Review
von Leimbacher-Mario
Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht
Noah Baumbach macht einen Horrorfilm? Für Netflix? Mit allen Freiheiten, die man dort als gestandener Regisseur haben kann? Gimme gimme gimme! Das waren meine ersten Gedanken zu „White Nose“, den man nur als verkopfte Groteske und überlange Wundertüte beschreiben kann, der jedoch absolut nicht meine Erwartungen erfüllen konnte. Erzählt wird von einer recht typischen US-Familie in den 80ern zwischen Pillensucht, einer giftigen Wolke, Weltuntergangsstimmung, Fakenews, Hitlerprofessor und Ehekrisen - insgesamt also gar nicht allzu weit weg von der Situation für viele heute…
Meine Prognose: über 50% der Netflix-User gucken den nicht zu Ende
„Weißes Rauschen“ merkt man seinen Ursprung in Buchform arg an und ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Potpourri literarisch besser funktioniert als auf der (Heimkino-)Leinwand. Die Darsteller sind ohne Frage erhaben und spielen auch mal nicht ihre üblichen Klischees und Rollen. Driver Bäuchlein ist süß. Gegen Ende sieht man positiv überraschend auch noch ein paar bekannte deutsche Gesichter. Dazu fängt Baumbach die 80er strahlend, bunt und visuell witzig ein wie selten jemand zuvor. Am ehesten erinnert das noch an die Serie „Maniac“, ebenfalls auf Netflix. Manche Designs und Shots sind erstklassig und halten allein schon bei Laune. Zudem gibt der Film natürlich etliche Ansätze und Themen wieder, vom Personenkult über das gebrechliche Familienglück bis zu einer Art Satire zu Spielberg oder Emmerich im Mittelteil, der sich wie eine quirlige Veräppelung von „Krieg der Welten“ und Co. verhält und mir von dem ganzen Mischmasch noch mit Abstand am besten gefällt. Doch ansonsten finde ich das ausufernde und verfranzte Experiment äußerst ernüchternd. Es gibt keine coolen Songs aus der Epoche, die Dialoge wirken gestelzt und verhindern jeglichen Zugang zu den Figuren, echte Spannung wird wenn dann enorm gestreckt und wirkt nie gut genug durch. Das Prädikat „Horror“ kann man so auch nicht stehen lassen. Und die meisten Handlungsstränge und Ideen verlaufen idiotisch im Sand. Vielleicht nicht setzen sechs, aber doch höchst unbefriedigend.
Fazit: chaotisch, überladen, affektiert, satirisch und interessant - „Weißes Rauschen“ will viel, aber im Endeffekt nervt er eher mit vielen Knoten und Ansätzen ohne etwas wirklich aufzulösen oder zu Ende zu führen. Zu lang, zu überheblich, zu anders. Obwohl Letzteres nichts Schlechtes ist. Typischer Fall von: hier hat Netflix mal wieder zu viel freie Hand gelassen und zu wenig kritisiert. Baumbach verliert sich hier.