Review

Licht und viel Schatten (Staffel 1 und 2)

Ich habe bewusst die großen Wellen der Empörung abgewartet, ehe ich der Serie eine Chance gab. Und ja, ich habe mir auch mit diesem Review Zeit gelassen – erst nach der zweiten Staffel, damit ich euch auch ein differenziertes Review bieten kann.

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen und ellenlange Listen von Dingen aufstellen, die mich gestört haben oder die massiv von der Vorlage abweichen – oder einfach nur durch Amazon kontrovers umgesetzt wurden. Ich belasse es bei ausgewählten Highlights des Gelungenen und weniger Gelungenen:

Für mich am Störensten waren die mit dem Holzhammer gesetzten Plottwists. Zum Beispiel: Einer der Istari taucht viel zu früh (Zweites Zeitalter statt Drittes) auf und wandert mit unerklärlicher Gedächtnislücke durch die Gegend. Unsinnigerweise ist er kein blauer Zauberer, was eigentlich viel logischer gewesen wäre, sondern ein alter Bekannter. 

Figuren wie der bei Fans beliebte und mysteriöse Tom Bombadil haben in diesem Werk eigentlich keinen Platz – schon gar nicht als Lehrmeister in der Wüstenlandschaft Rûn (statt im Grünen, wo Tom normal lebt), wo er nicht wirklich hingehört. Amazon wirbelt hier einfach berühmte Figuren wahllos in die Handlung, oft fern vom Geist der Vorlage. Tom Bombadil ist eine legendäre Gestalt, weil er jenseits aller Ordnung steht und nicht den normativen Kräften und Abläufen in Mittelerde unterworfen ist. Er ist selbstzentriert auf sich und seine Gemahlin und interessiert sich nicht für die großen Geschehnisse. Seine Motivation sich in die Geschehnisse einzumischen bleibt in der Serie ungeklärt.

Auch die kämpfende Galadriel hat von Anfang an viele Fans negativ gestimmt. Ich persönlich empfand sie grundsätzlich sogar als eine der besser besetzten Figuren, aber auch hier hapert’s am Drehbuch. Galadriel hier hat kaum noch was mit der magisch begabten, weisen Elbin aus den Büchern oder den Filmen zu tun. Ich will ihr keine Kampffähigkeiten absprechen – sie hat zweifellos starke, magische Kräfte (teils durch Artefakte, teils durch Elbenmagie) und große Weisheit. Doch beides fehlt in der Serie weitgehend. Stattdessen wird sie actionreich als Schwertkämpferin inszeniert, die gegen Sauron tänzelnd und wirbelnd mit dem Schwert antritt – was ziemlich weit weg ist vom Original, wo sie eher wie ein Istari (Zauberin) wirkt: unterstützend, im Hintergrund die Fäden ziehend, passiv-aggressiv und durchaus auch ambivalent. Die Ambivalenz kommt in der Serie durchaus an manchen Stellen durch, wird aber nicht durchgehalten. Ihr Verhältnis zu den anderen Elben wirkt inkonsistent (wohl auch Amazons schwachem Drehbuch geschuldet) -gerade auch das zum Hochkönig und zu Elrond. Wendungen sieht sie überhaupt nicht kommen und wirkt dadurch beschränkt und affektgesteuert und rein emotional - völlig ungeeignet für eine Heerführerin, die viel mehr können sollte als nur kämpfen.

Subjektiv gefallen haben mir Figuren wie Durin, Celebrimbor, Adar (obwohl man auch zu ihm viel Negatives sagen könnte) und Sauron. Alle genannten verkörpern zumindest das, was sie ausdrücken sollen und sind aus meiner Sicht auch gut besetzt. Besonders Sauron ist so, wie man ihn aus der „Schlacht um Mittelerde“-Mod (Ein Fanprojekt, das es sich dem Mittelerde Zyklus verschrieben hat)kennt: Gestaltwandler, Verwirrzauber, ein guter Schwertkämpfer und Zauber, die auf Beschwörung, Regeneration oder Unterwerfung basieren. Seine verschiedenen Gestalten haben mir gefallen – vor allem als „Herr der Geschenke“, so wie ich ihn mir beim Lesen vorgestellt hatte.

Das große Problem bleibt aber das bereits erwähnte schwache Drehbuch. Der Balrog in Moria besiegt die Zwerge nicht sofort, sondern wird durch einen kleinen Erdrutsch erst mal weggesperrt. Das hat mich unverständlich zurückgelassen und sichtlich nicht nur mich.

Auch Adars Tod und seine finale Rückverwandlung in einen Elb werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Es wirkt, als wolle er die Seiten wechseln und statt Uruk wieder Elb sein – aber er spricht weiter von den Orks als seinen Kindern. Das wirkt widersprüchlich.

Dass die Orks aus Bosheit Cerebrimbors Bücher vernichten, statt sie Sauron zu übergeben, macht für mich ebenfalls keinen Sinn. Man würde meinen, Sauron würde alles sammeln, was ihm Macht verleiht. Auch seine Tötung von Celebrimbor und seine Träne über dessen Tod erscheinen mir unpassend. Sauron wollte ihn eigentlich "nur" foltern und weiter für sich nutzen, doch das plötzliche Töten aus dem Affekt heraus (wo ist da Saurons sonst so legendäre und in der Serie beworbene Strategie geblieben) und dann auch noch das Weinen über den Verlust passen nicht zu seinem Charakter wie er im Buch, in den Filmen oder der bisherigen Serie aufgebaut wurde. Hier widerspricht die Serie sich selbst, und ich befürchte, das wird nicht das letzte Mal passieren.

Viele Dialoge wirken anfangs kraftvoll, doch sie ergeben letztlich keinen Sinn, weil sie nur unerklärte Phrasen sind. Galadriel schwört am Ende, dass das Licht die Dunkelheit besiegen wird – aber was genau sie damit meint, bleibt nebulös. Es gibt eine Anspielung auf die Gründung Bruchtals, aber das sagt nicht viel aus. Die Serie versucht, zumindest den Geist der Vorlage einzufangen, geht aber dann wieder eigene Wege – was die meisten Fans eher frustrieren wird, weil wir hier nichts Ganzes und nichts Halbes haben.

Und ja, jetzt wird’s persönlich: Für mich funktioniert die Serie teilweise auf visueller Ebene – als Action- und Popcorn-Kino mit Tolkien-Anleihen. Es wirkt wie ein Fanprojekt, das Tolkien inspiriert ist, aber nicht wirklich an seine Vorlage hält (in Japan kennt man die Dojinshi: Fanprojekte, die sich frei an bekannten Vorlagen bedienen). Das hätte man ehrlich so vermarkten sollen, dann wären die Reaktionen der Fans vermutlich anders ausgefallen, nämlich nüchterner und weniger emotionsgeladen. Das Entstehen der Ringe der Macht ist schön anzusehen, die Kämpfe machen der Aktion wegen Spaß – aber letztlich bleibt vieles belanglos. Figuren werden schlecht und blass dargestellt, sowohl durch die Darsteller als auch durch das Drehbuch und der Gipfel sind dann die hanebüchenen Dialoge. Das Drehbuch ist schlicht eine Katastrophe, die Besetzung für so eine Großproduktion eher unterdurchschnittlich.

Schaue ich mir das kostenlos im Stream auf Amazon an: Ja

Gebe ich dafür auch nur einen Cent aus oder stelle es mir in die Sammlung: Ganz sicher nicht!

Ob sich das Chaos dann für Amazon lohnt am Ende wird man sehen - vermutlich durch Aufmerksamkeit und Werbung irgendwie schon. Eines kann ich aber sagen: Ein Klassiker und künstlerischer Meilenstein ist hier nicht entstanden und ich verstehe auch Jeden, der hier deutlich weniger als 6 Sterne vergibt.














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