In seiner selbstgewählten Mission, gegen "das System" zu rebellieren, hat sich der junge Toby (George MacKay) einem eher exotischen Aktionismus verschrieben: zusammen mit seinem Kumpel Jay (Percelle Ascott) steigt der Spraydosen-Aktivist nachts in Häuser von Prominenten und anderen Vertretern des Londoner Establishments ein, um dort seinen titelgebenden Schriftzug I came by ("Ich war hier") an der Wand zu hinterlassen - ein gefundenes Fressen für die Regenbogenpresse, deren Berichterstattung Toby genüsslich aufsaugt.
Gerade hatte man wieder eine Wohnung getaggt, diesmal das Haus des pensionierten Richters Hector Blake (Hugh Bonneville), als Toby, der den Code der Alarmanlage kennt, dort noch einmal einsteigen will. Jay jedoch, dessen Freundin ihm gerade eröffnet hat, schwanger zu sein, möchte deswegen aus dem gemeinsamen Graffiti-Projekt aussteigen, da ihm das Risiko, erwischt zu werden, angesichts einer bevorstehenden Familiengründung als zu hoch erscheint.
So zieht der von seiner Mission beseelte Toby eben alleine ein zweites Mal zu des Richters Domizil. Dort macht er beim Herumstöbern im Keller eine Entdeckung, die er nicht erwartet hatte und die ihm das Blut in den Adern gefrieren läßt. Wie soll er sich jetzt verhalten? Als Einbrecher die Polizei rufen? Toby ist ratlos. Was er auch nicht weiß: der abwesende Pensionist hatte seine Alarmanlage umgestellt und erhält eine Warnmeldung aufs Handy, als Toby diese erneut deaktiviert. Sofort setzt sich der Hausherr ins Auto und rast nach Hause...
Regisseur Babak Anvari (Under the Shadow, 2016) beginnt seinen dritten Langfilm mit der konventionellen These von menschlichen Abgründen hinter einer glänzenden Fassade, der mit seinen Thrillerelementen auch eine gewisse Spannung aufbaut. Dabei leistet er sich den Luxus, seine Protagonisten als indifferent-langweilige bis äußerst unsympathische Charaktäre darzustellen, was dank der Spannung auch bis zu einem gewissen Punkt funktioniert. Als jedoch schon vor der Filmmitte einer der Hauptdarsteller "aussteigt" und das unheimliche Treiben im Keller des Richters bekannt ist, bekommt das Konzept (sofern es ein solches überhaupt gab) erste Risse - fortan stehen eher sozialkritische Töne im Vordergrund und die Beteiligten fangen an, sich vollkommen unlogisch zu verhalten. Im letzten Filmdrittel dann ergeben sich neben den Logiklöchern auch noch unerklärliche Zeitsprünge zwischen den einzelnen Handlungen, bevor dann ein überhastet abgedrehtes Ende die ganze Geschichte doch noch abschließt. Leider ist bis dahin fast jede erzählerische Struktur verloren gegangen, und I came by hinterläßt erheblich mehr Fragen, als er beantworten kann (oder will).
Wie bereits in seinem enttäuschenden zweiten Film (Wounds, 2019) gelingt es Anvari nicht, seine vielen Ideen sinnvoll strukturiert im Drehbuch einzubringen - stattdessen springt der Streifen thematisch hin und her, führt unzureichend beleuchtete neue Charaktäre ein (die genauso schnell wieder verschwinden) und stolpert zum Schluß über seine zeitliche Diskontinuität, in der Begebenheiten gezeigt werden, von denen man in der nächsten Szene erfährt, daß zwischen beiden Monate liegen müssen. Monate, in den was? passiert ist?
Ungewöhnlich aber hinnehmbar ist der Umstand, daß Anvari seine Hauptdarsteller als durch die Bank unsympathisch einführt: Toby ist ein verwöhntes Bürschchen, das noch im Hotel Mama wohnt, gegen das "System" rebelliert, dessen sozialstaatliche Segnungen aber gerne entgegennimmt. Der pensionierte Richter Blake dagegen predigt Wasser (indem er sich öffentlich für soziale Randgruppen einsetzt), trinkt jedoch heimlich Wein, indem er gezielt homosexuelle arabischstämmige Asylwerber anlockt, um sie zu erpressen und auszunutzen - eine ganz besonders widerliche Type, deren Darstellung man Paddington-Akteur Hugh Bonneville, der hier eine erschreckend bösartige Performance an den Tag legt, gar nicht zugetraut hätte. Der Rest des Casts besteht aus austauschbaren Figuren, gerade mal Tobys Mama (Kelly Macdonald als beherzte Psychologin) kann als Einzige in ihrer kurzen Screentime Sympathiewerte verbuchen.
Das Anliegen des Regisseurs, auf die schwierige Situation von Asylwerbern in UK hinzuweisen, ist solchermaßen als Wink mit dem Zaunpfahl durchaus wahrnehmbar - auch der Umstand, daß Tobys dunkelhäutiger Kumpel Jay (der immerhin einen Job hat und zugunsten seiner Familienplanung auf illegale Spray-Aktionen in Zukunft verzichten will), ferner seine pakistanische Braut (die Mut beweist, indem sie den Richter bei einer Uni-Lesung mit ihrer thematisch brisanten Dissertation konfrontiert) oder die einzige Polizistin (unter lauter obrigkeitshörig-wegschauenden oder schlicht stümperhaft untersuchenden Ordnungshütern) die Verdachtsmomente gegen den Richter hegt, afrikanischer Herkunft ist, weisen als positiv gezeichnete Nebencharaktäre überdeutlich auf des Regisseurs Intentionen hin.
Das Genick bricht sich der Film jedoch mit seinen Logiklöchern, die nach einer halben Stunde Laufzeit immer größer werden: eine weitere Person steigt heimlich in des Richters Haus ein, wohlwissend, daß dieser ein potentieller Serienkiller sein könnte - ohne Waffe, ohne Rückendeckung, und vor allem ohne jeden Plan, was sie dort eigentlich will - wtf? Ein Opfer des Richters, diesem gerade noch mit Mühe und Not entkommen, läßt sich wenige Tage später beschwatzen, doch wieder in dessen Auto einzusteigen - wie dumm kann man eigentlich sein?! In dieser Tonart geht es dann munter weiter, die Krönung jedoch ist der angeblich gleiche Keller mit derselben Tür in einem anderen(!) Haus, womit Anvari schlichtweg die Intelligenz des Publikums beleidigt. Der schlußendliche Held, der für diese Heldentat seine Familie aufgibt (wtf??) ist dann nur noch eine Draufgabe.
Fazit: Nach sperrigem Beginn kurzfristig durchaus spannend, stürzt I came by ab der Mitte zunehmend ab und ersäuft dann in Unglaubwürdigkeit und sinnlosen Zeitsprüngen. 3 Punkte.