Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Samuel D. Hunter, der auch das Skript verfasste, erzählt Regisseur Darren Aronofsky, wie er es bereits einige Male tat, von einer tragischen Figur. Von dem höchst übergewichtigen Charlie, der sich nur noch in seiner Wohnung aufhält, Onlineschreibkurse gibt und langsam aber sicher an seiner krankhaften Lebensart zugrunde geht. Dabei versucht er, den Kontakt zu seiner Tochter wiederherzustellen, sie und ihre Mutter hat er vor Jahren verlassen.
Seine Herkunft von der Bühne sieht man dem Film jederzeit an, die Kamera verbringt ihre Zeit nahezu ausschließlich in Charlies Wohnung. Erhellt von künstlichem Licht findet nur seltenst die Sonne in die Wohnräume. So scheint Charlies Leben von einer Art Gleichförmigkeit durchzogen und die kommenden und gehenden Schatten vor den geschlossenen Fenstern sind ein Sinnbild der Welt vor seiner Tür, vor der er sich versteckt und die nur real scheint, wenn sie wirklich durch seine Tür kommt. Hinein in das schummerige Licht, in dessen Widerschein Charlie langsam vergeht.
Besucher hat es da nicht viele. Liz als Charlies einzige Freundin, die ihn auch medizinisch unterstützt, an seiner Sturheit aber selbst mitunter verzweifelt. Hong Chau spielt den sympathischen Nebencharakter resolut und doch empathisch. Sadie Sink als Charlies Tochter Ellie bleibt da ambivalent, wobei ihre positiven Seiten vermutlich rein in Charlies wohlwollender Wahrnehmung liegen. Wobei diese schon einem Zwang gleicht, denn Charlie wirkt besessen davon, den Kontakt wiederherzustellen, in ihr etwas Großes zu sehen, sie zu unterstützen – einmal etwas richtig zu machen, wie er es sagt. Ellie selbst hingegen, da möchte man ihrer Mutter Mary (Samantha Morton) zustimmen, scheint dieser seiner Vorstellung da eher weniger zu entsprechen. Dramaturgisch notwendig für den Film, aber derart anstrengend hätte ihre Rolle nicht unbedingt angelegt sein müssen. Bleibt noch Ty Simpkins als Thomas, der missionarisch unterwegs ist und immerhin für einen anderen, wenn auch wenig überzeugenden, Blickwinkel auf das Thema Erlösung steht.
Und da ist dann noch Brendan Fraser, der den Rest nicht nur durch seine physische Präsenz überragt. Versteckt hinter einem perfekten Make-up spielt er sich aus diesem heraus und trägt den kompletten Film mit einer eindrucksvollen Leistung. Er lässt Charlie sympathisch wirken, kann gleichermaßen ein Fünkchen Humor, aber auch eine tiefgehende Melancholie verbreiten und bietet hier eine der besten Leistungen seiner Karriere. Dabei gibt er Charlie glücklicherweise nicht der Lächerlichkeit preis, sondern lenkt den Fokus stets auf die emotionale Ebene. Die Ablehnung, die dem krankhaft Übergewichtigen dabei entgegenschlägt, wird nicht ausgeschlachtet oder für den Effekt verzerrt.
„The Whale“ ist ein Wechselbad der Gefühle, pendelt zwischen Verzweiflung und Hoffnung – erstere schlägt letztlich aber immer wieder unaufhaltsam durch. Dazu auch trägt die Präsentation bei, so trist wie Charlies Welt (also seine Wohnung) hier scheint, gibt sich auch die musikalische Untermalung. Die Wahl des Bildformats wirkt da nur umso beengender.
Aronofsky nimmt sicher wieder einer leidenden Seele an, und wieder landet er bei mir einen Wirkungstreffer. Mag die Ganze Geschichte auch merklich zielstrebig sein, auf ein offensichtliches Ende zusteuern und auf der emotionalen Klaviatur spielen. Es funktioniert. Als Drama, eine Abwärtsspirale, dem Flehen nach Vergebung, einem Versinken im Ozean mit einem letzten Auftauchen, um Luft zu holen.
Bestückt mit einem großartig aufspielenden Brendan Fraser, einer erwähnenswerten Hong Chau und der Gewissheit nach fünf Minuten, dass das hier kein Feelgood Movie mehr wird. „The Whale“ ist für mich ein frühes Highlight dieses Filmjahres. Nicht perfekt, aber packend und überaus sehenswert.