlädt. Infolgedessen wirken die Attacken nicht mehr unheimlich, sondern eher wie von einer moralischen Hand geführt, deren Züge man immer vorhersehen kann. Mitunter geraten die Charaktere sogar derart unsympathisch, dass man dem Team Graue Panther viel Gesundheit und Kraft beim Ausholen wünscht.

Inszenatorisch lassen sich dabei gar nicht mal so viele Vorwürfe machen; „Old People“ zieht sehr viel von seinen ungewöhnlichen, unverbrauchten Landschaften, die das künstlich wirkende Figurennetz zumindest teilweise mit erfrischendem Naturalismus zu überwuchern verstehen. Gerade im Kontrast zum Plattenbau aus dem Prolog kommen die hübschen Wald- und Strandlandschaften schön zur Geltung und werden auch fachkundig abgefilmt. Der Horror allerdings sieht sich durchwachsen inszeniert. Fletscher ist sichtbar darum bemüht, eine eigene Ästhetik des Alte-Leute-Horrors zu erschaffen, kämpft aber gegen eine Filmhistorie voller garstiger Gruselopas und -Omas an, von der Dame in 237 aus Kubricks „Shining“ bis jüngst zu Shyamalans Runzelpärchen aus „The Visit“. Gerade ist auch wieder eine Zeit, da der klassische Zombie alterniert und mit menschlichen Faktoren vermischt werden soll, wie zuletzt noch in „The Sadness“. Eine schlüssige Mythologie lässt sich aber nicht einfach mit einem Nebensatz im Prolog etablieren. Und so liefert Fetscher isolierte Schlüsselbilder am laufenden Band, ohne mit ihnen viel zu erreichen: Die Altenheimbewohner im dunklen Aufenthaltsraum, die am Fenster neidvoll (?) den Abendschein der Hochzeitsgesellschaft verfolgen. Die alte Hexe im Schaukelstuhl. Der verwirrte alte Mann im Feld, so verloren wie ein nicht abgeholtes Bällebad-Kind. Letztlich weiß man nicht einmal so recht, ob man es mit einem Slasher- oder Zombie-Streifen zu tun hat.

Man kann hier einfach kaum anders, als einer vergebenen Chance nachzutrauern. Denn die Prämisse ist gut genug, dass man sich glatt nach einem Remake sehnt, kaum dass „Old People“ erschienen ist. Und diesmal gerne mit etwas mehr Substanz oder wahlweise mit etwas mehr Humor.



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