Das Familientreffen anläßlich der Hochzeit ihrer Schwester Sanna an der Ostseeküste hatten sich die Berlinerin Ella (Melika Foroutan) und ihre beiden Kinder Laura und Noah eigentlich harmonisch vorgestellt, zumal auch der Papa der beiden, ihr Ex-Mann Lukas (Stephan Luca) mit seiner neuen Frau Lisa (Daniela Galbo), sowie ihr eigener Vater Aike (Paul Faßnacht) dabei sein wollen.
Doch nach einer fröhlichen Feier mit Tanzmusik und vielen alten Geschichten kommt dann alles anders: in der benachbarten, heruntergekommenen Seniorenresidenz, in der auch Aike wohnt, drehen deren Insassen durch, machen die Pfleger nieder und gehen schließlich auf die Hochzeitsgäste los. Doch die merken erst einmal gar nichts vom Rachefeldzug der Hochbetagten, die es, angeführt von einem besonders entschlossenem Senior (Gerhard Bös) prinzipiell auf jüngere Menschen abgesehen haben...
Die Grundidee marodierender Senioren, die Angst und Schrecken verbreiten (statt der üblichen Rednecks, Inzüchtler, Okkultisten und dergleichen) ist für einen Horrorstreifen gar nicht mal schlecht, doch leider kann sich die Regie der deutschen Netflix-Produktion Old People zu keiner Zeit für ein Genre entscheiden und schwankt die ganze Zeit unentschlossen zwischen Gruselkino mit Slasheranleihen und rührselig-dümmlichem Familiendrama hin und her. Zu allem Überfluß taucht ab und zu (und besonders am Schluß) auch noch der aus deutschen Filmen sattsam bekannte und gleichermaßen verhasste politisch überkorrekte moralische Zeigefinger auf, der den Streifen dann endgültig verdirbt.
Zu den wenigen positiven Aspekten gehört die durchwegs gute Kameraarbeit (die zeitweilig atmosphärisch dichte Bilder liefert) sowie die zumindest passende Location abgelegener Gehöfte an der Ostsee (gedreht wurde in Polen), auch bezüglich der wenigen Metzelszenen (hier verdient eine als Bola dienende abgeschraubte Zierkugel in einer Socke Erwähnung) gibt es wenig auszusetzen, gleichwohl man diese durchaus etwas ausführlicher (und nicht nur im familienfreundlichen Gegenschnitt mit Blutspritzern) hätte darstellen können.
Doch das wars schon mit der Habenseite, der neben völlig hölzernen Dialogen eine kaum vorhandene Charakterzeichnung, wie Erwachsene altklug daherplappernde Kinder, diverse Logiklöcher und - vor allem zum Schluß - eine unerträglich aufgepfropfte sozialkritische Aussage gegenüberstehen.
Während sich bei den "Guten" die Erwachsenen (Ausnahme Mama Ella) prinzipiell zu wenig wehren (selbst nachdem sie die Gefahr endlich erkannt haben) müssen es dann die Kinder (eine ca. 16-Jährige und ihr kleiner Bruder unter 10 Jahren, der - tränentreibend - unter Asthma leidet) richten, indem sie ein lokal bekanntes Schlagerliedchen trällern - wtf?
Die geriatrischen Truppen selbst bewegen sich kaum, stehen meist stumm in der Gegend herum und erinnern an Zombies, einzelne jedoch sind flink und außerordentlich kräftig - diese nie erklärte Inkonsequenz in der Darstellung der "Bösen" trägt - neben einem fehlenden wirklichen Motiv - absolut nicht dazu bei, diese als gefährlich erscheinen und somit Spannung aufkommen zu lassen.
Bezüglich der Logiklöcher weiß man gar nicht, wo man anfangen soll: Mama legt sich im Festkostüm(!) ins Bett schlafen, wacht irgendwann nachts auf und wundert sich kein bißchen darüber, daß die Haustür offen steht - ähm? Eifersüchtige Gattin arbeitet gegen die Mama und ex-Frau, steigt dann aber in den 1. Stock und springt in Suizidabsicht runter - wtf? Unter einem Killer liegend und dessen Messer an der Kehle spürend ist die naheliegendste Reaktion natürlich nicht diesen abzuwehren, sondern... ein paar Zeilen eines belanglosen Oldies zu rezitieren - wtf?? Wenn man bei nächtlicher Dunkelheit in einen Tunnel steigt, kommt man nach 50 Metern dann wo heraus? Richtig, im hellsten Tageslicht... usw., usf.
Der dickste Hund jedoch ist die aufgesetzte Sozialkritik an menschenunwürdigen Zuständen in Altersheimen, die während des Films das eine oder andere Mal zur Sprache kommt, dem Publikum am Ende jedoch mit aller Gewalt um die Ohren gehauen und als Quintessenz des ganzen Films verkauft wird. Abgesehen davon, daß es ohnehin grenzwertig erscheint, daß ein Horrorfilm (fiktiv) auf ein tagespolitisch relevantes Problem (real) abstellt, geschieht dies in Old People auch noch mit der ganzen Wucht des politisch korrekten Besserwissens - eine leider nicht totzukriegende Untugend deutscher Filmproduktionen, die dem Streifen endgültig den Rest gibt.
Somit bleibt als Fazit nur die Gewissheit, aus einer vielversprechenden Prämisse nichts gemacht zu haben - der offenbar in ihren Konventionen gefangenen Regie fehlte hier schlicht jeglicher Mut. Viel besser wäre es gewesen, die in jeder Hinsicht erbärmlichen, im eigenen Schleim ersaufenden letzten Minuten wegzulassen und stattdessen z.B. den von Gerhard Bös dargestellten langhaarigen Anführer (der in dieser Rolle übrigens die beste darstellerische Leistung des ganzen Films abliefert, aber leider viel zu wenig Screentime hat) am Ende gewinnen zu lassen - aber nichts da, lieber dümpelt man bequem im brackigen Fahrwasser es allen Recht machen wollender deutscher TV-Gewohnheiten. Schlichtweg zum Vergessen! 3 Punkte.